Fußball

Anzeige, Kollektivstrafe, Banner Die geplante Eskalation der Hopp-Proteste

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"Keine Kollektivstrafen mehr? Wie oft wollt ihr euer Wort noch brechen?" fragen die BVB-Fans den DFB.

(Foto: imago images/Team 2)

Es geht um ein Fadenkreuz, um Plakate und Gesänge. Um einen Streit zwischen Fans von Borussia Dortmund und Hoffenheim-Mäzen Dietmar Hopp. Dann folgen eine Regelverschärfung, ein Wortbruch und ein Brief von DFB-Präsident Keller. Die Chronik einer Eskalation.

Wie immer herrscht bereits wenige Minuten nach Öffnung des Stadions ein emsiges Gewusel unter der Südtribüne des Dortmunder Westfalenstadions. Die Vorbereitungen für das Bundesliga-Spiel gegen den SC Freiburg laufen auch hier.

An den Treppenaufgängen sammeln einige Fans Spenden für die Choreos, die in den vergangenen Wochen bei den Spielen gegen Frankfurt und Paris für beeindruckende Bilder gesorgt hatten. Wer spendet, erhält eine kleine Dankespostkarte. An den verschieden Ständen und Büdchen versorgen sich die Fans mit Kalendern, Fanzines, Stickern. Nachdem sie am Bierstand angestanden haben, geht es zu den Desinfektionsmittelspendern für die gefühlte Sicherheit in Zeiten der Pandemie.

Langsam begeben sich die Fans an diesem 29. Februar auf die Tribüne. Sie registrieren Trainer Lucien Favres Aufstellung. Der BVB läuft ohne Erling Haaland auf. In den unteren Blöcken der Süd lagern die Fans ein Banner, das sie kurz nach Anpfiff präsentieren werden.

Zu spät, um es noch zu stoppen

Die Eskalation ist da längst nicht mehr zu verhindern. Während sich die Südtribüne auf das Spiel vorbereitet, ist aus Hoffenheim zu hören, dass große, koordinierte Protestaktionen gegen den Mehrheitseigner Dietmar Hopp geplant sind. Der Bundesligist habe bereits andere Klubs verständigt. Der beinahe 80-jährige SAP-Mitgründer steht seit einigen Tagen wieder im Fokus der Fans. Eigentlich hatten sie ihn bereits vergessen.

War Hopp in den ersten Jahren nach Hoffenheims Aufstieg in die erste Liga noch regelmäßig Anfeindungen ausgesetzt, so hatte sich die Kritik gegen den modernen Fußball längst gegen das Red-Bull-Imperium in Leipzig gerichtet. Das war nicht immer so. Der Aufstieg des Dorfvereins hatte bereits 2008 für erste Verwerfungen zwischen den Dortmunder Fans und Hoffenheim gesorgt.

Direkt im ersten, damals noch in Mannheim ausgetragenen Spiel, präsentierten die Borussen das nun immer wieder zitierte Banner mit Hopp im Fadenkreuz. Irgendwann verlief die Sache im Sand. Hoffenheim war in der Liga angekommen, wehrte sich mit der Hilfe einer von einem Hausmeister installierten Beschallungsanlage gegen die Schmähgesänge, die mit Leipzigs Weg nach oben nur noch Folklore wurden.

Fanszene wirft dem DFB Wortbruch vor

Das änderte sich erst, als sich Hopp 2018 erneut zur Wehr setzte und erst Kölner Fans, dann Dortmunder Fans die volle Härte des Gesetzes spüren ließ. Die Gesänge, die dazugehörten, wie immer man zu ihnen steht - wie die BVB-Hurensöhne-Rufe der gegnerischen Fans oder die auch in Hoffenheim zu hörenden Beschimpfungen des Leipziger Nationalstürmers Timo Werner - hatten nun eine Anzeige zur Folge.

Ohne diese, da sind sich die Dortmunder Fans sicher, wäre das Fadenkreuz nie entmottet worden. Doch bereits beim nächsten Auswärtsspiel in Hoffenheim war es zu sehen. Obwohl der damalige DFB-Präsident Reinhard Grindel die Kollektivstrafe für Fußball-Fans im August 2017 ausgesetzt hatte, sprach das DFB-Sportgericht einen Ausschluss der BVB-Fans bei den nächsten Auswärtsspielen in Hoffenheim aus. Auf Bewährung. Dass diese ausgesetzt werden würde, stand nie wirklich in Zweifel. Die Dortmunder würden dieses Angebot dankend annehmen. Das taten sie im Dezember 2019. Im Februar 2020 verkündete der DFB die Auswärtssperre.

