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Niederlande bitten zum WM-Tanz Der Beginn einer wunderbaren Handball-Rivalität

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Staffan Olssons Niederländer spielen eine starke Rolle bei der Weltmeisterschaft.

(Foto: picture alliance / Marco Wolf)

Zum ersten Mal überhaupt begegnen sich eine deutsche und eine niederländische Handball-Nationalmannschaft der Männer auf Augenhöhe. Eine Rivalität gibt es nicht, aber ein Team wird danach ein Problem haben.

Nein, nein, eine Rivalität gibt es nicht zwischen den Handballern der Niederlande und denen der deutschen Mannschaft. Die DHB-Profis schauten nach dem Kantersieg gegen Argentinien (39:19) zum Auftakt der WM-Hauptrunde eher irritiert, als dass sie sich in den Interviews zu einer kernigen Kampfansage in Richtung des kommenden Gegners hätten hinlassen wollen. "Wie beim Fußball, meinen Sie?", fragte einer.

Wo soll es auch herkommen? Auf Klubebene spielen niederländische Teams international überhaupt keine Rolle, es gibt keine gemeinsame hitzige Europapokalhistorie. Aber immerhin: "Es gibt nicht die Brisanz wie im Fußball", sagt Linksaußen Lukas Mertens. "Mittlerweile ist da aber auch ganz schön Feuer drin, weil die Niederländer sich in den vergangenen Jahren stark entwickelt haben.

Patrick Groetzki fiel auf: "Ich habe überhaupt noch nie gegen die gespielt." Der Rechtsaußen ist der erfahrenste Profi im Kader von Bundestrainer Alfred Gislason. Am Abend (20.30 Uhr/ARD und im Liveticker auf ntv.de) macht Groetzki sein 163. Länderspiel, das erste eben gegen die Niederlande. Und es ist ein wichtiges: Es geht um das WM-Viertelfinale.

In den Niederlanden arbeiten sie hart und überaus erfolgreich daran, ihre eigene Handball-Geschichte zu schreiben - und zukünftig regelmäßig gegen die internationalen Topteams zu spielen. In Polen sind sie zum ersten Mal seit 1961 wieder bei einer Weltmeisterschaft dabei. Sportlich hat sich das mit zahlreichen Bundesligaprofis gespickte Team nicht qualifiziert, nach einem Auswärtssieg in Portugal verlor man das Rückspiel etwas zu deutlich. Doch der Weltverband IHF würdigte die Entwicklung des niederländischen Handballs mit einer Wild Card. Die EM 2022, die zweite überhaupt in der Verbandsgeschichte, schlossen sie als Zehnter ab.

"Sensationelle Entwicklung"

Eine "sensationelle Entwicklung" bescheinigte Deutschlands Rückraumspieler Kai Häfner dem Team vor Beginn der Hauptrunde, in die die Niederlande mit einem Sieg gegen Katar gestartet sind und damit den Traum vom Viertelfinale am Leben halten konnten. Das Vertrauen der IHF rechtfertigen sie nachhaltig: "Ich habe eine fantastische Truppe, die Spieler wollen sich ständig weiter entwickeln. Das macht mir als Trainer natürlich viel Spaß", sagt Trainer Staffan Olsson über sein Team.

Der Schwede übernahm das Projekt im vergangenen August, wenige Monate später ist die Mannschaft ein ernsthafter Kandidat für ein WM-Viertelfinale - und das mit einer ganz eigenen, eher unkonventionellen Spielweise: "Die Niederländer sind richtig gut, schalten sehr schnell um von Abwehr auf Angriff. Wir müssen vieles richtig machen, um zu gewinnen", mahnte der Bundestrainer. Schnell und kreativ müssen die Niederländer Lösungen finden, weil die großen Schützen für viele "einfache" Tore aus der Distanz fehlen. Für die Lösungen ist vor allem Luc Steins zuständig. Der Regisseur lenkt seit 2020 das Starensemble von Paris Saint-Germain und wuchs in der Zeit selbst zum Weltklassemann.

