Fußball-EM

Hellenen spielen gegen Untergang Mit Herzblut für Griechenland

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Einhundert Prozent für Griechenland. Wunder gibt es immer wieder.

(Foto: picture-alliance / dpa/dpaweb)

Griechenland versinkt im Chaos, die Zukunft des Landes in der Eurozone ist weiter offen. Mit einer erfolgreichen EM will die Nationalmannschaft ihre Landsleute von den Sorgen und Nöten ein wenig ablenken und nebenbei für Co-Gastgeber Polen zum Partyschreck werden.

In der Heimat ächzt das griechische Volk unter der Finanzkrise - und ausgerechnet die Fußball-Millionäre sollen ihm Freude und Stolz zurückgeben. Die Spieler sind sich ihrer Verantwortung für das arg gebeutelte Land dabei bewusst und Trainer Fernando Santos kündigt Glücksmomente in trostlosen Zeiten an. "Ich will die Griechen wissen lassen, dass wir für den Erfolg bluten werden. Wir werden einhundert Prozent für Griechenland geben. Die Fans sollten Vertrauen in uns haben", sagte der Portugiese Santos vor dem EM-Eröffnungsspiel im Warschauer Nationalstadion am Freitag (18.00 Uhr) gegen Co-Gastgeber Polen. Ob die Hellenen ihre EM-Prämien in Euro und Drachmen ausbezahlt bekommen? Egal. Die bangen Fragen nach der Zukunft des Landes? Für 90 Minuten zurückgestellt. Man wolle den Leuten, die momentan Freude nur mit einer Lupe erkennen, ein wenig Glück bereiten, so der 57 Jahre alte Nachfolger von Volksheld Otto Rehhagel.

Auch die griechischen Spieler wollen ihre Landsleute von den großen Sorgen und Nöten mit sportlichen Erfolgen ein wenig ablenken. "Wir wollen Freude an die Griechen geben und mit hoffentlich schönen Erinnerungen in die Heimat zurückkehren", sagte Giorgios Karagounis. Der 35-Jährige ist neben Kostas Katsouranis (32) und Torhüter Kostas Chalkias (38) einer von drei Spielern, die beim sensationellen EM-Titelgewinn 2004 unter "Rehakles" mit dabei waren.

Hinten Beton anrühren und vorne hilft der liebe Gott

Acht Jahre später haben sich die politischen Vorzeichen geändert. Sportlich gehen die Griechen erneut als Außenseiter ins Turnier und setzen dabei auf die alte Otto-Rehhagel-Taktik: Hinten Beton anrühren und vorne hilft der liebe Gott. Dabei wollen sie für Polen zum Partyschreck werden. "Wir haben 2004 schon mal einem Gastgeber die Party versaut, und ich hoffe, dass wir es wieder tun werden", sagte der von Eintracht Frankfurt an den AS Monaco ausgeliehene Verteidiger Giorgos Tzavellas.

Vor acht Jahren schockten die Hellenen Gastgeber Portugal mit einem 2:1-Erfolg und legten so den Grundstein für ein griechisches Sommermärchen. Davon ist der Weltranglisten-15. vor dem ersten Turnierspiel ohne Rehhagel auf der Bank seit Juli 1994 aber weit entfernt. Santos führte sein Team zwar ohne Niederlage durch die Qualifikation, doch spielerischen Glanz entfachten die Griechen dabei nicht. So selten wie die Santos-Truppe (14 Tore in 10 Spielen) traf kein anderer EM-Teilnehmer in der Qualifikation ins Netz. "Wir müssen uns zu 100 Prozent auf die Endrunde konzentrieren und unseren Prinzipien treu bleiben: Leidenschaft, Organisation, klaren Kopf bewahren und immer auf Sieg spielen", sagte der Trainer. Dabei setzt Santos ("Karagounis spielt in unserer Mannschaft noch immer eine zentrale Rolle. Die Jüngeren können zu ihm aufschauen") auch auf seine Routiniers.

Katsouranis, Karagounis und Chalkias werden im EM-Quartier den jüngeren Spielern zur richtigen Einstimmung noch einmal von ihren Heldentaten vor acht Jahren berichtet haben. Die Stimmung im griechischen Lager wirkte jedenfalls gelöst, die Spieler waren bei den Pressekonferenzen und Trainingseinheiten zu Scherzen aufgelegt.

Der Optimismus vor der Partie gegen Polen ist groß. "Wir sind nicht arrogant, aber wir fürchten nichts und niemanden", sagte Tzavellas. Mittelfeldspieler Ioannis Maniatis fügte an: "Wir sind in der Lage, gegen Polen ein positives Ergebnis zu erzielen." Damit hätten die Griechen ihre beiden Ziele vorerst erfüllt: Die Männer und Frauen in der Heimat auf andere Gedanken bringen und Polen die rot-weiße-Party verderben.

Quelle: ntv.de, Oliver Mucha sid