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DHB-Team ist bei WM voll auf Kurs Wolff ist überrascht, Reichmann schwächelt

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Andreas Wolff machte gegen Chile ein prima Spiel - sehr zur Freude des Bundestrainers.

(Foto: imago/Camera 4)

Gegen Ungarn gekämpft, gegen Chile gekantert: Die deutschen Handballer starten erfolgreich die Weltmeisterschaft. Der Bundestrainer freut sich über sein Luxusproblemchen und glaubt an seinen schwächelnden EM-Star.

Nach dem lockeren Schaulaufen gegen die Chilenen im zweiten Gruppenspiel der Handball-WM in Frankreich stand Andreas Wolf in der Mixed Zone der Kindarena von Rouen und wunderte sich über seine Kollegen. Der deutsche Torhüter, der sich vor einem Jahr bei der Europameisterschaft in Polen aus dem Nichts in die Weltklasse katapultiert hatte, zeigte sich "überrascht, dass die Jungs vor mir in der Deckung trotz dieser Überlegenheit so geschlossen geblieben sind".

Vielmehr gab die Analyse nicht her nach einem Spiel, bei dem der Europameister den Nobody aus Südamerika mit solch frappierender Überlegenheit distanziert hatte, dass kaum Spielraum für tiefgreifende Erkenntnisgewinne blieb. Am Ende landete das Team, das sich selbst mit "Bad Boys" tituliert, einen nie gefährdeten 35:14-Kantersieg und ist damit auf dem besten Weg, mit dem Sieg in der Gruppe C ihr Nahziel zu erreichen.

Der Anfang der Mission, nach dem EM-Triumph und dem Gewinn von Olympiabronze in Rio de Janeiro auch beim dritten großen Turnier in Folge zu glänzen, ist also gemacht. Der in der ersten Halbzeit brillante und hernach schwer erkämpfte Auftakterfolg gegen Ungarn und nun die Demonstration gegen Chile – so kann es weitergehen. Zumal auch die nächsten Aufgaben machbar erscheinen: Saudi-Arabien (Dienstag, 17.45 Uhr) und Weißrussland (Mittwoch, 17.45 Uhr) heißen die machbaren Gegner, bevor es Freitag (17.45 Uhr, alle Spiele im n-tv.de Liveticker) beim letzten Spieltag gegen Kroatien aller Voraussicht nach um den Gruppensieg geht.

Die "echten" Aufgaben auf dem Weg zur nächsten Medaille warten also noch. "Stärker, cleverer, besser", so fasste Chiles Nationalspieler Erwin Feuchtmann-Perez die 60 frustrierenden Minuten gegen die Deutschen zusammen. Für den deutschstämmigen Südamerikaner fühlte sich die Begegnung an, "als wenn Champions League auf Dritte Liga trifft". Oder Porsche auf Trabant, wenn man den Geschwindigkeitsunterschied als Maßstab nimmt, mit der die ungleichen Kontrahenten ihre Angriffe vortrugen. Rückraumschütze Simon Ernst vom VfL Gummersbach sprach von einer "soliden Leistung" und davon, der Gegner habe "nicht ganz so überragend" agiert. Eine charmante Umschreibung für den Auftritt eines Kontrahenten, der hoffnungslos überfordert war.

Sigurdsson glücklich über sein Luxus-Problem

Ein Umstand, der den Kreisläufer Jannik Kohlbacher (HSG Wetzlar), mit acht Treffern bester Werfer im deutschen Team, dazu bewegte, die Begegnung trotz des Klassenunterschied als "anstrengend" einzuordnen: "Du musst ständig die Konzentration hochhalten, und das kostet Kraft. Vor allem für den Kopf." Dass Dagur Sigurdsson mit dem im ersten Spiel überragenden Silvio Heinevetter von den Füchsen Berlin und dem Kieler Wolf, der mit 53 Prozent gehaltenen Bällen gegen Chile zum "Man oft the Match" avancierte, über zwei überragende Keeper verfügt, stuft der Isländer als "Luxusproblem" ein: "Das ist mir wesentlich lieber, als wenn einer meiner Torhüter nicht in Form ist. Oder sogar beide."

Während der scheidende Bundestrainer zwischen den Pfosten die Qual der Wahl hat, offenbart sich ihm auf der Position des Rechtsaußen ein Wackelkandidat. Tobias Reichmann, der sich beim Gewinn der Europameisterschaft vor einem Jahr noch zum überragenden deutschen Spieler aufschwang, sucht nach seiner Form, nachdem er sich während der Vorbereitung eine Blessur seiner linken Wade zugezogen hatte. Gegen Chile wirkte der Champions-League-Gewinner vom polnischen Spitzenklub aus Kielce merkwürdig verzagt und erzielte bei drei Versuchen lediglich ein Tor. Das ist nicht der Athlet, der ausstrahlt, mit seiner unglaublichen Sprungkraft die Welt aus den Angeln heben zu können.

Sigurdsson wird das nicht verborgen geblieben sein. Dennoch strahlt der 43-Jährige weiter absolute Gelassenheit aus. Zum einen, weil er mit Patrick Groetzki (Rhein-Neckar Löwen) einen Backup hat, der sich in Topform befindet. Und zum anderen, weil das Turnier gerade erst Fahrt aufnimmt: "Tobi hat nicht die volle Vorbereitung absolviert. Er braucht noch zwei, drei Spiele, dann ist er wieder da."

Nicht nur auf dieser Position treibt den Isländer die Hoffnung an, dass sein Team in den beiden Wochen, die bis zum Finale in Paris bleiben, durchaus das Potenzial hat, sich zu entwickeln. Mit lediglich 15 Akteuren ist der Routinier nach Frankreich aufgebrochen, dürfte also im Turnierverlauf noch auf drei Positionen nachbessern. Dass er seinen Kader so umfangreich aufpimpen wird, erscheint allerdings unwahrscheinlich, doch dass Holger Glandorf früher oder später zu sehen sein wird, gilt als offenes Geheimnis. Der 33-jährige Rückraum-Shooter wartet in Flensburg auf den Anruf des Bundestrainers, um sich nach Frankfurt in Bewegung zu setzten. Über den genauen Zeitpunkt mag sich Sigurdsson nicht äußern: "Wir werden sehen, wann es so weit ist."

Quelle: ntv.de