Fußball-EM

Es wird eng für Hopp Hoffenheim und Curevac - überall Probleme

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Am Tag der Eskalation im Februar 2020 steht der Fußball hinter Dietmar Hopp.

(Foto: imago images/Fotostand)

Die Europameisterschaft ist immer noch nicht in Deutschland angekommen. Die Gelegenheitsfans warten auf den Startschuss, die Aktiven beschäftigen sich mit dem Curevac-Scheitern. Es geht um die Verknüpfung Impfstoff und Fußball. Ihr Streit mit "Wohltäter" Hopp ist noch nicht vorbei.

Spaziergang durch Berlin-Gesundbrunnen. Der Asphalt flirrt. Kaum jemand wagt sich auf die Straße. Einige Kneipen haben den Lockdown nicht überlebt, andere bereiten sich zaghaft auf die anstehenden Spiele der Europameisterschaft vor. Die Wirte platzieren ihre Fernseher. Ein paar Gäste trinken ihre ersten Biere und in einem Hinterhof im Soldiner Kiez wird eifrig dekoriert. Seit Jahren gibt es hier zu den großen Turnieren an jedem Deutschland-Spieltag große Partys. Die Nachbarschaft trifft sich, für einen kleinen Solidaritätsbeitrag gibt es Essen, gibt es Getränke.

Dann sitzen all die Menschen, die das Leben in diesen unwirtlichen Teil der Hauptstadt geführt hat, beisammen. Deutsche, Araber, Thailänder, Afrikaner. Später bemalen sie eine Häuserwand. Es ist ihre Erinnerung. Aber in diesem Jahr, bei dieser Hitze, bei dieser Pandemie, ist alles ein wenig behäbiger. Die Wand ist noch nicht bemalt. Und ob das noch geschehen wird, hängt auch von der deutschen Mannschaft ab. Zurück auf der Straße. Kaum Beflaggung. Hin und wieder eine türkische Fahne, mal auch eine deutsche. Doch die hier dominierenden Teams boten bislang wenig Anlass zur Euphorie. Die Europameisterschaft ist immer noch nicht in den Herzen angekommen.

Da unterscheiden sich Gelegenheitsfans, nicht von denen, die jedes Spiel ihrer Mannschaft verfolgen. Sei es Borussia Dortmund, FC Bayern München oder der FC Schalke 04. Das System Fußball steckt in der Krise. Das wurde oft verhandelt. Die größenwahnsinnige EM inmitten der Pandemie, die Überheblichkeit, mit der die UEFA die Gastgeberländer gängelt und dem Vereinigten Königreich nun mit dem Entzug der Finalspiele droht, weil die VIPs aufgrund der Quarantäne-Bestimmungen das Finale verpassen könnten, sorgt weiter für massives Unverständnis. Sogar beim britischen Premierminister Boris Johnson. Der will sich nicht unter Druck setzen lassen. "Priorität muss die öffentliche Gesundheit haben", antwortete der auf die Forderungen der UEFA. "Wir werden alles tun, was notwendig ist, um das Land vor Covid zu schützen."

Das Feindbild Hopp

Die aktiven Fans freuen sich vielmehr auf die Rückkehr ins Stadion, vielleicht sogar zum Beginn der neuen Saison. Niemand kann das aktuell sagen, aber träumen darf jeder. So wie auch Dietmar Hopp, der einst vom besten Impfstoff gegen das Coronavirus träumte. Dazu wird es vorerst nicht kommen. Denn Curevac, das Unternehmen an dem der 81-Jährige Anteile hält, musste dieser Tage einen empfindlichen Rückschlag einstecken. Das bewegt Teile der Fußball-Fans mehr als jede Europameisterschaft. Deswegen: Anruf bei Anwalt Doktor Andreas Hüttl.

Der Hannoveraner hat so seine Erfahrungen mit Dietmar Hopp gemacht. Seine Versuche, den Hoffenheim-Mehrheitseigner als Zeuge bei einem von Hopp angestrengten Prozess gegen Dortmunder Fans zu laden, liefen ins Leere. Man habe, wurde ihm mitgeteilt, keine ladungsfähige Adresse. Einmal sah Hüttl den Mäzen im Golf Club St. Leon-Rot. Aber vor Gericht nie. Wer die Gegenwart verstehen will, muss zurückblicken. Deswegen ein kurzer Abriss:

Hopp, der mit seinem Kapital seinen Heimatverein TSG Hoffenheim aus den Niederungen der Amateurligen bis in die Bundesliga führte, gilt vielen Fußballfans als rotes Tuch. Für sie war und ist der Hoffenheimer Patron eine Symbol-Figur für die langsame Aushöhlung des 50+1-Gedankens im deutschen Fußball. Über Jahre sah er sich Beleidigungen aus den Kurven ausgesetzt. Sie wurden medial mal mehr und mal weniger beachtet, waren aber eine Konstante seit Hoffenheims Bundesliga-Aufstieg 2008. Der SAP-Mitgründer reagierte zuweilen dünnhäutig, zog Fans vors Gericht. Manchmal wirkte es willkürlich.

