Formel1

Formel-1-Ikone wird 70 Niki Lauda schafft, was Niki Lauda will

115411854.jpg

Niki Lauda: Erfolgreicher Rennfahrer, Unternehmer - und Vordenker.

(Foto: picture alliance/dpa)

ALT Jetzt anhören

Formel 1 ist ein Sport von Egoisten im Geschwindigkeitsrausch. Dreifachweltmeister Lauda ist Meister der Kunst, hart gegen sich und sein Umfeld zu sein. Zu seinem 70. Geburtstag blickt Lauda deshalb auf eine einmalige Karriere zurück - eine Laudatio.

Eigentlich dürfte er nicht hier sein, dieser knapp dem Tod Entronnene. Und doch streift Niki Lauda den Helmunterzieher über den Kopf mit den vielen Brandnarben und der transplantierten Beinhaut. Er quetscht die verstümmelten Ohren unter seinen Helm, ungeachtet der Schmerzen, die von den am Ohr besonders zahlreichen, noch freiliegenden Nervenenden herrühren. Er klappt das Visier herunter und macht das eigentlich Unmögliche: Lauda fährt am 12. September 1976 ein Formel-1-Rennen, den Großen Preis von Italien, und rast im Motodrom von Monza auf Platz vier. Trotz höllischer Qualen erringt er wichtige Punkte im Titelduell mit seinem Rivalen James Hunt.

Sechs Wochen ist es zu diesem Zeitpunkt her, dass Lauda auf dem Nürburgring mit 27 Jahren einen zweiten Geburtstag feierte. Als er mit seinem bis dahin alles dominierenden Ferrari 312T auf der "Grünen Hölle" verunglückte, war er eigentlich schon tot. Festgeschnallt in einem Feuerball hatte Lauda scheinbar das Unglückslos so vieler Sportwagenfahrer jener Zeit gezogen. Dann gelang es seinen Rettern doch noch, ihn aus dem Auto zu zerren. Der Wiener überlebte schwer verletzt, entstellt und mit vom giftigen Rauch verätzten Lungen.

Rennfahrergenie und Unternehmer

Es gibt so viele Geschichten über den Mann zu erzählen, der heute trotz seines schweren Unfalls, den vielen lebensgefährlichen Rennen in den Jahren danach und einer Lungentransplantation im vergangenen Herbst seinen 70. Geburtstag feiert. Über seinen Bruch mit der wohlhabenden Familie, nur um Rennfahrer zu werden. Darüber, wie er Ferrari in den 70ern nach elf titellosen Jahren zurück zum Erfolg führte und dann noch einmal in den 90ern, als er als Team-Berater einen gewissen Michael Schumacher zu den Italienern lotste.

imago20209577h.jpg

Lauda und Prost: Geniale Teamkollegen.

(Foto: imago/GEPA pictures)

Man muss daran erinnern, wie Lauda nach seinem zwischenzeitlichen Rücktritt in den 80ern als Fahrer in eine technisch völlig veränderte Formel 1 zurückkehrte, er dennoch mithielt und seinen genialen Teamkollegen Alain Prost im WM-Kampf schlug. In den 2010er-Jahren schließlich drückte Lauda noch einmal der Formel 1 seinen Stempel auf, als er maßgeblichen Anteil daran hatte, dass das Mercedes-Team mit bislang fünf Konstrukteurs- und fünf Fahrerweltmeisterschaften eine eigene Ära prägte.

Hinzu kommen die Gründung zweier Airlines und weitere Unternehmungen, mit denen er den Namen der Familie Lauda zurück in den Wirtschaftsteil österreichischer Zeitungen brachte. Dorthin, wo die Laudas nach Meinung seines Großvaters, ein den Motorsport belächelnder Industrieller, eigentlich hingehörten. Und nicht in den Sportteil, dem Lauda mit 171 Formel-1-Rennen und 25 Siegen so viel zu berichten gab.

