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Mit Ärger-Profi ins Saisonfinale Zverev kämpft vor allem neben dem Platz

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Alexander Zverev hat in London eine schwere Aufgabe vor sich.

(Foto: imago images/IP3press)

Alexander Zverev hat 2020 sportlich einen großen Schritt nach vorne gemacht, beim Saisonfinale der besten Tennisprofis kann er Großes erreichen. Abseits des Platzes warten derzeit aber die wirklichen Herausforderungen. Ein Krisenexperte soll Zverevs Ruf retten.

Es könnte alles so verheißungsvoll sein: Alexander Zverev, Deutschlands bester Tennisspieler, reiste mit dem Rückenwind von zwei Turniersiegen in Köln und einem trotz der knappen Finalniederlage beeindruckenden Turnier in Paris, nach London. Dort spielen seit Sonntag die acht besten Tennisprofis des Jahres ihren Weltmeister aus und Zverev darf sich durchaus Hoffnungen machen, den Titel zum zweiten Mal nach 2018 zu gewinnen. "Zverev und Medwedew sind wahrscheinlich von allen Spielern, die wir hier haben in diesem Turnier, in der besten Form", lobte jüngst Tennisdominator Novak Djokovic.

Aber es ist eben nicht alles schön: Während sich der 23-Jährige derzeit auf dem Platz sichtbar wohlfühlt und die Zahl der Anfang des Jahres noch so präsenten Komplettausraster inzwischen gen Null tendiert, muss er außerhalb kämpfen: Mit heftigen Vorwürfen seiner Ex-Freundin Olga Sharypova, die Zverev vorwirft, sie während ihrer Beziehung physisch und psychisch misshandelt zu haben. Im "Racquet Magazine" erzählte sie ihre - oder: eine - Story. Detailreich, erschreckend, aber unbewiesen. Nun kämpft Zverev gegen die besten Tennisspieler der Welt um den größten Titel der Saison. Er hat die Form, dieses Turnier zu gewinnen. Abseits des Platzes wird es härter. Sein Ruf ist ramponiert.

"So bin ich nicht"

Die Vorwürfe Sharypovas freilich sind nicht bewiesen, Zverev weist sie stets zurück. Zuletzt vor dem Start der ATP Finals, als er etwas holprig ein vorgefertigtes Statement verlas: "Die Anschuldigungen sind unbegründet und unwahr, und ich weise sie weiterhin zurück", sagte Zverev: "Wir hatten unsere Hochs und Tiefs, aber so, wie unsere Beziehung in der Öffentlichkeit dargestellt wird, war es nicht." So sei er nicht, "so wurde ich nicht erzogen von meinen Eltern. Es macht mich traurig, welche Auswirkungen solche falschen Anschuldigungen haben können." Sharypova will ihre Anschuldigungen nicht polizeilich untersuchen lassen, wie sie sagte.

Damit ist die Geschichte in der Welt, es steht Aussage gegen Aussage. Ohne eine Untersuchung der Vorwürfe bleibt es dabei. Zverev kann nicht gewinnen. Ihm gehe es schlicht darum, einen "vernünftigen und respektvollen Umgang" mit Sharypova zu finden, verkündete Zverev in einem Instagram-Beitrag. Die Ankündigung, dass Brenda Patea, eine weitere Ex-Freundin, im kommenden Jahr ein gemeinsames Kind erwartet, ging da beinahe unter. Als ein weiterer Nebenkriegsschauplatz.

Die hatte Zverev in diesem Jahr bereits in Serie eröffnet. Anfang des Jahres hatte er sich beim ATP-Cup, einem Teamwettbewerb, desolat präsentiert, auf dem Platz den eigenen Vater heftig beschimpft ("Halt die Klappe, was zum Teufel redest du da. Ich habe keinen Aufschlag mehr, und du erzählst mir irgendeinen Scheiß") und eine schlimme Figur abgegeben. Später sorgte er gemeinsam mit anderen Topspielern auf der vom Weltranglisten-Ersten Djokovic organisierten Adria Tour für Kopfschütteln, als man offensiv gegen gängige Hygiene- und Abstandsregeln verstieß. Die Turnierserie wurde zum Superspreader-Event, mehrere Spieler erkrankten an Covid-19. Danach war ein Party-Video mit Zverev im Internet aufgetaucht, obwohl er sich in Quarantäne begeben wollte.

Später war er auf einer Pressekonferenz nach kritischen Nachfragen zu seinem Umgang mit der Krise einfach wortlos aufgestanden und gegangen. Bei den French Open schließlich plauderte er in der Pressekonferenz nach seinem Ausscheiden freimütig einen Verstoß gegen die Hygieneregeln aus, unter denen das Grand-Slam-Turnier im Notbetrieb durchgedrückt wurde: Zverev hatte Krankheitssymptome nicht bei den Turnierveranstaltern angezeigt, wie es ausdrücklich verpflichtend war.

Der 1,98-Meter-Hüne gab öffentlich abseits des Courts ein trauriges Bild ab und wirkte allzu oft wie einer, der die Konsequenzen seiner Taten nicht mehr überblickt. In seiner Ansprache nach dem Finale von Paris versicherte er trotzig: "Alles ist großartig in meinem Leben. Die Leute können es weiter versuchen, aber ich lächle immer noch." Sportlich spielt er konstant auf höchstem Niveau, mental ist er nicht mehr ein sich selbst gefährlicher Gegner. Wenn er den Schläger in der Hand hat, wirkt er wie im persönlichen Safespace. Unangreifbar und sicher.

