Fußball-EM

Die Leere nach der EM-Ekstase Frankreich trauert, Griezmann frustriert

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Die Enttäuschung ist da, und sie ist immens.

(Foto: picture alliance / dpa)

Kaum hat die Euphorie Frankreich erfasst, verpufft sie auch schon wieder - weil die Fußballer des Landes das EM-Finale gegen Portugal verlieren. Der Trainer ist ratlos. Und einer, der als Liebling der Nation gilt, ist besonders getroffen.

Vielleicht haben sie am Ende zu viel gewollt. An überhöhter Bedeutung dieses Finales hat es jedenfalls nicht gemangelt. Freude in Zeiten des Terrors wollen sie den Menschen schenken, hatte Torhüter und Kapitän Hugo Lloris angekündigt. Und nachdem Frankreichs Fußballer im Halbfinale die deutsche Mannschaft mit 2:0 besiegt hatte, schien der Weg zum Titel frei. Wer ist schon Portugal? Nach verhaltenem Start in diese Europameisterschaft war im Land tatsächlich so etwas wie Euphorie zu spüren. "L'EXSTASE" hatte die Sporttageszeitung "L'Équipe" getitelt. Und dann verlieren sie am Sonntagabend dieses Endspiel vor 75.888 Zuschauern im Stade des France mit 0:1 nach Verlängerung.

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Schon nach acht Minuten geht Cristiano Ronaldo zu Boden.

(Foto: picture alliance / dpa)

Und das, obwohl der portugiesische Superstar Cristiano nach acht Minuten und einem schmutzigen Foul von Dimitri Payet zunächst verletzt und verzweifelt über den Rasen humpelte und eine Viertelstunde später raus musste. Warum haben sie dieses Spiel nur verloren? Warum haben sie die Chance nicht genutzt, nach dem EM-Sieg 1984 und dem Triumph bei der Weltmeisterschaft 1998 zum dritten Mal als Gastgeber ein Turnier zu gewinnen? Vielleicht waren sie einfach nicht gut genug. Lloris gab hinterher zu Protokoll: "Das überwältigende Gefühl im Moment ist Traurigkeit. Aber wir müssen unsere Köpfe oben behalten, schließlich haben wir großartige Dinge erreicht. Wir haben vielen Franzosen Freude bereitet. Aber wenn Du ein Wettkampftyp bist, akzeptierst du niemals Niederlagen."

Dass das allerdings wenig bringt, haben schon die Deutschen gezeigt, die sich als Verlierer ebenfalls als die bessere Mannschaft wähnten. Frankreichs Trainer Didier Deschamps rettete sich in der ersten Enttäuschung in eine Floskel: "Wir haben gemeinsam gelitten, wir haben gemeinsam gewonnen, und wir haben am Ende gemeinsam verloren." Am Ende haben sie aber auch gemeinsam zu wenig riskiert, ließen anders als im Halbfinale Esprit und Durchschlagskraft vermissen. Dabei wäre es ihnen beinahe dennoch gelungen, die hartnäckigen Portugiesen zu besiegen. "Wir hatten genug Möglichkeiten", konstatierte Deschamps korrekt. Nur genutzt haben sie sie eben nicht.

"Ich will keine Ausrede suchen, aber ..."

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Besonders trifft die Niederlage Antoine Griezmann.

(Foto: picture alliance / dpa)

Die allerbeste vergab André-Pierre Gignac in der zweiten Minute der Nachspielzeit, also noch vor der Verlängerung, in deren 19. Minute Éder das Tor für Portugal erzielte. Gignac, der in Mexiko für einen Verein namens Tigres de la Universidad Autónoma de Nuevo León spielt, war nach 78 Minuten für Oliver Giroud vom FC Arsenal in die Partie gekommen, der bei dieser EM zwar schon drei Tore erzielt, im Finale aber kaum überzeugt hatte. Und in der 92. Minute setze sich Gignac zwar gegen den portugiesischen Abwehrchef Pepe durch, doch der Ball prallte an den Pfosten. Das war's dann allerdings auch.

Auch auf den Rängen sank die Stimmung bei den Fans der Les Bleus. Hatten sie zu Beginn noch kraftvoll die Marseillaise, das alte Kriegslied geschmettert und ihre zahlenmäßige Überlegenheit leidlich genutzt, wurden sie am Ende von den Portugiesen in der roten Ecke des Stadions übertönt. Sieger schreien halt lauter, das war schon immer so. Und Deschamps sagte fast ein wenig hilflos: "Ich will keine Ausrede suchen, aber uns hat ein wenig die Frische gefehlt." Aber dann räumte er ein, was eh jeder wusste: "Es ist sehr hart für uns." Besonders getroffen war einer, der bis zu diesem finalen Auftritt noch der Liebling der Nation war. Antoine Griezmann schoss in Marseille beide Tore gegen die DFB-Elf und darf sich mit insgesamt sechs Treffern als Schützenkönig dieser EM bezeichnen. Trösten wird ihn das nicht, gegen Portugal vergab er zweimal mit dem Kopf. "Ich habe jetzt schon das zweite Finale innerhalb kürzester Zeit verloren, das ist einfach nur frustrierend."

Ende Mai unterlag er in Mailand mit Atlético Madrid dem Stadtrivalen Real und Cristiano Ronaldo im Endspiel der Champions League im Elfmeterschießen - und hatte kurz nach der Pause einen Strafstoß vergeben. Nun hat sich die Geschichte wiederholt. Und es klang ebenfalls wie eine Floskel, als er ankündigte: "Ich werde stärker zurückkommen." Aber was soll er auch sagen? "Es gibt keine Worte, um dieses Gefühl zu beschreiben. Die Enttäuschung ist da, und sie ist immens. Es wird Zeit brauchen, um das zu verarbeiten", versuchte Deschamps, die Leere zu greifen. Auch er weiß: So schnell kommt diese Chance nicht wieder. Und eins steht fest: Ekstase - das war gestern.

Quelle: n-tv.de

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