Fußball-EM

Italiens Innenverteidiger bei EM Der Krebs rettete Acerbis Karriere

imago1003306776h.jpg

Italien und Francesco Acerbi könnten am Sonntagabend Europameister werden.

(Foto: imago images/Paul Marriott)

Im Sommer 2013 bekommt Francesco Acerbi seine erste Krebsdiagnose, im darauffolgenden Winter die zweite. Während seiner Behandlung macht der italienische Fußballprofi eine Wandlung durch, die ihn am Ende zur Europameisterschaft führt.

Es lief die 24. Minute im Olympiastadion in Rom, als für Francesco Acerbi ein Traum in Erfüllung ging. Im Vorrundenspiel gegen die Schweiz (3:0) wurde der 33-Jährige für den verletzten Kapitän Giorgio Chiellini eingewechselt. Endlich ein Einsatz für die italienische Nationalmannschaft bei einem großen Turnier, bei einer Europameisterschaft. Und das Kuriose daran ist, dass es eine zweifache Krebserkrankung war, die ihm das erst ermöglicht hatte.

Denn im Winter 2014 sah es zu keiner Sekunde danach aus, als würde er das schaffen. Im Alter von 25 Jahren wechselte Acerbi zur US Sassoulo. Für ihn war es der nächste Karriereschritt, nachdem sich der talentierte Innenverteidiger beim AC Mailand nicht durchgesetzt hatte und erst verliehen, später dann verkauft wurde. In der Vorbereitung auf die Saison 2013/14 absolvierte er bei seinem neuen Klub die üblichen obligatorischen medizinischen Tests. Doch einige Werte fielen auf. Sein Arzt machte weitere Tests und es gab den großen Schock: Diagnose Hodenkrebs.

Der Tumor wurde sofort entfernt und nach etwas Erholung stand Acerbi schon im September 2013 wieder auf dem Rasen. Bei seinem neuen Arbeitgeber erarbeitete sich der Italiener einen Stammplatz. Auch wenn es für seinen Klub eher schlecht lief, - der Aufsteiger kämpfte gegen den Abstieg - für Acerbi tat es das nicht. Bis zum Dezember 2013. Da holte ihn sein Schicksal wieder ein. Eine Dopingprobe fiel positiv aus. Ausgerechnet der Wert für das Hormon Gonadotropin lag über dem erlaubten Maße. Acerbi hätte das Medikament vorher anmelden müssen, vergaß das aber.

Morgens Chemo, abends Party

Die daraus resultierende Sperre und der Kampf vor Gericht dagegen überschatteten die viel schlimmere Nachricht: Das Sexualhormon wird bei der Krebstherapie in der Verlaufskontrolle eingesetzt. Das hieß: Der Krebs war wieder zurück. Und das schlimmer als zuvor. Eine Operation reichte nicht mehr aus, es musste die Chemotherapie sein.

Im "Goal"-Interview erzählte er später, dass es die schlimmste Phase für ihn gewesen sei: "Es war sehr schwierig. Ich konnte nicht trainieren, musste ständig ins Krankenhaus und miterleben, wie die Familie unter meinen schlechten Zustand litt." Die "Zeit" schreibt, er habe in der Zeit eine merkwürdige Tagesroutine entwickelt: Am Morgen gab's die Chemo, währenddessen schaute er fern. Am Nachmittag ruhte er sich aus, um in der Nacht bis in die frühen Morgenstunden feiern zu gehen.

Auch nach der Chemo hatte er noch mit den Folgen zu kämpfen. Nach seiner Zeit im Krankenhaus guckte er vor allem Kochshows, denn die Therapie raubte ihm den Appetit. Auch die Gedanken an den Fußball kehrten zurück. Es dauerte zehn Tage, bis er nach seiner Krankenhausentlassung wieder auf dem Platz stand, so erklärte er es später.

