Fußball-EM

EM-Analyse mit Hickersberger "Nicht im schlimmsten Albtraum vorstellbar"

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Jérôme Boateng (r.), machtlos

(Foto: imago/Jan Huebner)

Aufstellung in Ordnung, Matchplan sehr gut - und dann das: Es gebe Momente, in denen man sich einfach machtlos fühlt, erklärt n-tv.de EM-Experte Josef Hickersberger. Und dann? Die Mannschaft könne man nicht trösten. Ihr Komplimente machen schon.

Herr Hickersberger, wussten Sie, dass Deutschland amtierender Handball-Europameister ist?

(lacht) Natürlich wusste ich das, weil ich auch den Handball etwas verfolge. Allerdings war das keine Handball-Europameisterschaft, sondern Fußball. Hier war die deutsche Stärke im Handball nicht gefragt …

Trotzdem ist sie wie schon im Viertelfinale durchgebrochen, diesmal bei Bastian Schweinsteiger. Verzweifelt man da als Fußballtrainer?

Natürlich sind das Momente, wo man sich machtlos fühlt. Das sind Situationen, die man sich nicht einmal in den schlimmsten Albträumen vorstellen kann. Dagegen ist man nicht gefeit, nicht einmal als Weltmeistertrainer.

Von Lukas Podolski wissen wir, dass im Fußball manchmal der Bessere gewinnt. Wie war es diesmal?

Das war nicht der Fall.

Also stimmen Sie Bundestrainer Joachim Löw zu, wenn er sagt: "Ich fand Frankreich gut, aber wir waren besser."

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Josef Hickersberger analysiert das Spiel der DFB-Elf.

(Foto: imago sportfotodienst)

Das unterschreibe ich sofort. Das war auch nicht arrogant, sondern eine Feststellung der Tatsachen und des Spielverlaufs. Deutschland war mit Ausnahme der Startphasen beider Spielhälften wirklich die bessere Mannschaft und konnte den Gegner phasenweise sogar dominieren.

Trotzdem hat Frankreich gewonnen. Warum?

Im letzten Drittel hat nicht viel geklappt. Da fehlte vor allem Mario Gomez, seine Präsenz im Strafraum. Und natürlich fehlte dem Thomas Müller seine Normalform, während Frankreich mit Antoine Griezmann den torgefährlichsten Spieler der EM hat. Ausschlaggebend war aber in erster Linie eine, ja, Verkettung von unnötigen, unerzwungenen Eigenfehlern: Das Handspiel von Bastian Schweinsteiger, beim zweiten Tor ein Querpass im Strafraum, missglückte Ballannahme von Joshua Kimmich und dann der Fehler von Manuel Neuer.

War das Spiel anders als im EM-Halbfinale 2012 diesmal zwar nicht vercoacht, aber trotzdem irgendwie verschenkt?

Das würde ich auf keinen Fall so formulieren. Ich glaube, dass Deutschland einen sehr guten Matchplan hatte. Die Hereinnahme von Emre Can war eine gute Entscheidung. Das hat man auch während des Spiels aufgrund der Dominanz des deutschen Mittelfelds gespürt und feststellen können. Das war für mich alles sehr schlüssig und das Spiel hat eigentlich Jogi Löw Recht gegeben - mit Ausnahme des Endergebnisses.

Ist Fußball letztlich doch nur ein Glücksspiel?

Nicht nur, aber oft.

Hat der Ausfall Gomez im Halbfinale schwerer gewogen als der von Mats Hummels und Sami Khedira?

Zweifellos! Nach dem 0:2 noch mehr als vorher schon. Wenn man dann den besten Kopfballspieler in der Offensive vermisst, ist das ein Manko, das man nicht kompensieren kann. Die Brechstange Gomez hat an allen Ecken und Enden gefehlt.

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Bundestrainer Joachim Löw (r.) und Co-Trainer Thomas Schneider (l.) gratulieren Frankreichs Nationalcoach Didier Deschamps zum Einzug ins EM-Finale.

(Foto: imago/MIS)

Knackpunkt des Spiels war trotzdem der von Schweinsteiger verschuldete Handelfmeter.

Ja, aufgrund des Zeitpunkts. Ein Gegentor ist immer bitter, wenn man ein Spiel dominiert. Aber der Zeitpunkt in der Nachspielzeit der ersten Spielhälfte, der war besonders bitter - weil auch das Handspiel so unnötig war wie ein Kropf. Schweinsteigers Blackout hat das Spiel auf eine schiefe Ebene gebracht, ihm eine entscheidende Wende gegeben, weil Frankreich dann seine nicht sattelfeste Abwehr noch mehr verdichten konnte und manchmal mit Mann und Maus verteidigt hat.

Haben Sie sofort gesehen, dass es ein Handelfmeter war?

Nein, nein! Ich hab zunächst gedacht: Kompensation von Schiedsrichter Rizzoli, weil er im WM-Finale 2014 in Brasilien den Manuel Neuer nicht ausgeschlossen und nicht einmal verwarnt hat. Aber in der Wiederholung war dann klar zu sehen: Handspiel, Elfmeter berechtigt.

Spricht man so einen Aussetzer wie von Schweinsteiger in der Halbzeitbesprechung an?

Nein, nein. (lacht) Da bin ich hundertprozentig überzeugt. Das ist in diesem Moment ja vorbei. Da gilt es ganz einfach den Fokus auf die zweite Spielhälfte zu richten, die taktischen Richtlinien zu besprechen, was man jetzt bei 0:1-Rückstand anders machen soll oder besser machen kann. Da kann man sich nicht damit aufhalten, solche Dinge noch zu reflektieren.

