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Draisaitl und "viel Euphorie" Und täglich grüßt Wayne Gretzky

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Connor McDavid und Leon Draisaitl wecken Hoffnungen - und Erinnerungen.

(Foto: picture alliance / empics)

Leon Draisaitl ist Top-Torschütze und Topscorer der NHL. Seine Statistiken sind so gut, dass sie mit denen von Wayne Gretzky verglichen werden. Doch Deutschlands Eishockeystar geht es nicht um individuelle Daten, sondern um den Teamerfolg mit den Edmonton Oilers.

Er ist schon lange weg - und trotzdem noch allgegenwärtig. Wayne Gretzky hat die Edmonton Oilers im Sommer 1988 Richtung Los Angeles Kings verlassen. Doch seine Aura und sein Erbe sind in der Ölmetropole immer noch spür- und sichtbar. Vor dem Haupteingang des "Rogers Place" an der 104th Avenue steht eine lebensgroße Statue von "The Great One". Gretzky reckt den Stanley Cup in die Höhe. 1984, 1985, 1987 und 1988 hatte er die Oilers zur NHL-Meisterschaft geführt. Als er seine zweite Saison in L.A. spielte, gewann Edmonton 1990 zum fünften und bis heute letzten Mal den Titel.

Wenige Meter von der Statue entfernt sind im "Hall of fame room" der Oilers Replikationen der fünf Cups zu sehen. Und auch Gretzkys Spind aus der Meistersaison 1984 - versehen mit allen Unterschriften der Spieler. In der Halle hängt sein legendäres Trikot über dem Eis. Seine Rückennummer 99 wird nicht mehr vergeben - nicht in Edmonton und auch nicht bei den anderen 31 NHL-Klubs. Gretzky ist mittlerweile 60 Jahre alt. Er hat seine Karriere 1999 beendet. Viele seiner Rekorde sind immer noch unerreicht - und werden es wohl auch ewig bleiben.

Bessere Start-Bilanz als einst Gretzky

Derzeit fällt sein Name in Edmonton etwas öfter. Und das ist ein gutes Zeichen für die Oilers. Denn immer, wenn es bei denen gut läuft, wenn sie eine Siegesserie haben, werden Vergleiche gezogen zu den Daten von Gretzkys großen Oilers-Teams der Achtziger. Es ist eine Art ultimativer Test. Mitunter ist er unfair. Denn die Oilers der Achtziger, zu denen neben Gretzky auch Akteure wie Jari Kurri, Mark Messier, Glenn Anderson und Granit Fuhr gehörten, waren das Nonplusultra der Liga - die Oilers der Saison 2021/22 sind es keinesfalls. Aber sie befinden sich zumindest auf dem Weg nach oben. Und die Bilanz von 9:1-Siegen aus den ersten zehn Saisonspielen war sogar die Beste der Vereinsgeschichte.

Leon Draisaitl hat in der Stadt deshalb "sehr, sehr viel Euphorie" vernommen, wie er im Gespräch mit n-tv betont. Die Menschen in Edmonton würden merken, so der Kölner, dass die Zeit dieser Oilers in den nächsten Jahren komme. Die Edmontonians hätten endlich mal wieder erfolgreichere Jahre verdient. Was haben sie leiden müssen seit dem letzten Titel vor mittlerweile 31 Jahren. Nur einmal, 2006, waren die Oilers noch mal ganz nah dran am Gewinn der Meisterschaft. Doch sie verloren die entscheidende siebte Partie der Endspielserie bei den Carolina Hurricanes 1:3.

Ansonsten: viele Enttäuschungen, viel Ärger. So viele Niederlagen. So wenige Siege. Die Gemütslage war oft wie ein ganzjähriger, grauer Winter. Auf die Finalteilnahme 2006 folgten zehn Spielzeiten nacheinander ohne Playoffs. Andere Vereine freuten sich Mitte April auf die Ko-Runde, in Edmonton hingegen wurde dann bereits immer schon das Eis abgetaut. Die NHL-Saison war beendet.

Doch die Jahre im Ligakeller hatten auch etwas Positives. Nordamerikas Sportligen sind um Parität bemüht. Jeder Klub soll - zumindest theoretisch - die Chance haben, Meister zu werden. Deshalb haben die schlechtesten Teams bei der Talenteverteilung Draft immer als Erste Zugriffsrecht auf die besten Nachwuchsspieler. So kam 2014 Leon Draisaitl nach Edmonton und ein Jahr später Connor McDavid.

Draisaitl mag keine Vergleiche mit Gretzky

Beide sind seit vielen Jahren die herausragenden Oilers-Akteure. Zusammen würden sie Dinge auf dem Eis machen, die man seit Jahrzehnten nicht mehr gesehen habe, hieß es kürzlich bei ESPN. Kapitän McDavid gilt als Jahrhunderttalent. Sein Antritt, seine Geschwindigkeit und seine Dribblings in höchstem Tempo sind eine Klasse für sich. Draisaitl hat zwar nicht den Speed von McDavid, versteht es aber, seinen Körper optimal einzusetzen, um so den Puck abzuschirmen.