Die Fanszenen verstanden es als Wortbruch. In Gladbach muss das Spiel gegen Hoffenheim Anfang der zweiten Halbzeit unterbrochen werden. Das Fadenkreuz, von den Fans als Symbol in ihrem Kampf gegen den DFB und den modernen Fußball verstanden, wird gezeigt und später spricht Max Eberl von "50 Idioten". Man werde alles tun, diese zu identifizieren. Die Unterbrechung von Gladbach verschärft den Ton noch einmal und verschiebt die Debatte in eine ungesunde Richtung. Alle bringen sich in Stellung.

DFB-Präsident Keller schreibt an Fans

Unter der Woche ruft DFB-Präsident Fritz Keller in einer Sportredaktion an, um sich über die Berichterstattung rund um das Thema Hopp zu beschweren. In einem Brief an die Vertreter von "Unsere Kurve", Queer Football Fanclubs, das Netzwerk "Frauen im Fußball", das Bündnis Aktiver Fußfballfans und die Vereinigung "Pro Fans" zeigt sich Keller zudem erschüttert über den respektlosen Umgang miteinander.

Nach einem Lob für die Schweigeminuten und die mahnenden Stellungnahmen zum Terror von Hanau und dem Rechtsextremismus, schreibt er von einer "kleinen Gruppe", die "jegliche Sensibilität und den unverhandelbaren Respekt vor dem einzelnen Menschen vermissen lassen" habe. Er erwähnt, dass dies zu "reflexartigen" Folgen wie der Forderung nach Abschaffung der Stehplätze führen könnte. "Es zeugt vom Risiko, dem der Fußball ausgesetzt ist", schreibt er.

Am Donnerstag vermeldet der "Kicker" in einer Notiz, dass das Uefa-Protokoll für schwerwiegende Rassismusvorfälle inzwischen auch auf "hasserfüllte und gewaltverherrlichende Botschaften" angewendet werden kann. Zu diesem Zeitpunkt ist diese Ausdehnung der Regel zumindest nicht bei allen Bundesligisten bekannt. Auch der DFB kann das am Donnerstag noch nicht bestätigen.

Dass etwas passiert, ist längst klar

Das dreistufige Verfahren der Uefa zur Unterstützung der Unparteiischen im Umgang mit schwerwiegenden Vorfällen im Stadion ermöglicht den Schiedsrichtern, ein Spiel zu unterbrechen und es, bei andauernder Störung, gegebenenfalls abzubrechen.

Die Vorbereitungen für das Wochenende laufen. Auf Fanseite, die untereinander kommuniziert und Protestaktionen vorbereitet und auf Verbands- und Vereinsseite. Beide Seiten belauern sich. Dass etwas passieren wird, das ist längst klar. Die Verschärfung der Regel, so ist von Fanseite zu hören, sei von den Vereinen ausgegangen.

Wie die Proteste ablaufen werden, darüber entscheidet jede Szene für sich. Es ist klar, dass sie sich gegen die Wiedereinführung der Kollektivstrafe richten werden und die Vorfälle in Gladbach, die die beeindruckende Trauer um die Toten von Hanau und die "Nazis raus"-Rufe in zahlreichen Stadien überlagerte.

Gibt es die finale Auseinandersetzung?

"Wer die Toten von Hanau missbraucht, um die Fankurven mundtot zu machen, der beweist mehr Anstandslosigkeit als jedes Fadenkreuz", steht auf dem ersten Banner, das an diesem Samstag in Dortmund präsentiert wird. In anderen Stadien richtet sich der Fokus auf den Wortbruch des DFB, auf die Wiedereinführung der Kollektivstrafe. Auch Hopp muss wieder herhalten. In Dortmund wird das Spiel nach Anti-Hopp-Gesängen kurz unterbrochen. Die erste Stufe des Uefa-Protokolls. Nach der Durchsage im Stadion werden die Gesänge nur noch lauter. In Hoffenheim geht die geplante Eskalation in die zweite Runde. Dort werden die Spieler in die Kabine geführt.

Einen Tag später spricht Hopp von Erinnerungen an ganz dunkle Zeiten und sein Anwalt Christoph Schickhardt fordert Hausdurchsuchungen bei den "Randalierern" und auch mal "einen Tag in der Zelle". Über Verletzte im Rahmen der Anti-Hopp- und Anti-DFB-Proteste ist bislang nichts bekannt.

Nach dem 1:0 (1:0)-Erfolg gegen den SC Freiburg leert sich die Südtribüne. Einige Fans sprechen von einem Kulturkampf, sie erwarten die finale Auseinandersetzung zwischen DFB und Fans. Andere Fans haben zu viele finale Auseinandersetzungen erlebt. "Demnächst wird eine andere Sau durchs Tor getrieben", sagt einer.

Quelle: ntv.de