Ein ehrgeiziger Sturkopf

All diese Erfolge gründen auf Laudas Begabung, dem Erreichen eines Ziels alles und jeden unterzuordnen. Dazu gehören Risiken genauso wie Befindlichkeiten - eigene und die der Familie. Das zeigte sich in jenem unfassbaren Comeback, das Lauda nur 42 Tage nach seinem Unfall gab. Laudas erste Ehefrau Marlene hatte ihren Mann beinahe sterben, um sein Leben kämpfen und an den Folgen des Unfalls leiden sehen. Doch ihr Flehen, das Rennfahren aufzugeben, prallte an Lauda ab.

imago04213526h.jpg

Schenkten sich nichts: James Hunt (l.) und Niki Lauda.

(Foto: imago/Motorsport Images)

"Ich habe weitergemacht, weil ich mir beweisen wollte, dass ich nach dem Vorfall wieder an der Spitze fahren konnte", sagte Lauda Jahre später einmal. Er musste es sich selbst beweisen, seinem Rivalen James Hunt und nicht zuletzt dem "Alten" - Ferrari-Gründer und Motorsportgott Enzo Ferrari. Dieser hatte nämlich aus Zweifel an einem Comeback Laudas mit dem Argentinier Carlos Reutemann zügig einen Ersatzfahrer angestellt. In Italien starteten deshalb gleich drei Ferrari-Flitzer: Lauda, sein Teamkollege Regazzoni und Reutemann. Der Österreicher beendete das Rennen vor seinem vermeintlichen Nachfolger.

Dennoch wollte Enzo Ferrari in der Folgesaison Reutemann zum Nummer-eins-Fahrer machen, Lauda zur Nummer zwei degradieren. Der mutmaßliche Grund: Lauda hatte sich nach seinem Unfall zwar zurück ins Cockpit gekämpft, beim Saisonfinale '76 in Japan aber schenkte er den fast sicheren Titel her. Lauda und andere Fahrer stellten wegen des Monsunregens ihren Wagen ab. Hunt fuhr weiter und wurde Weltmeister.

Für den Ferrari-Chef ein Beleg, dass Lauda seinen Biss verloren hatte. "Er sagte mir, dass ich nie wieder so schnell sein werde, wie vor meinem Unfall", berichtete Lauda über ein Gespräch mit dem Boss. Lauda wollte es nun erst recht beweisen, blieb trotz Degradierung bei den Roten und holte 1977 den WM-Titel mit großem Vorsprung. Dabei trat Lauda die letzten zwei Rennen der Saison gar nicht mehr an - der Bruch mit dem "Alten" war nicht zu kitten.

Der Modernisierer der Formel 1

imago06989665h.jpg

Lauda mit Luca die Montezemolo und Enzo Ferrari.

(Foto: imago/Milestone Media)

Vielleicht auch, weil sich die beiden zu ähnlich waren: leidenschaftliche Rennfahrer und meinungsstarke Sturköpfe, die ihrem Umfeld alles abforderten und wenig auf die Meinungen anderer gaben. So war auch Lauda nie sonderlich beliebt. Er war keiner dieser langhaarigen Draufgängertypen im Fahrerfeld der 70er-Jahre oder einfach nur ein Bierkumpel der Mechaniker. Lauda begriff Motorsport als hartes Geschäft, in dem nur eine professionelle Arbeitseinstellung zum Erfolg führte. Das impfte er zusammen mit dem späteren Fiat-Chef Luca di Montezemolo seinem Team ein. Lauda war ein Techniknerd, versessen aufs Testen und Verbessern. "Ich habe damals als Junger erkannt, was man mit den technischen Einrichtungen und dieser Teststrecke alles machen kann", sagte Lauda später mit Blick auf Ferraris hauseigenen Rundkurs.

Dieser unbedingte Arbeitswille war auch ein verbindendes Element zu Bernie Ecclestone, dem damaligen Brabham-Teamchef und späteren Zampano, der die Formel 1 zu dem Multimilliarden-Dollar-Business formte, das sie seit den 90er-Jahren ist. Der "Zeit" sagte Lauda einmal: "Ich habe eine egozentrische Art, mein Geld zu verdienen, aber sie ist erfolgreich." Der Satz hätte auch von Ecclestone stammen können. Beide haben wesentlich die Professionalisierung ihres Sports vorangetrieben.

