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"Sind ein bisschen traurig"Warum die Handball-EM trotz der Euphorie für komische Bilder sorgt

23.01.2026, 23:32 Uhr
imageVon Till Erdenberger, Herning
22-01-2026-Handball-Men-s-EHF-EURO-2026-Deutschland-Portugal-Jyske-Bank-Boxen-in-Herning-Daenemark-Main-Round-Abschlussjubel-nach-dem-deutschen-Sieg-gegen-Portugal-Justus-Fischer-Germany-54-Tom-Kiesler-Germany-30-Renars-Uscins-Germany-23-jubelnd-auf-dem-Spielfeld
Deutschland jubelt unter den Augen der dänischen Fans. (Foto: IMAGO/Maximilian Koch)

Nach einem herben Dämpfer in der Vorrunde sorgt die deutsche Nationalmannschaft bei der Handball-EM im dänischen Herning wieder für Begeisterung. Schwarz-rot-goldene Partys gibt es aber dennoch nicht zu sehen ...

Die Jyske Bank Boxen ist ein brodelnder Hexenkessel, ein gewaltiger Klangkörper, jederzeit in der Lage, ein Handballspiel in einen Raketenstart zu verwandeln - oder in einen Höllenritt, je nachdem, welches Trikot man trägt. Die riesige Arena im dänischen Herning ist eine faszinierende Schüssel, aus der begeisternde Bilder in die Welt gesendet werden.

Als die Dänen zuletzt am späten Donnerstagabend im Giganten-Duell der Europameisterschaft Frankreich niederrangen, entfaltete die Boxen mal wieder ihre ganze Kraft, als Tausende entfesselte Dänen auf den Rängen den wenigen unten auf dem Feld mit infernalischem Lärm die Energie zum überlebenswichtigen Sieg über den Rivalen verpassten. Doch genau hier liegt das Problem.

Spielen die Dänen, ist die Boxen ein wogendes, tobendes, brüllendes Menschenmeer in Rot und Weiß. Spielen sie gerade nicht, gibt es andere Bilder - auch wenn alle Tagestickets bis auf ein paar Stehplätze vergriffen sind. Wer ein Tagesticket kauft, kann in der zweiten Turnierphase drei Spiele hintereinander anschauen - muss das aber nicht tun. Vorgeschriebene Mindestkontingente für die Anhänger der teilnehmenden Teams, so wie es beim Fußball oder auch bei Handball-Erfolgsformaten wie dem Finalturnier des DHB-Pokals üblich ist, gibt es bei WM oder EM nach wie vor nicht.

"Wir sind ein bisschen traurig"

Als die deutsche Mannschaft am Donnerstagnachmittag in einem hoch spannenden Duell Dänemark-Schreck Portugal (32:30) niederkämpfte, waren am Ende laut offiziellen Zahlen des Kontinentalverbandes EHF gut 6000 Menschen in der Halle, darunter vielleicht 1000 Fans aus Deutschland. Das dürfte großzügig gerundet sein. Jedenfalls präsentierten sich die Ränge der riesigen Arena wie das Gebiss des legendären The Pogues-Sängers Shane MacGowan: mit klaffenden Lücken. Doch während MacGowan dem Umstand tapfer trotzte und kämpferische, treibende Klassiker des Irish Folk produzierte, schlagen die Lücken in der Arena auf die Stimmung.

Es waren Bilder, die dem immens wichtigen, intensiven Spiel nicht gerecht wurden. "Normalerweise brodelt es in der Boxen, wenn Deutschland spielt, aber heute ist es eher ruhig. Das liegt zweifellos daran, dass Deutschland an einem dänischen Spieltag spielt, an dem die meisten Zuschauer Dänen sind“, verkündeten die Kommentatoren des dänischen Senders TV2.

