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Bringt Stevens die Wende? Warum Schalkes Tedesco gehen musste

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Tedesco mag ein guter Trainer sein - aber nicht für Schalke.

(Foto: dpa)

Der sportlichen Bankrotterklärung in Manchester folgt nun die logische Konsequenz: Nachdem Trainer Domenico Tedesco seine Schalker offensichtlich nicht mehr erreichen kann, stellt der Fußball-Bundesligist ihn frei. Richten soll es nun Interimscoach Huub Stevens.

Die Pressemitteilung lief um 18.49 Uhr über den großen E-Mail-Verteiler, wirklich überraschend kommt ihr Inhalt da aber schon nicht mehr: Der FC Schalke 04 hat sich von seinem Trainer Domenico Tedesco getrennt. Es hatte sich lange abgezeichnet, und beim Vermelden des Vollzuges dürfte sich bei denjenigen, die die Entwicklung beim Fußball-Bundesligisten aus Gelsenkirchen zuletzt intensiv verfolgt haben, sogar so etwas wie Erleichterung eingestellt haben. Gefühlt war der 33-jährige Coach schon mehrfach in den vergangenen Wochen freigestellt worden. Kein Tag verging, ohne dass irgendwo zu lesen oder zu hören war, dass es nun aber tatsächlich so weit sei. Es müssen qualvolle Tage für Tedesco gewesen sein.

Insofern könnte auch ihm eine große Last genommen worden sein, auch wenn er nach jedem weiteren Misserfolg nicht müde wurde, zu betonen, dass er "immer 100 Prozent für Schalke geben" werde, dass er "noch immer genug Energie" verspüre und dass er "Bock darauf" habe. Doch nach einer Folge von fünf verlorenen Pflichtspielen in Folge und 21 Gegentoren in diesen Partien griffen die unbarmherzigen Gesetze des Fußball-Geschäftes. Man muss schon Peter Stöger heißen, um eine solch desaströse Serie zu überleben. "Wir haben uns diese Entscheidung alles andere als leicht gemacht, denn Domenico Tedesco genießt eine große Wertschätzung auf Schalke. In der vergangenen Saison konnte er eine sehr positive sportliche Entwicklung einleiten, die mit der Vizemeisterschaft ihren Höhepunkt fand", erklärt Sportvorstand Jochen Schneider in dem Rundschreiben des Vereins.

Der Nachfolger des vor knapp drei Wochen auf eigenen Wunsch ausgeschiedenen Managers Christian Heidel, erst vor einer guten Woche der Öffentlichkeit als der neue starke Mann auf Schalke vorgestellt, hatte sich bei Amtsantritt noch nicht unmittelbar zur Personalie Tedesco positionieren wollen. Er hatte eine "Trendwende" von Team und Trainer gefordert. Als solche versuchten die Schalker Verantwortlichen dann auch die 2:4-Niederlage in Bremen zu verkaufen. Gerade so als ob man Kindern unter einer Schicht Schokoladeneis Erbsen und anderes schlimmes Gemüse versteckt.

Die Dringlichkeit einer Entscheidung sah Schneider aber nun nach dem desaströsen 0:7 im Achtelfinal-Rückspiel bei Manchester City - einer historischen Niederlage, noch nie zuvor hatte eine deutsche Mannschaft in der Königsklasse so hoch verloren - endgültig gekommen. "Wir sind nach reiflicher Überlegung zu der Erkenntnis gekommen, dass diese (Trendwende) in der aktuellen personellen Konstellation nicht mehr möglich ist." Das ist bedauerlich, aber auch logisch. Selbst der Schalker Coach konstatierte nach dem Debakel: "Das Wort Tiefpunkt ist bei uns verbraucht." Und weiter: "Das ist der größte Spannungsverlust, seit ich Trainer bin."

Zuletzt funktionierte nichts mehr

Man kann den Knappen wahrlich nicht vorwerfen, Tedesco reflexartig rausgeworfen zu haben. Die Nibelungentreue zu ihrem Coach, der einst die Trainerschule mit einer glatten Eins absolviert hatte und deshalb von Mehmet Scholl zur Generation der "Laptoptrainer" gezählt wird, ist extrem untypisch für das nervöse Umfeld am Schalker Markt. Etliche andere Vorgänger Tedescos mussten schon wegen weit geringerer Fehleistungen ihren Platz räumen. Insofern stimmt der Chor derjenigen, die schon längst seinen Kopf forderten, nun das Klagelied an, aufgrund irgendwelcher Sentimentalitäten deutlich zu lange gewartet zu haben. Spätestens nach dem 0:4 vor heimischer Kulisse gegen Düsseldorf, eigentlich aber schon nach dem blutleeren Auftritt beim 0:3 in Mainz vor knapp drei Wochen hatten diejenigen Handlungsbedarf ausgemacht. Und wer wollte ihnen heute widersprechen?

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Ein Eurofighter und der Eurofighter-Trainer: Mike Büskens und Huub Stevens.

(Foto: imago images / Team 2)

Die Vermutung liegt nahe, dass Tedesco, der als 31-Jähriger den Zweitligisten Erzgebirge Aue spektakulär vor dem Abstieg rettete und der als 32-Jähriger eine mittelmäßige Bundesliga-Mannschaft der Knappen in die Champions League führte, kein schlechter Trainer ist. Die Indizien verdichten sich aber, dass er kein guter Trainer für Schalke ist. Oder besser: nicht mehr. Denn wer in Gelsenkirchen zurechtkommen will, der muss auch den Verein und die Fans mit all ihren Irrationalitäten und stets überzogenen Erwartungen verstehen. Eben das, was man gemeinhin die Schalker Seele nennt. Und diesbezüglich unterlag Tedesco gravierenden Fehleinschätzungen.

Die vielleicht schlimmste war, im Herbst ohne Not mit Naldo die überragende Spielerpersönlichkeit der Vorsaison ziehen zu lassen. Nach dem Abgang von Identifikationsfiguren wie Höwedes, Goretzka, Meyer oder Kehrer war er die letzte Projektionsfläche für den Anhang. Für den Derbyhelden, der längst zur Galionsfigur geworden war, kam mit Bruma ein ausrangierter Verteidiger vom VfL Wolfsburg, der auch im Schalker Trikot mehrmals zeigte, warum er ausrangiert wurde.

Bringt Stevens die guten alten Zeiten zurück?

Zudem nahm Tedesco seinen Kapitän Ralf Fährmann am Ende der Hinrunde aus dem Tor, als der Nerven zeigte. Vielleicht wäre es besser gewesen, einem Meinungsführer wie ihm den Rücken zu stärken. Zuletzt jedenfalls funktionierte einfach nichts mehr: keine Taktik fruchtete, keine Personalentscheidung schlug ein, kein Spieler schien ihm mehr zu folgen. Der S04 brach völlig auseinander, in Manchester folgte die Bankrotterklärung.

Was nun kommt, ist eine offiziell so betitelte Interimslösung. Es ist die naheliegendste und zugleich auch die einfallsloseste, die die Schalker Verantwortlichen fanden: Schon am Samstag wird Huub Stevens, Aufsichtsratsmitglied der Blau-Weißen, auf der Bank sitzen. Unterstützen wird ihn dabei Mike Büskens als Ko-Trainer. Ein Eurofighter und der Eurofighter-Trainer sollen es also richten. Es ist so, als ob man mit Macht die guten alten Tagen wieder heraufbeschwören möchte. Das ist menschlich, wenn es einem dreckig geht. Ob es aber auch hilft, bleibt abzuwarten.

Quelle: n-tv.de

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