Antreiber und Fahrerversteher

imago14331095h.jpg

Weggefährten bis heute: Niki Lauda und Bernie Ecclestone.

(Foto: imago/WEREK)

Laudas Draht zu dem exzentrischen Briten war von großem Vorteil als es darum ging, den Aufstieg des Mercedes-Teams zu ermöglichen. Ecclestone, Herr über die Geldtöpfe und einflussreich bei der Regelgestaltung, war weder auf die Stuttgarter noch auf ihren Teamchef Ross Brawn gut zu sprechen. Das änderte sich, als Lauda 2013 den Posten des Aufsichtsrats bei den Silberpfeilen übernahm. Seitdem ist Lauda zurück in seiner Rolle als Antreiber, aber auch als Fahrerflüsterer.

Insbesondere zu Lewis Hamilton hat Lauda einen speziellen Draht, erkannte schon früh in ihm das große Fahrergenie, das einer besonderen Zuwendung bedarf. Der meinungsfreudige Lauda packt Hamilton bei seinem Ehrgeiz, spart nicht an Kritik, gewährt ihm aber auch die Freiheiten, die der vielseitig interessierte Jetsetter braucht. Möglich, dass Partygänger Hamilton mit seinen Popstarallüren Lauda an seinen alten Freund und Rivalen, dem viel zu früh verstorbenen James Hunt erinnert.

Etwas altersmilde, zum Scherzen aufgelegt

Hamilton, Laudas 2009 geborene Zwillingskinder und auch die Zuschauer der RTL-Formel-1-Übertragungen kamen in den vergangenen Jahren in den Genuss einer gewissen Altersmilde Laudas. Mit kritischen Meinungen hält er zwar weiterhin nicht hinterm Berg. Doch der einstige Grantler zeigte sich in den vergangenen Jahren lockerer, war oft zum Scherzen aufgelegt.

e54ea94162742354561a117cca4ff419.jpg

Laudas schwerste Zeit: Eines seiner Flugzeuge stürzte 1991 ab.

(Foto: imago/Arnulf Hettrich)

Der Vater von insgesamt vier Kindern aus zwei Ehen ist nicht unumstritten, auch nicht in Österreich: Seine Unternehmen liefen nicht immer erfolgreich. Lauda hat nach eigener Auskunft keine Freunde und legt es bei seinen Geschäften auch nicht darauf an, sich welche zu machen. Bei seinen Airlines war er nicht zimperlich, wenn es darum ging, an der Kostenschraube zu drehen. Seine schwerste Zeit, sagt er selbst, war der Absturz eines seiner Flugzeuge, bei dem 1991 in Thailand 235 Menschen starben. Ursache: ein technischer Defekt. Auch in der Formel 1 erlitt er Niederlagen und beging Fehler.

Doch von seinem Weg hat sich Lauda nie abbringen lassen, egal wie groß die Probleme waren. Hierfür steht beispielhaft ein anderes wichtiges Rennen seiner Karriere: Beim Portugal-Grand-Prix 1984, dem letzten der Saison, hatte Lauda mit Startplatz elf seine Führung in der WM-Tabelle vor Teamkollege Alain Prost fast schon verloren. Prost fuhr im Rennen von Startplatz zwei auf eins. Mit einem Husarenritt sicherte sich Lauda den Platz hinter Prost und so seine dritte  und letzte Weltmeisterschaft. Ein halber Punkt Vorsprung, das knappste WM-Finale aller Zeiten. Als ihn Österreichs Sportreporterlegende Heinz Prüller im Anschluss fragte, wie er das trotz hoffungsloser Ausgangslage geschafft habe, antwortete Lauda trocken: "Vollgas ist mein täglich Brot" - im Auto wie im Leben.

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema