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"Wo mich keiner finden kann" Zverevs Weg wird immer schmerzhafter

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Alexander Zverev strauchelte in Wimbledon nicht nur, er fiel auch. Zum Aufstehen will sich der Hamburger nun Zeit lassen.

(Foto: dpa)

Alexander Zverev erlebt in Wimbledon eine neuerliche Pleite und gibt anschließend tiefe Einblicke in seine Gedankenwelt. Die Auseinandersetzung mit seinem Manager lähmt den Tennisprofi offenbar nachhaltig. Ein Ende der Krise ist nicht in Sicht.

Alexander Zverev hätte seine Erstrundenniederlage in Wimbledon, dem bedeutendsten Tennisturnier des Jahres, auf den US-Profi Tommy Paul schieben können, auf einen Spanier namens Adrian Menendez-Maceiras oder auf Simone Bolelli aus Italien: Keiner dieser Tennisprofis konnte Jiri Vesely in der Qualifikation stoppen, sodass der Tscheche, Nummer 108 der Tennis-Weltrangliste, in der ersten Runde von Wimbledon ihn in vier Sätzen schlagen konnte. Stattdessen lud Alexander Zverev die Verantwortung auf dem Chilenen Patricio Apey ab, seinem Manager. Mit dem befindet sich der Hamburger seit Monaten im Rechtsstreit: "Ein Mensch, von dem ich dachte, er sei mein Freund, mit dem ich über Jahre zusammengearbeitet habe, tut alles, um mir zu schaden", sagte der Weltranglisten-Fünfte.

"Sie können sich nicht vorstellen, was gerade passiert. Was da los ist, ist abartig. Ich bin sehr wütend darüber." Um was es konkret geht, dazu blieb Zverev nebulös. Es scheint aber so gravierend zu sein, dass es die bisher so analytisch durchgeplante Karriere des Spielers, der sich zwar bei den Grand-Slam-Turnieren seit Jahren schwer tut, aber Ende 2018 die Tennis-Weltmeisterschaft gewann, arg ausbremst. "Ich darf nichts Offizielles sagen", schob Zverev nach und öffnete damit natürlich die Tore weit für Spekulationen. Sportlich hakte Zverev den Arbeitstag beinahe fatalistisch ab: "Das war ein typisches Grand-Slam-Match für mich. Ich bin gut gestartet, dann gehen zwei, drei Dinge schief und irgendwie fällt alles auseinander", sagte Zverev hinterher: "Mein Selbstvertrauen ist gerade weniger als null."

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Zverev und Apey stecken seit mehreren Monaten in einem heftigen Rosenkrieg. Seitdem der 22-Jährige aus dem laut Apey noch vier Jahre gültigen Vertrag mit dessen "ACE Group" aussteigen wollte, liefern sich beide eine juristische Schlammschlacht. Den Auftakt bildete Zverevs Sieg bei den ATP-Finals Ende letzten Jahres in London. Warum ausgerechnet ein solcher Triumph? "Weil nach dem Erfolg kommt seine Arbeit. Und da kommen viele Dinge dann raus", sagte Zverev. Konkreter äußert sich der kriselnde Sportler nicht, über allem soll aber ein angestrebter Wechsel Zverevs ins Lager von "Team 8" von Roger Federer und dessen Manager Tony Godsick schweben.

Krise wird zum Dauerzustand

Die Auswirkungen, die diese Situation auf den Weltranglistenfünften hat, sind nicht zu übersehen. Zverev ist offenbar überfordert mit der Last der zusätzlichen Aufgaben, schafft es nicht, sich allein aufs Tennis zu konzentrieren. "Ich habe gerade keine Lust, Tennis zu spielen", sagte Zverev schon im Mai nach einer Auftaktniederlage beim Masters-Turnier in Rom und gab anschließend bei Sky überraschend offen zu Protokoll: "Wenn wir beim Masters sind, müssen wir professionell sein, ich, mein ganzes Team und alle anderen um mich herum. Und wir waren so weit entfernt davon diese Woche." Sponsoren-Termine habe er wahrnehmen und sich um persönliche Dinge kümmern müssen. "Ich bin auf den Platz gegangen und war komplett tot, vor dem Match schon." Hinzu kommt, dass ihn der Streit offenbar auch emotional schwer mitnimmt. "Es tut mir weh. Ich dachte, wir sind Freunde", ließ Zverev dann nach der Wimbledon-Pleite wissen: "Das ist gerade mein Leben."

Auch ein Teil seines "neuen" Lebens: "Normalerweise müssen Leute erst an zehn verschiedenen Leuten vorbei, um mit den Topspielern zu sprechen. So war das bei mir auch eine Zeit lang. Jetzt ist das aber anders", berichtete der Spieler, der in den letzten Monaten ohne Manager mehrere Aufgaben schultert. Eine Anekdote vom ATP-Turnier im April in Barcelona schiebt er im "Telegraph" nach: "Ich hatte dort niemandem. Es war okay, ich bin schon ein großer Junge. Ich komme damit klar. Zu dieser Zeit habe ich mich wirklich um alles gekümmert. Ich schätze, da war ich wohl der erste Topspieler dieser Art."

Brutaler Reifeprozess

Es ist ein brutaler Reifeprozess, den der deutsche Hoffnungsträger da gerade durchlaufen muss. Auch die zumindest zwischenzeitliche Trennung von Freundin Olga und deutlich vernehmbare Dissonanzen in seinem Trainerteam, bestehend aus Vater Alexander Senior und Star-Coach Ivan Lendl, spielen mit hinein. Lendl, der noch in Paris unter Verweis auf eine Pollenallergie gefehlt hatte, saß in London wieder in der Zverev-Box, dafür fehlte der Vater des Tennisstars, der derzeit so schwer an seiner Situation zu tragen hat. Sein kometenhafter Aufstieg ist jedenfalls erst einmal gestoppt, Zverev muss jetzt Krisen-Management betreiben. Wimbledon, den Ort seiner nächsten herben Grand-Slam-Enttäuschung, wollte er deshalb erstmal nur noch hinter sich lassen. "Ich werde mir ein paar Tage freinehmen, werde irgendwo sein, wo mich keiner finden kann", kündigte er an. Die Sortierung der Angelegenheiten abseits des Tennisplatzes hat nun Priorität. "Ich muss das in Ordnung bringen", sagte er.

Und das könnte kompliziert werden - oder teuer. Eine außergerichtliche Einigung scheint derzeit weit entfernt, nach Informationen des "Tennismagazins" würde eine solche Zverev mindestens einen hohen einstelligen Millionenbetrag kosten. Stimmt aber, worüber der "Telegraph" zuletzt spekulierte, wird die Krise dann zum Dauerzustand: Die britische Zeitung schrieb, dass ein fehlender Termin am zuständigen Londoner Gericht den Auftakt des Verfahrens zwischen Apey und dem Zverev-Lager bis weit ins Jahr 2020 verzögern könnte. "Ich würde mich jetzt lieber nicht um diese Dinge kümmern. Aber was soll ich machen? Einen neuen Manager einstellen? Das kann ich legal gerade gar nicht, weil er versucht, unangenehm zu sein“, sagte Zverev vor dem Wimbledon-Start gegenüber dem "Telegraph". "Was ich jetzt tun werde? Ich werde deswegen nicht mit Tennis aufhören." Das war vor der Erstrundenniederlage vom Montag. Und vor der Ankündigung, jetzt erst einmal verschwinden zu wollen.

Quelle: n-tv.de, ter/sid/dpa

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