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Ein paar Zentimeter zum Glück Djokovics fataler Schlag ist Zverevs Chance

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Alexander Zverev präsentiert sich bei den US Open stark. Und hat Chancen, sich die Zukunft zu gewinnen.

(Foto: picture alliance/dpa)

Alexander Zverev kann in diesem Jahr die US Open gewinnen. Dafür spricht vieles, der Deutsche ist davon sogar selbst überzeugt. Entscheidend für die historische Chance für den 23-Jährigen: Ein paar wenige Zentimeter, wie Zverev glaubt.

Es sind nur ganz wenige Zentimeter, die am Ende für Alexander Zverevs ersten Grand-Slam-Triumph verantwortlich sein könnten. Das glaubt wenigstens Deutschlands bester Tennisspieler selbst. "Es ist wirklich Pech für ihn", kommentierte Zverev das US-Open-Aus des großen Tennisdominators Dominators Novak Djokovic, der nach einem Ausraster in seinem Achtelfinalmatch gegen den Spanier Pablo Carreno-Busta disqualifiziert worden war. "Wenn er den Ball nur einige Zentimeter woanders hingeschlagen hätte, wäre alles gut gewesen."

Ob alles gut gewesen wäre, wenn der Serbe nach einem kassierten Break den Ball nicht direkt an den Hals einer Linienrichterin geschlagen hätte, sondern die Kugel unmittelbar neben der Frau eingeschlagen wäre, ist diskutabel. Unstrittig ist aber offenbar auch unter den Konkurrenten, dass Djokovic das zweite Grand-Slam-Turnier des Jahres gewonnen hätte - wenn er sich nicht selbst aus dem Wettbewerb genommen hätte. Nun also, "nun wird es interessant", sagte Zverev nach seinem eigenen beeindruckenden Achtelfinal-Sieg gegen den Spanier Alejandro Davidovich Fokina.

"Im Training noch besser als im Match"

Gesucht wird der Kronprinz, der die "Großen Drei" beerbt: Seit 2005 gab es nur zwei Grand-Slam-Finals, an denen weder Roger Feder, Rafael Nadal noch Djokovic beteiligt waren. Nun haben sich die Dinge geändert: Federer und Nadal waren erst gar nicht nach New York gereist, Djokovic ist raus. "Dies wird ein verrücktes Turnier mit einem verrückten Sieger", sagte Deutschlands Tennis-Idol Boris Becker bei Eurosport und meinte mit Blick auf Zverev: "Er wird noch viele Chancen haben, einen Grand Slam zu gewinnen, er könnte hier bei den US Open anfangen."

Zverev selbst gibt sich zurückhaltend: "Ich bin nicht der Einzige, der eine Chance hat. Ich hoffe, dass ich mich weiter im Turnier entwickeln kann. Mal schauen, wie es dann am Ende aussieht", übt sich der 23-Jährige nachvollziehbar in Understatement. Das "Problem" des 1,98-Meter-Hünen: Zverev spielt spätestens seit dem Drittrundenmatch gegen den Franzosen Adrian Mannarino schon auf sehr hohem Niveau. Im Interview mit Eurosport kündigte er dennoch an: "Ich habe sechs Monate lang trainiert, Leute. Meiner Ansicht nach spiele ich im Training noch immer besser als im Match."

Die ersten beiden Sätze gegen den Weltranglisten-99. Davidovich Fokina immerhin hätten schon einmal ein "gutes Niveau" gehabt. "Es wird langsam", so Zerev. Der Aufschlag, der ihn allzu oft in wichtigen Matches im Stich gelassen hat, ist in den Tagen von New York eine Waffe, mindestens aber so zuverlässig, dass der Deutsche seine gute Form ausspielen kann. "So fit wie nie zuvor", sei er.