Nationalspieler Matthes Langhoff gab Einblick in die Seele der deutschen Mannschaft, die zur enorm kurzfristig und dazu noch ungewohnten Anwurfzeit um 15.30 Uhr vor bestenfalls halbleeren Rängen in völlig ungewohnter Atmosphäre spielen musste: "Es ist natürlich viel besser, viele Fans dabei zu haben, die einen unterstützen. Wir sind ein bisschen traurig, dass es jetzt weniger sind, aber wir müssen uns auf uns selbst konzentrieren." Hätte der Hallen-DJ nicht permanent für einen martialischen Lärmpegel aus der Konserve gesorgt, die gut vier Millionen TV-Zuschauer hätten sich noch mehr über die wenig beeindruckenden Bilder aus der "Hölle von Herning" gewundert.

Rekordzahlen in der Vorrunde

Die tausenden dänischen Fans, die sich ein Ticket für den ganzen Tag gesichert hatten, kamen zumeist zum Warmfeiern in die Fanzone oder reisten erst zum Tageshöhepunkt aus ihrer Sicht an. Das spektakuläre 35:34 von Co-Gastgeber Norwegen über Spanien sahen dann in der Spitze gut 10.000 Menschen. Fast ausschließlich in Rot und Weiß und eben die versprengten Deutschen.

Über die restlichen Fans mit Ticket, aber ohne Lust, sich den Nachbar gegen Spanien anzuschauen, schimpfte das norwegische "Dagbladet": "Dänische Fans boykottieren Norwegen!" Ein Zustand, der dem Veranstalter angesichts von bei vielen Turnieren in der Vergangenheit beschämenden Ticketverkäufen an einzelnen Standorten allerdings keinerlei Bauchschmerzen bereiten dürfte.

In der Vorrunde verkündete die EHF an den Spieltagen des deutschen Teams noch Rekordzahlen: 9130 Zuschauer sahen die bittere 27:30-Pleite des deutschen Teams gegen Serbien - "ein Rekord für ein Spiel an einem Spieltag ohne dänische Beteiligung überhaupt in Dänemark". 9526 Zuschauer waren es dann zwei Tage später, als das DHB-Team Spanien niederrang (32:30) - "schon wieder" eine neue Bestmarke.

Sind die Heimteams nicht beteiligt, haben Handball-Großveranstaltungen traditionell ein immenses Problem, Tickets loszuwerden - zumindest außerhalb Deutschlands. Nicht selten finden selbst Duelle mit attraktiven Nationen vor kaum vierstelligen Fanhäufchen statt. Ihre Vorrundenduelle hatten die Zuschauermagnete Dänemark und Deutschland im Wechsel gespielt, nun sind sie in der Hauptrundengruppe 1 immer gemeinsam gefordert.

Wieder keine Party ...

Wenn die Dänen nicht im Einsatz sind, kommen die Deutschen. Die deutschen Fans sind reisewillig, gerade die norddeutschen, für die der Trip über die Grenze gen Norden ins infrastrukturell nicht eben fanfreundliche Herning absolut machbar ist. Von Flensburg aus sind es zwei Stunden bis in das 50.000-Einwohner-Städtchen in der Region Midtjylland. Das Interesse am deutschen Team ist gewaltig, vom dramatischen Kraftakt im Vorrundenfinale gegen Spanien ließen sich 7 Millionen TV-Zuschauer begeistern.

Ihr zweites Hauptrundenspiel darf die deutsche Mannschaft am Samstagabend (20.30 Uhr/ZDF und im Liveticker auf ntv.de) gegen Norwegen wieder zur Prime Time bestreiten, es ist die After Party zum dänischen Duell gegen Spanien. Gut möglich, dass die Ränge dann noch ordentlich gefüllt sein werden. Pech haben die Franzosen und Portugiesen, die diesmal früh ranmüssen.

Mit einem Sieg würde die deutsche Mannschaft einen weiteren gewaltigen Schritt in Richtung Halbfinale machen und bräuchte wohl nur noch einen Sieg aus den verbleibenden beiden Duellen mit den Handball-Großmächten Dänemark (Montag, 20.30 Uhr) und Frankreich (Mittwoch, 18 Uhr). Eine rauschende Handball-Party in Schwarz-Rot-Gold wird es in der "Hölle von Herning" aber wieder nicht geben, selbst wenn das DHB-Team auf dem Feld ein Feuerwerk abbrennen würde.

Quelle: ntv.de