Kurz vor dem ersten Lockdown geriet die Situation im späten Februar 2020 außer Kontrolle. Der DFB hatten Borussia Dortmund für das Fehlverhalten ihrer Fans bei den Auftritten in Hoffenheim mit einer Gästefan-Sperre belegt. In den folgenden Wochen solidarisierten sich andere Fangruppen mit den Dortmundern und Ende Februar kam es zu Spielunterbrechungen in den deutschen Stadien, mit dem unwürdigen Höhepunkt in Sinsheim. Dort spielten sich Hoffenheim- und Bayern-Profis den Ball nach einer langen Spielunterbrechung zu. Es stand 6:0 für die Bayern.

"Geste des Jahres"

Draußen applaudierten Hopp und Bayern-Boss Karl-Heinz Rummenigge, auf der Tribüne der Kommentator eines Pay-TV-Senders. Eine Boulevard-Zeitung befand später: Das war die Geste des Jahres. Die Fans schüttelten mit den Köpfen. Doch der Protest verstummte. Es war Pandemie. Andere Zeiten, andere Sorgen. Bundesweit organisierten die von Teilen der Öffentlichkeit als "sogenannte Fans" abgestempelten Ultra-Gruppierungen Hilfsaktionen für die Risikogruppen, die sich nun in ihren Wohnungen verschanzten.

Auch Dietmar Hopp kümmerte sich nun um andere Dinge. Mit dem Tübinger Unternehmen Curevac hatte er ein heißes Eisen im Rennen um den Impfstoff gegen das Coronavirus. Auch bei Curevac ist Hopp Mehrheitseigner, wie bei Hoffenheim, bei denen er 96 Prozent der Anteile hält. Die Anfeindungen gegen ihn, die Spielabbrüche im deutschen Fußball waren noch frisch, als das Virus auf Pause drückte und es nur noch ein Thema gab. Hopp vermischte Sport und Pandemie. Er gab dem Sportsender Sport 1 Interviews über seine Auseinandersetzung mit dem damaligen US-Präsidenten Donald Trump. Der hatte sich den Impfstoff angeblich exklusiv für die USA sichern wollen. Aus der Politik kassierte er ein dickes Lob. Deutschland stehe "nicht zum Verkauf", sagte Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier. "Hopp war damals der doppelte Retter. Er hat den Amerikanern die Stirn geboten. Die Forschung hier gehalten. Doch nun erscheint es doch sehr nach einer groß angelegten PR-Strategie", sagt Doktor Hüttl, der Anwalt, dem die Fans vertrauen.

"Der Wohltäter der gesamten Menschheit"

Trotz seiner Leidenschaft für den Impfstoff und der coronabedingten Pause der Fußball-Bundesliga, kehrte Hopp in den Sport zurück. Neben seinen Interviews mit Sport 1 fanden sich seine Worte auch im ZDF Sportstudio wieder. Dort las er im Golf Club sitzend von einem Teleprompter ab. Sein Verein, die TSG Hoffenheim, mischte ebenfalls mit. Am 15.03.2020 gaben sie Hopp auf ihrem Twitter-Account Platz. Sie teilten ein Zitat aus einem "Manager Magazin"-Interview. "Wenn es uns hoffentlich bald gelingt, einen wirksamen Impfstoff gegen das Coronavirus zu entwickeln, soll dieser Menschen nicht nur regional, sondern solidarisch auf der ganzen Welt erreichen, schützen und helfen können", sagte Hopp da. Wie sich jetzt herausgestellt hat, wird der Impfstoff, der der beste werden sollte, vorerst nicht helfen. Er weist nur eine vorläufige Wirksamkeit von 47 Prozent auf. Doch der Milliardär bleibt "felsenfest" überzeugt. Auch als Investor wolle er erhalten bleiben. Karl Lauterbach hingegen sagt: "Curevac wird keine Rolle mehr spielen." Die Berichte über das Curevac-Scheitern interessieren nun auch die Fußballfans. Nicht, weil sie erfreut sind, über den möglichen Ausfall eines Impfstoffs, sondern durch die Fallhöhe die Hopp durch sein Handeln kreierte.

"Er hat gesagt: 'Ich bin der Wohltäter des Fußballs und ich bin auch der Wohltäter der gesamten Menschheit.' Diese Verknüpfung Fußball und Impfstoff ist jetzt natürlich dumm für ihn. Das ist unsäglich. Wenn wieder Zuschauer zurückkommen, werden die Proteste weiterkochen", sagt Hüttl.

Sein Investment im Fußball, seine unbestrittene Leidenschaft für seinen Heimatverein TSG Hoffenheim wird aktuell auch von überraschender Seite auf die Probe gestellt. Anfang des Monats übte die heimische Fanszene deutliche Kritik an "Sonnenkönig" Hopp, nachdem der sich im Machtkampf mit dem langjährigen Geschäftsführer Dr. Peter Görlich durchgesetzt und den Mann aus der Region abberufen hatte. Görlich war einer der Kritiker der langjährigen und umstrittenen Zusammenarbeit Hopps mit dem Spielerberater Roger Wittmann und dessen Agentur Rogon. Gemeinsam sollen sie Anteile an einem brasilianischen Klub halten.

Der Spaziergang führt weiter. Im Humboldthain trägt kaum jemand ein T-Shirt. Die Hitze dauert an. Als das Spiel der Schweden gegen die Slowakei angepfiffen wird, sitzen vor einer Bar an der Voltastraße fünf Leute. Bei Portugal gegen Deutschland werden es ein paar mehr sein. Fußball ist nicht mehr ganz so wichtig. Geschichten wie die von Hopp tragen ihren kleinen Teil dazu bei.

Quelle: ntv.de

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