Anders als bei vielen der zurückliegenden Großveranstaltungen marschiert der Hamburger heute auch schneller durch die Runden, wo er sich früher zu oft durch Marathonmatches arbeiten musste und wertvolle Energie liegen ließ. Im Achtelfinale gegen Davidovich Fokina stand er gerade einmal 94 Minuten auf dem Platz. Vorher folgten vergleichsweise souveräne Viersatzerfolge gegen den Südafrikaner Kevin Anderson, Brandon Nakashima und eben Mannarino.

Miese Grand-Slam-Bilanz

Bei den Grand-Slam-Turnieren kämpfte Zverev bisher zu oft vergebens: Nur einmal schaffte er es bisher ins Halbfinale: bei den Australian Open Anfang des Jahres. Nun könnte der nächste Schritt folgen, die Chancen waren nie besser. Die US Open 2020 haben aufgrund der Abwesenheit der Topstars nicht den Stellenwert, den Grand-Slam-Turniere eigentlich genießen. Seit 2004 gewann Federer fünfmal in New York, Nadal viermal und Djokovic, da waren inklusive Zverev alle einig, hätte in diesem Jahr ebenfalls seinen vierten Titel geholt.

Am Dienstagabend spielt Zverev nun gegen den Kroaten Borna Coric - eine unangenehme Aufgabe. Coric hatte in der dritten Runde gegen Stefanos Tsitsipas, noch einer dieser jungen Bewerber auf die Thronfolge, sechs Matchbälle abgewehrt. Von bisher vier Duellen mit Coric gewann Zverev nur eines. Bei einem Sieg würde dann nicht Djokovic warten, sondern der Spanier Pablo Carreno-Busta oder Denis Shapovalov aus Kanada. Es sind noch zwei Siege für Zverev bis ins Endspiel - und dort würde es wohl gegen den starken Österreicher Dominic Thiem oder Vorjahresfinalist Daniil Medwedew gehen.

Carreno-Busta (29 Jahre) und Thiem (27 Jahre) sind die "ältesten" verbliebene Spieler im Feld, damit werden die US Open 2020 in jedem Falle historisch: Im Herrentennis ist kein Grand-Slam-Sieger mehr aktiv, der jünger als 30 Jahre alt ist. Außer Federer (39), Nadal (34) und Djokovic (33) gewannen seit 2005 nur der Brite Andy Murray (33), Stan Wawrinka (Schweiz/35), Marin Cilic (Kroatien/31) und der Argentinier Juan Martin del Potro (31) einen der großen Titel und sind heute noch auf der Tour im Rennen.

Tennisweltmeister ist Zverev schon: Im November 2018 hatte der Hamburger in London nacheinander Federer und Djokovic geschlagen, jeweils in zwei Sätzen. Doch anstatt danach direkt in die absolute Weltspitze durchzustarten, mühte sich Zverev mehr schlecht als recht durch die Saison 2019. Geschäftliche und private Probleme belasteten den Sportler, in der Weltrangliste verlor er an Boden, zwischenzeitlich war ihm sogar der Spaß am Tennis verloren gegangen.

Schwerste Prüfungen neben dem Platz

"Ich hatte zwischendurch wirklich das Gefühl, der beste Spieler der Welt zu sein", erzählte Zverev später dem "Observer". "Und dann, ganz plötzlich, hatte ich keinen Manager mehr." Zverev hatte sich Anfang des Jahres – trotz mutmaßlich laufender Verträge – nach vielen gemeinsamen Jahren von seinem Manager Patricio Apey getrennt. "Da versucht jemand gerade, mein Leben kaputtzumachen. Jemand, der mir sehr nahestand. Ich verstehe nicht, wie man so etwas tun kann. Das ist einfach nur abartig", klagte ein offenkundig niedergeschlagener Zverev nach seinem Erstrunden-Aus in Wimbledon.