Krisenexperte im Team

Wie ernst im Zverev-Lager aber längst die Erosion seines Images gesehen wird, zeigt eine Personalie: Der Tennisprofi wird inzwischen von Béla Anda beraten, einst Sprecher der Regierung Schröder, später Vize-Chefredakteur der "Bild"-Zeitung und inzwischen Chef einer PR-Agentur, deren Steckenpferd die Krisen-Kommunikation ist. Anda soll Zverev nun kommunikativ durch diese Monate lotsen. Auch, damit nicht alles über dem Profi zusammenstürzt - oder wie Anda selbst zuletzt in Paris gegenüber Sport1 erklärte: Bei seinem Engagement ginge es "auch darum, sicherzustellen, dass er sich bei diesem wichtigen Turnier auf Tennis konzentrieren kann". Bei dem Masters-Turnier besiegte Zverev French-Open-Champion Rafael Nadal deutlich, erst im Finale verlor er gegen Daniil Medwedew, am Abend Zverevs erster Gegner in London.

Zwischendurch war Zverev ja schon auf einem sehr guten Weg, die öffentliche Meinung zu drehen. Er präsentierte sich nach dem Wirbel um die Adria-Tour gereift. Auf dem Platz, aber auch daneben, lockerer im Umgang und weniger distanziert. "Viele Journalisten haben mir gesagt, dass sich sein öffentliches Auftreten sehr zum Positiven geändert hat, dass Alexander Zverev zugänglicher und offener geworden ist", berichtete Anda Sport1: "Beginnend Anfang des Jahres bei den Australian Open und auch zuletzt bei seinen Turniersiegen in Köln." Im September hatte er sich doch noch zu Selbstkritik zu seiner Rolle während der Adria-Tour durchgerungen. "Ich habe einen Riesenfehler gemacht und da kann ich die Leute natürlich auch verstehen", sagte er reumütig.

Und während der US-Open präsentierte er sich als großer Champion: "Wir wurden informiert, dass es nur eine sehr geringe Chance gibt, dass wir spielen", berichtete Zverev nach seinem Sieg über den Franzosen Adrian Mannarino. Der hätte als Kontaktperson des wegen eines positiven Coronatests vom Turnier ausgeschlossenen Benoit Paire nach Vorstellungen der Veranstalter nicht antreten sollen - obwohl er die ersten beiden Runden schon bestritten hatte. "Und warum sollte er jetzt auf einmal nicht mehr spielen dürfen?", fragte sich nicht nur Zverev.

Vorwürfe bremsen die Charmeoffensive

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Zweimal wurde die Anfangszeit der Partie neu angesetzt, zweimal wieder verworfen - jedes Mal mit Zverevs Einverständnis. "Es war nicht seine Schuld, es war nicht die Schuld der US Open", sagte Zverev. "Aber ich wollte ihn unterstützen." Die Situation "war nicht einfach für uns, aber wir sind Profis und müssen damit zurechtkommen." Zverev kam damit zurecht, gewann am Ende deutlich und machte den großen Schritt auf dem Weg ins Finale. Die Vorwürfe Sharypovas bremsten die Charmeoffensive dann wieder spürbar aus.

Sportlich konnte Zverev die Verwerfungen rechts und links des Platzes 2020 bisher deutlich besser ausblenden, als noch im vergangenen Jahr. Im November 2018 hatte der Hamburger in London nacheinander Roger Federer und Djokovic geschlagen, jeweils in zwei Sätzen. Doch anstatt danach direkt in die absolute Weltspitze durchzustarten, mühte sich Zverev mehr schlecht als recht durch die Saison 2019. Geschäftliche und private Probleme belasteten den Sportler, in der Weltrangliste verlor er an Boden, zwischenzeitlich war ihm sogar der Spaß am Tennis verloren gegangen.

"Ich hatte zwischendurch wirklich das Gefühl, der beste Spieler der Welt zu sein", erzählte Zverev später dem "Observer". "Und dann, ganz plötzlich, hatte ich keinen Manager mehr." Zverev hatte sich Anfang des Jahres - trotz mutmaßlich noch laufender Verträge - nach vielen gemeinsamen Jahren von seinem Manager Patricio Apey getrennt. "Da versucht jemand gerade, mein Leben kaputtzumachen. Jemand, der mir sehr nahestand. Ich verstehe nicht, wie man so etwas tun kann. Das ist einfach nur abartig", klagte ein offenkundig niedergeschlagener Zverev nach seinem Erstrunden-Aus in Wimbledon. Da hatte er sein Umfeld schon einmal umsortiert, statt von Apey wird er inzwischen von der Vermarktungs-Agentur Team8 von Roger Federer und dessen langjährigem Manager Tony Godsick beraten. Und nun auch noch vom Krisenexperten Anda.

2020 läuft es sportlich großartig: Im Januar erreichte Zverev das Halbfinale der Australian Open, bei den US-Open verpasste er in einem dramatischen Fünfsatz-Finale seinen ersten Grand-Slam-Titel um Haaresbreite. Der zweite Weltmeister-Titel nach 2018 wäre deshalb keine Sensation mehr, so wie vor zwei Jahren, auch wenn mit dem Weltranglisten-Vierten Medwedew, Djokovic und dem Argentinier Diego Schwartzman schon in der Gruppenphase schwere Aufgaben auf dem Platz warten. Aber da fällt Alexander Zverev derzeit alles leichter als anderswo.

Quelle: ntv.de