"Natürlich sagen wir immer, dass die Mannschaft das Wichtigste ist", sagte Olsson vor Turnierstart über den nur 1,73 Meter großen Spielmacher, "das gilt sicher auch für uns, aber es wäre lächerlich zu leugnen, dass Luc unser wichtigster Spieler ist, er ist ein leuchtender Stern in unserer Mannschaft. Aber die Art und Weise wie er spielt, sorgt dafür, dass auch die anderen Spieler wichtig sind. Bei der Europameisterschaft 2020, der ersten, für die sich die niederländischen Männer qualifizieren konnten, hatten sie - allen voran Steins - die deutsche Mannschaft lange genervt. Erst spät konnte das DHB-Team damals einen klaren Sieg (35:23) organisieren, zur Halbzeit lag man nur mit einem Treffer vorn. Steins, der seinerzeit zum Spieler des Spiels gekürt wurde, traf sechsmal.

Erinnerung an eine goldene Generation

Bei der laufenden Weltmeisterschaft war nach zwei Siegen über Nordmazedonien und Argentinien das größte Ausrufezeichen ausgerechnet eine Niederlage: Mit fünf Toren hatte man im Vorrundenfinale gegen den Geheimfavoriten Norwegen noch kurz nach der Halbzeit geführt, am Ende verloren die Niederlande 26:27. "Wir haben alles herausgepresst. Ja, ich glaube, die Müdigkeit hat eine Rolle gespielt. Man hat gesehen, dass wir angefangen haben, Fehler zu machen, sowohl in der Verteidigung als auch im Angriff", analysierte Olsson. "Ich hatte vorher ein gutes Gefühl und deshalb bin ich jetzt, so kurz nach dem Spiel, am meisten enttäuscht. Aber wir haben eine Menge gelernt. Wir behalten unser Selbstvertrauen."

Olsson zieht dieser Tage einen großen Vergleich für sein Team. Den vielleicht größten, der im europäischen Handball möglich ist: "Diese Mannschaft erinnert mich an meine Anfänge als schwedischer Nationalspieler", sagte der 58-Jährige vor der Abreise nach Polen der Zeitung "De Volkskrant". "Damals waren wir auch nicht besonders gut. Aufgrund der Atmosphäre und der Art und Weise, wie dieses Team zusammenarbeitet, habe ich wieder das Gefühl von damals, ich fühle mich wieder wie 25."

"Immer ein großer Kampf"

Man muss dazu wissen: Staffan Olsson gewann als Spieler mit seiner goldenen schwedischen Generation um Jahrhunderthandballer Magnus Wislander zwei Weltmeistertitel und drei olympische Silbermedaillen. Von einer Rivalität merke er nichts, sagte die hochdekorierte Handball-Legende mit einem Lächeln - "aber ich komme ja auch aus Schweden." Die Brisanz der Partie ergibt sich aber diesmal schon aus der Konstellation: Verlieren die Niederlande, ist das Viertelfinale futsch und Deutschland steht in der K.-o.-Runde. Gelingt ihnen gegen den großen Nachbarn eine Sensation, können sie weiter hoffen.

Und ein bisschen Rivalität ist dann doch da, auch über den Blick auf die Gruppentabelle hinaus: "Viele von uns spielen in der Bundesliga. Wir wollen zeigen, dass wir gut Handball spielen können", sagte Dani Baijens vom HSV Hamburg. Und der Magdeburger Kay Smits betonte: "Deutschland gegen Holland ist immer ein großer Kampf. Wir sind bereit und haben ganz viel Bock."

Nun begegnet man sich zum ersten Mal überhaupt in einem für beide Mannschaften vorentscheidenden Spiel, wenn auch nicht ganz auf Augenhöhe. Die deutsche Mannschaft ist der Favorit. Eine große Rivalität wird nicht in einem Spiel geboren, aber immerhin kann man sich am Abend ordentlich gegenseitig in Schwierigkeiten bringen. Egal, wie es heute ausgeht, die Verbände sollten es sportlich nehmen: 2025 richtet man gemeinsam die Weltmeisterschaft der Frauen aus.

Quelle: ntv.de

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