Fußball-EM

Mehr als ein EM-Finale Ekstatisches Frankreich sucht Anti-Ronaldo-Plan

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Andre-Pierre Gignac und Antoine Griezmann

(Foto: dpa)

Portugiesischer Trotz trifft französisches Pathos: Im EM-Finale sind Les Bleus mit Antoine Griezmann zwar Favorit, aber auch Ronaldos Seleção meint es ernst. Sein Trainer rechnet bei seiner Heimkehr fest mit einer Party.

Worum geht's?

Um die große Frage, welches Land die beste Fußballmannschaft Europas stellt. Für Joachim Löw und die deutsche Nationalelf ist die Antwort klar, wie der Bundestrainer nach dem Halbfinale in Marseille mehrfach betont hatte. Frankreich habe eine gute Mannschaft, seine aber sei besser. Ein Kompliment für den Gegner und Gastgeber kam ihm nicht über die Lippen. Der hatte allerdings mit 2:0 gewonnen und steht heute im Finale (ab 21 Uhr im Liveticker bei n-tv.de). Im Stade de France in Saint Denis geht's gegen Portugal, das in der Vorschlussrunde gegen Wales in Lyon ebenfalls zwei Tore erzielt hatte - mithin zwei mehr als die doch etwas beleidigten deutschen Weltmeister. Fußball ist und bleibt ein Ergebnissport. Das ist eine Binse, stimmt aber. Und damit erübrigt sich die Diskussion, ob heute wirklich die beiden besten Teams im Endspiel dieser Europameisterschaft stehen.

Wie ist die Ausgangslage?

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Die Franzosen hören es nicht so gerne, aber auch sie wissen, dass sie als Favoriten in dieses Spiel gehen. Und sie wissen, dass sie die Hoffnungen einer gespaltenen Nation tragen, die sich nun hinter ihrem Team zu vereinen scheint. Wer gesehen und vor allem gehört hat, wie das enthusiasmierte Publikum Les Bleus am Donnerstag in der Lärmhölle zu Marseille in dieses Endspiel trug, der weiß, was der Fußball für eine Suggestionskraft haben kann. Der Sporttageszeitung "L'Équipe genügte ein Wort, um die Stimmung im Land zu beschreiben: "L'EXSTASE". Es geht um den ersten Titel seit 2000, als die Franzosen die EM in Belgien und den Niederlanden gewannen. Und die Portugiesen? Können mit der Außenseiterrolle gut leben. Das Endspiel gewinnen wollen sie trotzdem. Ihr Trainer Fernando Santos zumindest scheint die Gaben eines Sehers zu haben. "Ich plane nicht, vor dem 11. Juli heimzukommen", hatte er nach dem 0:0 im zweiten Gruppenspiel gegen Österreich gesagt. "Und ich habe das Gefühl, dass dort eine Party auf mich wartet."

Wie ist Portugal drauf?

Apropos Ergebnisfußball: Die Portugiesen sind mit drei Unentschieden ins Achtelfinale gestolpert, im Achtelfinale besiegten sie Kroatien in der Verlängerung, im Viertelfinale Polen im Elfmeterschießen, bevor sie beim 2:0 gegen Wales im Halbfinale erstmals bei diesem Turnier eine Partie in 90 Minuten gewannen. Trainer Santos ist damit sehr zufrieden: "Ich bin lieber hässlich in Frankreich als schön zu Hause", hat er die Kritik am wenig spektakulären Stil seiner Seleção gekontert, die sich strikt seinem Defensivcredo verpflichtet fühlt, dem sich sogar Cristiano Ronaldo unterwirft, der zweifelsohne beste Fußballer Portugals. Und wenn Santos eins nicht hören mag, dann die im Grunde ja nicht so völlig abwegige These, dass nicht die allergrößten Ballkünstler dieses Endspiel bestreiten. Am Samstag sagte er im Stade de France auf eine entsprechende Frage: "Nicht das beste Finale? Was ist denn das beste Finale? Wie können wir hier sein, wenn wir nicht unter den Besten sind?" Und dann kündigte er an: "Wir werden ein neues Kapitel Geschichte schreiben." Frankreich sei zwar der Favorit. "Aber das spielt keine Rolle - ich bin sicher, dass Portugal gewinnt."