Seine Anspiele mit der Rückhand, oftmals ohne Blickkontakt zum anvisierten Mitspieler, bezeichnet Sturmkollege Zach Hyman als "einzigartig in der Liga". Oilers-Verteidiger Darnell Nurse nennt Draisaitl gar "den besten Passgeber der Welt." Die Schlagschüsse von "Deutschlands Sportler des Jahres" sind ebenso gefährlich und oftmals unhaltbar für die gegnerischen Torhüter, wie die von Superstar Alexander Owetschkin (Washington Capitals).

Derzeit gibt es keinen treffsicheren Stürmer und keinen fleißigeren Punktesammler in der Liga als Leon Draisaitl. In 18 Spielen hat er 18 Tore erzielt und 18 weitere vorbereitet. Als er nach 15 Partien bereits 17 Mal getroffen und durch seine zusätzlichen 16 Assists insgesamt 33 Punkte vorzuweisen hatte, war es mal wieder an der Zeit, diese Werte einzuordnen. Sie auf die Waage zu packen. Sprich: sie mit den Daten von Wayne Gretzky zu vergleichen. Und siehe da, Draisaitl schneidet sehr respektabel ab. Gretzky hatte nur einmal, 1983/84, in den ersten 15 Spielen mehr Tore geschossen (19) und zudem in fünf Spielzeiten mehr Punkte gesammelt als er.

Draisaitl selbst mag die Parallelen zum wohl besten Spieler der Eishockeygeschichte nicht. Als ihm kanadische Journalisten einst den Spitznamen "The German Gretzky" gaben, hat er eher verlegen gelächelt, als sich darüber zu freuen. Draisaitl spielt seine achte NHL-Saison. Er hat sich seit Jahren unter den besten Angreifern in der besten Eishockey-Liga der Welt etabliert. Und er wird allmählich ungeduldig. Es gehe ihm nicht mehr um seine einzelnen Statistiken. Vielmehr wolle er den Mannschaftserfolg, also den Stanley Cup gewinnen, so der 26-Jährige.

In dieser Saison hat Edmonton seiner Meinung nach vor allem in der Offensive mehr Qualität und Flexibilität. Dennoch fällt nach 18 von 82 Vorrundenspielen auf, dass die Oilers trotz sinnvoller Verstärkungen wie Zach Hyman, Warren Foegele und Derek Ryan vor dem gegnerischen Tor immer noch viel zu sehr von Draisaitl und McDavid abhängig sind. Die beiden haben 30 der 69 Treffer erzielt. Sie liegen mit 36 und 32 Zählern auf den ersten beiden Plätzen der NHL-Scorerliste - mal wieder. So wie bereits in den vergangenen beiden Jahren auch.

Seit Beginn der Saison 2018/19 hat niemand in der Liga mehr Tore erzielt als Draisaitl (142) und niemand mehr Punkte gesammelt als McDavid (350, Draisaitl ist mit 335 Zählern Zweiter). 2020 wurde der Kölner "wertvollster Profi" (MVP), Topscorer und zudem von seinen Mit- und Gegenspielern zum "herausragenden Akteur" gewählt. Vergangene Saison erhielt McDavid all diese Ehrungen. Trotzdem haben die Oilers in der Ära McDavid/Draisaitl erst eine Playoff-Serie gewonnen. Und das liegt bereits vier Jahre zurück.

Erwartungen steigen

Denn in der K.o.-Runde wird härter, kompromissloser gespielt und trotzdem weniger seitens der Schiedsrichter gepfiffen. Qualität ist wichtig in dieser entscheidenden Phase der Saison, aber auch Charakter. Für die Edmonton Oilers sollte es kein Problem sein, sich für die Playoffs zu qualifizieren. Doch das ist nur das Minimalziel. Niemand erwartet im kommenden Frühjahr bereits den Titel. Aber zumindest mal ein paar Runden zu überstehen - das wäre doch mal was. Vor allem, wenn man gleich zwei Superstars in ihren besten Jahren hat.

Die Edmonton Oilers von Wayne Gretzky haben zwar nie neun ihrer ersten zehn Saisonspiele gewonnen. Aber sie waren dann siegreich, wenn es drauf ankam. In den Playoffs im Mai und Juni. Daran werden die aktuellen Spieler der Edmonton Oilers gemessen. Und daran werden sie jeden Tag erinnert, wenn sie zur Arbeit in den "Rogers Place" kommen - und Gretzkys Statue, sowie die Replikationen der fünf gewonnen Stanley Cups sehen.

Quelle: ntv.de

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