2020, diese kuriose Saison, die für die Tennisstars die schwersten Prüfungen neben dem Platz bereithält, nutzte Zverev bisher, um für Negativschlagzeilen zu sorgen. Beim ATP-Cup im Januar präsentierte er sich desolat, gab ein schlimmes Bild ab. "Halt die Klappe, was zum Teufel redest du da. Ich habe keinen Aufschlag mehr, und du erzählst mir irgendeinen Scheiß", beschimpfte er den eigenen Trainer/Vater. Seine Teilnahme an der zum Desaster geratenen Adria-Tour Djokovics, die Bilder, die die von weltweiten Hygieneempfehlungen unbeeindruckten Stars produzierten, ein nur wenige Tage nach einer reumütigen Entschuldigung aufgetauchtes Party-Video, die kurzfristige Absage eines Showturniers in Berlin: All das sorgte für Kopfschütteln, nicht nur in Deutschland.

Später aber hatte sich Zverev dann doch noch zu Selbstkritik durchgerungen, nachdem er Anfang August noch eine Pressekonferenz nach kritischen Nachfragen zur Adria-Tour abgebrochen hatte. "Ich habe einen riesen Fehler gemacht und da kann ich die Leute natürlich auch verstehen", sagte er reumütig.

Und rund um das Match gegen Mannarino zeigte Zverev dann auch noch die Größe eines Champions: "Wir wurden informiert, dass es nur eine sehr geringe Chance gibt, dass wir spielen", berichtete Zverev nach seinem Sieg. Der Hintergrund: Mannarino hätte als Kontaktperson des wegen eines positiven Coronatests vom Turnier ausgeschlossenen Benoit Paire nach Vorstellungen der Veranstalter nicht antreten sollen - obwohl er die ersten beiden Runden schon bestritten hatte. "Und warum sollte er jetzt auf einmal nicht mehr spielen dürfen?", fragte sich nicht nur Zverev.

Zweimal wurde die Anfangszeit der Partie neu angesetzt, zweimal wieder verworfen - jedes Mal mit Zverevs Einverständnis. "Es war nicht seine Schuld, es war nicht die Schuld der US Open", sagte Zverev. "Aber ich wollte ihn unterstützen." Die Situation "war nicht einfach für uns, aber wir sind Profis und müssen damit zurechtkommen." Zverev kam damit zurecht, gewann am Ende deutlich und machte den großen Schritt auf dem Weg zum Meilenstein.

"Ich denke, dass es an der Zeit ist"

"Es ist eine einzigartige Situation in der Geschichte des Sports, dass die besten drei Spieler alle in derselben Ära spielen. Und das macht es für die anderen so schwer, den Durchbruch zu schaffen", hatte der Österreicher Thiem, im Januar unterlegener Finalgegner von Djokovic bei den Australian Open, damals gesagt: "Um einen großen Titel zu gewinnen, musst du mindestens zwei dieser drei besiegen, und das macht es so schwierig." Nun ist der Weg ein anderer, nun dürfen die Jungen den großen Titel unter sich ausspielen. Das könnte Folgen haben.

"Wenn ich nur darauf warte, dass sie in den Ruhestand gehen", sagte Zverev Anfang 2020, "werde ich für den Rest meiner Karriere nur hören: ‚Ja, aber diese Jungs waren besser als du!‘ Ich will aber nicht die Nummer 1 in der Welt sein, weil andere Profis nicht mehr spielen. Ich will die Nummer 1 sein, weil ich besser bin als alle anderen." Nun muss - und kann - Zverev immerhin zeigen, dass er besser ist als alle, die bei einem Grand-Slam-Turnier im Viertelfinale stehen. Das wäre beeindruckend, ohne Wenn und Aber.

Der spanische Ex-Profi Alex Corretja fand es übrigens "unglaublich, wie ein Zentimeter nicht nur das Match entscheiden kann, sondern auch die Geschichte und die Zukunft dieses Sports". Und vielleicht auch die von Alexander Zverev.

Quelle: ntv.de

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