Fußball-EM

Hummels und der Italien-Vergleich DFB-Team entdeckt die Defensiv-Erotik

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Die deutsche Mannschaft hat in Frankreich bislang noch kein Gegentor zugelassen.

(Foto: dpa)

Tore schießen, das hatten sie sich beim DFB vor der EM zugetraut. Tore verhindern? Angesichts der rumpelnden Qualifikation nicht unbedingt. Doch in Frankreich hat die Nationalelf plötzlich ihre innere Abwehrleidenschaft entdeckt.

Möglicherweise wird Huub Stevens, Kosename "Knurrer von Kerkrade", am Montagabend nach dem Achtelfinal-Erfolg Italiens gegen Spanien (2:0) sehr zufrieden vor sich hingeknurrt haben. Vielleicht knurrte er so etwas wie: "Hab ich's doch immer gewusst. Irgendwann kommt diese Null in Mode." Und genau dieses irgendwann ist jetzt eingetreten. Defensive Wertarbeit ist während dieser Tage megahip (es kostet verdammt viel Überwindung, dieses Wort wirklich zu schreiben). Wohl selten zuvor wurden Tacklings so euphorisch als Heldengrätschen besungen, wurden Abwehrspieler als Tatortreiniger gefeiert, wurde dem kollektiven Verschieben von Ketten mit Liebe statt mit Abneigung begegnet wie bei der Fußball-Europameisterschaft in Frankreich.

Und der Höhepunkt der fast schon erotischen Defensiv-Heroisierung steht ja noch bevor. Er ist für Samstagabend, 21 Uhr (im n-tv.de Liveticker), terminiert. Denn dann treten in Bordeaux die beiden Nationalmannschaften gegeneinander an, die das Verteidigen im Sommer 2016 zur obersten Vergnügungskategorie erklärt haben: Italien und Deutschland. Doch anders als im südeuropäischen Stiefel, wo die Abwehrarbeit dem Nachwuchs bereits in den Brei gemischt wird, brauchte es bei der DFB-Elf einen tüchtigen Weckruf von Chef-Abräumer Jérôme Boateng nach dem Ukraine-Spiel, ehe auch der Rest erkannte, welch Laune frühes Anrennen, aggressives Pressing und Heldengrätschen bereiten können.

Seit nunmehr 360 Minuten tackelt und verteidigt sich die Mannschaft von Bundestrainer Joachim Löw erfolgreich, leidenschaftlich und gegentrefferlos durch das Turnier. Und die wenigen Gefahrenmomente, die vor allem die sonst so enttäuschenden Ukrainer zum Auftakt hervorbeschworen hatten, prallten an den massiven Extremitäten von Keeper Manuel Neuer ab. Deutschland, deine Abwehr - Catenaccio at it's best? Was für eine hirnrissige Behauptung.

"Wir verteidigen sehr hoch"

Auch wenn Mats Hummels, neben Neuer und Boateng dritte zentrale Spezialkraft der deutschen Soko "zu Null", der Vergleich mit der legendären italienischen Verteidigungskunst durchaus schmeichelt. "Ich nehme das mal als Kompliment auf". Doch damit hat's sich's dann auch schon. Denn, "Italien steht klischeehaft für den Catenaccio. Den haben wir nicht an den Tag gelegt. Wir verteidigen sehr hoch."

Dass können die Italiener von sich jetzt zwar nicht behaupten, auf knochenhartes Weggrätschen wollen sie aber auch nicht mehr reduziert werden. "Wir sind nicht nur Catenaccio und Konter. Wir können Fußball spielen - und das haben wir heute gezeigt", klärte Abwehrchef Giorgio Chiellini unmittelbar nach dem beeindruckenden 2:0-Achtelfinalerfolg gegen Spanien auf. Gestand dann aber mit etwas zeitlichem Abstand wieder durchaus stolz: "Sicherlich ist unsere Abwehr eine Stärke dieser Mannschaft. Wir spielen seit vielen Jahren zusammen, wir machen nicht nur unseren Job gut, sondern geben auch der Mannschaft Sicherheit." Und Selbstvertrauen.

"Das ganze Land steht hinter uns und drückt uns die Daumen, das ist vielleicht schon der größte Erfolg", sagt Azzurri-Coach Antonio Conte, wohlwissend, dass seine Auswahl noch kurz vor dem Turnier von fast 60 Millionen Landsleuten als schlechteste seit Jahren verspottet worden war. Dass Italien für das DFB-Team der Angstgegner schlechthin ist, interessiert Conte da jetzt freilich wenig. "Jetzt fängt das Turnier neu an. Wir werden eine absolut perfekte Vorstellung brauchen, da zählt die Vergangenheit nicht."

Ein Satz, den in der deutschen Delegation derzeit jeder sehr gerne aufnimmt. Denn das Trauma-Thema werde doch arg überstrapaziert, findet unter anderem Mats Hummels. "Ich weiß nicht, was ich daraus ziehen könnte, dass es 1980 oder so irgendeine Mannschaft mal gegen Italien nicht geschafft hat." Er beschwört lieber das Hier und Jetzt: "Wir haben aus dem 2012er-Spiel vor allem gelernt, dass man gegen Italien am besten nicht in Rückstand gerät, weil sie sich dann extrem auf das Verteidigen konzentrieren können. Am besten wäre es daher, wenn sich mit einem Führungstor von uns die Statik im Spiel der Italiener ein bisschen verändern würde."

Ach, wie sexy Abwehrarbeit doch klingen kann. Huub Stevens knurrt vermutlich jetzt schon vor Freude.

Quelle: ntv.de