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EM-Irrwitz am offenen Herzen Video-Drama erlöst wankendes DHB-Team

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Der Jubel nach dem Drama.

(Foto: imago/Camera 4)

Bei der EM offenbaren die deutschen Handballer erschreckende Schwächen in der Defensive. Doch dank einer Regel-Finesse und ein wenig slowenischer Dummheit reicht es zu einem Remis. Für den Titel reicht das aber noch nicht.

Irgendwann bekam der Abend in der Handball-Arena von Zagreb groteske Züge. Veselin Vujovic, Trainer der slowenischen Nationalmannschaft, stellte sich vor das eigene Tor, breitete die Arme wie ein Torwart aus und signalisierte damit, dass er den finalen Siebenmeter der Deutschen abwehren wollte. Vujovic hatte den Bogen für einen kurzen Moment überspannt, doch selbst diese Szene wurde in diesem irren Vorrundenspiel der Handball-Europameisterschaft zu einer Randnotiz.

Der Trainer machte letztlich aber doch Platz für seinen Keeper, der den Ausgleich zum 25:25 durch den deutschen Rechtsaußen Tobias Reichmann nicht verhindern konnte. Der Europameister von 2016 rettete somit gegen den WM-Dritten von 2017 im zweiten Gruppenspiel der EM in Kroatien ein Unentschieden, nachdem er zur Pause noch mit 10:15 hinten gelegen hatte. Und die Slowenen halfen dabei kräftig mit.

"Glücklich davongekommen"

Beim Versuch, zwei Sekunden vor dem Ende eine schnelle Mitte zu spielen, wurden die Deutschen von Blaz Blagotinsek regelwidrig an der Spielfortsetzung gehindert. Nach minutenlangem Studium der Videobilder entschieden die litauischen Schiedsrichter auf Strafwurf. Das war eine richtige, eine regelkonforme Entscheidung. Aber: "Wir sind sehr glücklich davongekommen, dass wir den Siebenmeter am Ende noch bekommen", sagte Hendrik Pekeler. Der Kreisläufer der Rhein-Neckar Löwen wusste, dass es dem überbordenden Temperament der Slowenen geschuldet war, dass die Deutschen nicht verloren hatten.

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Die Aktion des slowenischen Trainers macht fassungslos.

(Foto: imago/Agentur 54 Grad)

Sieben Sekunden vor dem Ende hatte Blaz Janc die 25:24-Führung erzielt und damit den Sieg vermeintlich gesichert. Paul Drux bekam danach den Ball zum Anwurf, hätte in der Kürze der Zeit aber kaum einen Treffer erzielen können - und wurde durch Blagotinseks Dummheit beschenkt. Noch am Montagabend legten die Slowenen Protest gegen die Spielwertung ein, dieser wurde aber am Dienstagmittag von der Europäischen Handball-Föderation abgelehnt.

Die große Hektik der Schlusssekunden überlagerte beinahe die große Schwachstelle der deutschen Mannschaft, die beim 32:19-Auftakterfolg bei dieser EM gegen Montenegro noch nicht aufgedeckt worden war. Der Innenblock der deutschen Abwehr glich besonders in den ersten 30 Minuten einem Torso – und das hatte der Bundestrainer im doppelten Sinn zu verantworten. Vor der EM strich Christian Prokop überraschend Finn Lemke aus seinem Aufgebot, der bis dahin als Abwehrchef der Nationalmannschaft gesetzt und als emotionaler Anführer anerkannt war.

Prokop wechselt Innenblock rasant aus

Damit begann Prokop eine Operation am offenen Herz, denn die Defensivzentrale einer jeden Handball-Mannschaft ist das Herzstück. Funktionieren die beiden Akteure in der Mitte, strahlt das positiv auf die Nebenleute aus. Umgekehrt kann eine Abwehr nicht stabil sein, wenn der Innenblock schwächelt. Gegen Slowenien wackelte das deutsche Zentrum nicht nur, es wurde wie ein Sandkorn in einem Sturm hin und her geworfen. Das vom Bundestrainer modifizierte 6:0-Abwehrsystem, dem Lemke zum Opfer fiel, funktionierte nicht und mit ständig wechselnder Besetzung sorgte Prokop für zusätzliche Verwirrung.

Hendrik Pekeler, Patrick Wiencek, Bastian Roschek, Julius Kühn und Maximilian Janke wurden im Zentrum durcheinandergewürfelt, ehe sich die Stammbesetzung Pekeler/Wiencek in der zweiten Halbzeit "festspielen" durfte. Die Partie gegen die Slowenen warf übergeordnet die Frage auf, ob es ein zu großes Risiko war, unmittelbar vor einem Turnier und mit begrenzter Zeit eine derart große Umwälzung zu starten. Es ist gar nicht ungewöhnlich, dass es nach Spielen wie dem irren gegen die Slowenen ein Stück weit um die Deutungshoheit im Anschluss geht. Wenn es positive wie negative Aspekte gegeben hat, wird darum gerungen, wie die Gewichtung vorgenommen wird. "Wichtig ist, dass wir einen Fünf-Tore-Rückstand aufholen und dass in die Atmosphäre der Kopf oben bleibt, darauf können wir stolz sein", sagte Prokop.

Die Mentalität der Mannschaft war gut, der Wille vorhanden und die Leidenschaft nahm innerhalb der 60 Minuten immer weiter zu - das ist richtig. Ob die Aufholjagd oder die desolate erste Halbzeit aus dem Slowenien-Spiel im Gedächtnis bleiben wird, wird von der Entwicklung der Deutschen in diesem Turnier abhängen. An diesem Mittwoch (ab 18.15 Uhr in der ARD und im Liveticker bei n-tv.de) steht das Gruppenfinale gegen Mazedonien an, Prokop nannte es ein "Endspiel". Gelingt ein Sieg gegen das Team vom Balkan, startet Deutschland mit einer guten Ausgangslage in die Hauptrunde und der Traum vom Halbfinale erhält neue Nahrung.

Müssen die Deutschen einen neuerlichen Rückschlag einstecken, gäbe es nur noch geringe und damit rechnerische Möglichkeiten auf eine Medaille. Die Debatte um die Umstellungen von Prokop ist bereits neu entfacht und würde dann wohl für den Bundestrainer ungemütlich werden. Es kann ein Vorteil eines EM-Turniers sein, dass er und sein Team schnell die Möglichkeit zur Rehabilitation bekommen. Der Nachteil ist, dass nur wenig Zeit bleibt, an den Schwachstellen zu arbeiten.

Quelle: n-tv.de

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