Anders als vor zwölf Jahren, als die Portugiesen als Ausrichter der EM 2004 den Griechen und ihrem deutschen Trainer Otto Rehhagel im Finale mit 0:1 unterlagen - mithin einer Elf, der ebenfalls nachgesagt wurde, ihr Augenmerk eher auf eine solide Abwehrarbeit zu legen. Missgünstige Stimmen sprachen gar von Betonfußball. Doch der Vergleich ist nicht statthaft, die Portugiesen des Jahres 2016 können wesentlich mehr. Erstmals seit 1996 sind sie nicht als einer der gleichermaßen berühmten wie berüchtigten Geheimfavoriten in das Turnier gegangen, haben sich jedem Gegner taktisch extrem gut angepasst - und prompt stehen sie im Endspiel. "Wir haben immer einen Plan. Einen Plan für die Abwehr, aber auch einen für den Angriff", sagte Santos, der im Laufe des Turniers die halbe Mannschaft ausgewechselt hat. Vieirinha, André Gomes und Ricardo Carvalho zum Beispiel haben ihren Stammplatz verloren, dafür spielen Renato Sanches, künftig für den FC Bayern am Ball, Cédric und Adrien Silva. Und natürlich Cristiano Ronaldo, der einzige aus dieser Mannschaft, der 2004 schon dabei war. Der gibt sich verhalten optimistisch: " "Es wird nicht leicht, uns zu schlagen. Seit Turnierbeginn hat das kein Team geschafft. Ich hoffe, Frankreich schafft es auch nicht"

Was machen die Franzosen so?

Sie machen das, was Favoriten meist machen: Sie loben den Gegner und reden ihn stark. Allen voran ein gut gelaunter Trainer Didier Deschamps: "Portugal ist nicht durch Zufall ins Finale gekommen. Das ist ein sehr gut organisiertes Team mit viel Erfahrung." Und dann sei da ja noch dieser Ronaldo: "Es wird wichtig, seinen Einfluss so klein wie möglich zu halten." Das Problem sei nur: "Wenn es einen Anti-Ronaldo-Plan gibt, dann hat ihn bis jetzt noch keiner gefunden." Seine Spieler beeindruckt das allerdings nur bedingt. "Ronaldo gehört zu den Besten der Welt, persönlich macht mir das aber keine Angst", sagte Bacary Sagna, der rechte Verteidiger. Und der nicht nur gegen die deutsche Mannschaft überragende Torwart Hugo Lloris verkündete: "Wir sind bereit."

Das gilt auch für Antoine Griezmann, dem Liebling der Nation und mit sechs Treffern, darunter zwei gegen die DFB-Elf, erfolgreichsten Torschützen dieser EM. "Wir haben wieder einen Helden, einen Stürmer, der für uns Turniere gewinnen kann", sagte Frankreichs ehemaliger Angreifer und Nationalspieler Thierry Henry. Und Griezmann versprach auch brav: "Mein einziges Ziel ist es, am Sonntag den Pokal hochzuhalten." Er weiß, in was für einer Tradition er steht. Bei beiden Heimturnieren nach dem zweiten Weltkrieg gewannen die Franzosen: 1984 die EM mit dem überragenden Michel Platini, der neun Tore erzielte; und 1998 die Weltmeisterschaft mit Kapitän Deschamps, der auch 2000 beim Gewinn der EM dabei war. Eine Zeit, an die er beinahe sehnsuchtsvoll denkt: "Der schönste Platz ist als Aktiver auf dem Feld. Wenn ich das Spiel sehe, ist es frustrierend, dass ich nicht mit meinen Schuhen auf dem Platz stehen kann. Aber das ist nicht mehr möglich." Nun gelte für seine Spieler, was einst für ihn und seine Kollegen gegolten habe: "Wir müssen uns bewusst sein, dass wir ein Privileg haben, in einem solchen Stadion und vor unseren Fans ein Finale spielen zu dürfen."

War sonst noch etwas?

Kapitän Llloris war nur einer aus der Mannschaft, der die nationale Tragweite dieser Partie betonte - und die Chance, den Menschen nach den Terrorattacken im vergangenen Jahr ein Gefühl der Gemeinschaft vermitteln zu können: "Diese Freude teilen zu können macht die Verbindung zwischen den Spielern und der Öffentlichkeit stärker. Aber noch fehlt der letzte Schritt, um diese Geschichte so schön wie möglich abzuschließen." Die linksliberale Zeitung "Libération" pflichtete ihm bei: "Nach dem Sieg über Deutschland und dem Finale gegen Portugal befindet sich das Land zwischen dem Wunsch, die jüngsten Tragödien hinter sich zu lassen und der aufrichtigen Freude, Les Bleus die Euro gewinnen zu sehen." Dabei hatte das Blatt seit Beginn der Europameisterschaft selten, und wenn, dann wenig positiv über dieses Turnier und die französische Mannschaft berichtet. Vor dem Finale aber war nun zu lesen: "Die Mannschaft symbolisiert die Erwartung, die Hoffnung, die Utopie eines Volkes, die kollektive Sehnsucht, dass eine vereinte, sympathische, einnehmende Nation wieder auferstehen möge. Also alles, was im Gegensatz zur Realität steht." Da möchte man den Franzosen am liebsten zurufen: "Geht's raus und spielt's Fußball."

Quelle: n-tv.de

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