Ob er in den Profifußball zurückkehren könne, war noch unklar. "Erstmal wollte ich nur fit bleiben", berichtete er damals in dem Interview mit dem Portal. Doch dann, eines Tages, gab es die urplötzliche Wandlung. Irgendwie war irgendwas anders. "Ich bin mir nicht sicher, wieso", sagte Acerbi: "Etwas tief in meinem Inneren gab mir die Motivation, wieder auf den Rasen zurückzukehren." Er stellt sein Leben auf dem Kopf: "Keine Partys, kein Übertreiben - einfach normal sein." Sein Lebenswandel half ihm auch bei dem Comeback auf den Rasen: "So verstand ich, dass ich gereift und bereit für meine Rückkehr war."

"Vor meiner Krankheit war ich oberflächlich"

Und wie. Im August 2014 trug er wieder das Trikot der US Sassuolo, die den Abstieg zuvor abgewendet hatte. Bei seinem Comeback kamen nicht nur ihm die Tränen. Es war der Beginn von etwas Neuem. So etwas wie der Beginn einer zweiten Karriere.

Und das nicht nur auf der Vereinsebene. Etwas später rief auch Italiens Nationalcoach Antonio Conte an. Acerbi erzählte später, Conte habe zu ihm gesagt, er würde ihn nicht wegen seiner Krankheit nominieren, sondern wegen seiner Einstellung. Die acht Minuten beim Debüt gegen Albanien im November 2014, er werde sie nie vergessen, sagte Acerbi. Der Krebs habe seinen Lebensstil verändert und das nicht nur fußballerisch. "Vor meiner Krankheit war ich oberflächlich und habe mich nicht für das Morgen interessiert. Nach der Chemotherapie bin ich weiser und weiß, welche Sachen es zu schützen lohnt", erklärte er bei "Goal".

Das merkte man auch nach dem Halbfinale gegen Spanien. Er freute sich nicht nur über das Weiterkommen seiner Mannschaft. Nach dem Erfolg im Elfmeterschießen teilte er eine kleine, aber sehr aufmerksame Botschaft an den Trainer der Spanier. Vor knapp zwei Jahren verlor Luis Enrique seine neunjährige Tochter an den Knochenkrebs. Acerbi postete nur ein Bild der beiden, versehen mit einem roten Herzen.

Bis Acerbi nach seinem Debüt regelmäßig das Trikot der Squadra Azzurra überstreifen durfte, verging viel Zeit. Es brauchte auch erst ein Neuanfang der Nationalmannschaft. Und jemand der weiß, wie es ist, nicht auf die verdiente Spielzeit zu kommen. Als Roberto Mancini die italienische Nationalelf übernahm, baute er sie radikal um. Knapp 70 Profis trugen seit der verpassten Weltmeisterschaft 2018 das berühmte blaue Trikot. Viele Spieler bekamen die Chance, sich zu beweisen und sich einen Platz zu erarbeiten. Darunter auch der Innenverteidiger Acerbi.

Im aktuellen EM-Team der Italiener ist er nicht der einzige mit einer überstandenen Krebserkrankung. Es ist auch die Zusammenführung eines der erfolgreichsten italienischen Sturmduos der 1990er-Jahre. Neben Mancini mit auf der Bank sitzt auch Gianluca Vialli. Gemeinsam schossen sie Sampdoria Genua zum Erfolg. Mancini ist nun Nationaltrainer, Vialli Leiter der Delegation. Die Haare fehlen zwar, aber die Augenbrauen kehrten Stück für Stück zurück, darüber freute sich Vialli, der im April 2020 öffentlich machte, endlich frei von der Krebserkrankung zu sein. Und so ist das Traumduo wieder zusammen.

Am letzten Gruppenspieltag gegen Wales traf Mancini eine ungewöhnliche Entscheidung: Er wechselte kurz vor Schluss sogar den zweiten Torwart Salvatore Sirigu ein. Das war etwa kein Anflug von Arroganz, sondern lässt sich mit einer Erfahrung erklären, die der Trainer selbst gemacht hatte und seinen Profis aber ersparen wollte. Bei der Heim-WM 1990 stand der einstige Stürmer im Kader, blieb jedoch das ganze Turnier über Zuschauer. Selbst wenn sich Chiellini also im Schweiz-Spiel nicht verletzt hätte, wäre Acerbi wohl zum Einsatz gekommen. Und hätte sich seinen Traum erfüllt. Weil er den Krebs überwunden und daraus, wie er selbst sagt, seine Schlüsse gezogen hat.

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.