Gegentor mit dem Pausenpfiff, psychologisch unglücklicher Zeitpunkt. Trotzdem heißt das auch, es bleiben noch 45 Minuten Zeit für eine Reaktion. Haben denn Löw und die Mannschaft richtig reagiert?

Meines Erachtens sehr wohl. Auch die Wechsel waren alle nachvollziehbar.

Der Zeitpunkt auch?

Vielleicht hätte man Leroy Sané etwas früher bringen können, da kann man drüber diskutieren. Aber ich hatte zu diesem Zeitpunkt schon den Eindruck, Deutschland kann bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag spielen und wird kein Tor erzielen. Solche Spiele gibt es. Den Franzosen hat auch der verletzungsbedingte Ausfall von Jérôme Boateng in die Karten gespielt, es ist eigentlich alles für Frankreich gelaufen. Und deswegen ist Deutschland nicht ins Finale gekommen.

Hatte Löw bei Götzes Einwechslung das WM-Finale im Hinterkopf?

Bestimmt. Aber für Mario Götze war das Turnier besonders schwierig. Und dann in so einem Spiel noch für den Umschwung zu sorgen, ist schon eine Aufgabe, der man schwer gerecht werden kann.

Joachim Löw hat nach der Partie von der "machtvollen Körpersprache" seines Teams gesprochen. Haben Sie die in der 2. Halbzeit auch noch gesehen?

Die Körpersprache war ok, war gut, ja. Aber mit Körpersprache gewinnt man keine Spiele und schon gar kein Halbfinale einer Europameisterschaft. Da geht es letztlich nur um Tore, und da ist Deutschland keines gelungen. Ganz simpel.

Wie schwer ist es, die Spieler nach so einem Spiel zu trösten?

Man kann Spieler nach so einem Spiel nicht trösten, wenn man als über weite Strecken bessere Mannschaft nicht das gewünschte Resultat hinbekommt. Man kann der Mannschaft nur ein Kompliment machen für diese Leistung. Aber ein Trost ist das nicht.

Wer tröstet eigentlich den Trainer?

(lacht) Niemand.

113 deutsche Torschüsse in sechs EM-Spielen, aber nur sieben Tore: Warum hat die Durchschlagskraft im Angriff gefehlt?

In erster Linie, weil Thomas Müller durch zu viele Spiele, durch zu große Belastung bei den Bayern nicht in Normalform war. Und ohne Zweifel haben auch die Ausfälle von Ilkay Gündogan und Marco Reus das Angriffspotenzial der deutschen Nationalmannschaft schwer eingeschränkt. Deutschland hat unglaubliches Potenzial, auch in der Breite. Aber so viele Ausfälle kann man als Nationaltrainer in kürzester Zeit nicht kompensieren mit so noch guten Matchplänen und noch so guten Strategien.

War die Chancenverwertung das einzige echte Problem der DFB-Elf in diesem Turnier?

Aus meiner Warte sehr wohl. Sie war ganz einfach nicht so gut, dass man Europameister werden kann.

Trotz des Ausscheidens im Halbfinale: Wer ist aus Ihrer Sicht im deutschen Team ein Gewinner des Turniers?

Es gibt keine Gewinner, wenn man das erklärte Ziel Europameistertitel nicht erreicht hat.

Sind dann alle Verlierer?

Diesen Umkehrschluss zu ziehen, wäre angesichts der Leistungen der Mannschaft überzogen und unfair.

Lukas Podolski hat direkt nach dem Spiel erklärt, dass er seine Nationalmannschaftskarriere fortsetzt. Der tragische Held Schweinsteiger hat sich das offengelassen. Was wäre denn ihr Rat an beide Spieler?

Auf Gespräche mit Joachim Löw zu warten.

Löw hat trotz Vertrags bis 2018 direkt nach dem Spiel zu Zukunft offengelassen.

Das habe ich als sehr überraschend empfunden, denn es gibt keinen Grund für Jogi Löw, jetzt aufzuhören. Die EM war per se in Ordnung und es kommen im deutschen Fußball genug junge Spieler nach, mit denen er eine erfolgreiche WM-Qualifikation und WM in zwei Jahren planen kann.

Wo sehen Sie die größten Baustellen im DFB-Team?

Baustellen sehe ich in erster Linie im Angriff. Da wird Leroy Sané eine große Alternative in naher Zukunft sein.

Statt Deutschland steht Frankreich im Endspiel und trifft dort auf Portugal. Was wird das für ein Endspiel?

Portugal wird sehr reaktiv agieren und sehr defensiv spielen. Ich glaube, noch defensiver als Otto Rehhagel mit Griechenland. Wenn nicht früh ein Tor fällt, wird es ein Spiel werden, das wenige Höhepunkte aufweist.

Tröstet es Sie, dass mit Portugal eventuell die eine Mannschaft Europameister wird, gegen die Österreich in der Vorrunde seinen einzigen Punkt geholt hat?

Wir müssen da sehr, sehr ehrlich zu uns selbst sein. Wir hätten gegen Portugal auch drei, vier zu null verlieren können. Portugal hat gegen Österreich eines der besten Spiele bei diesem Turnier gespielt und uns klar dominiert. Das ist also kein Trost.

Ist Portugal ein verdienter Finalist?

Ein sehr glücklicher Finalist, der die ersten fünf Turnierspiele nicht in 90 Minuten gewinnen konnte und auch nur als Gruppendritter weitergekommen ist. Die Endspielteilnahme muss man schon sehr kritisch sehen.

Frankreich hat vor dem Finale nur zwei Tage Pause. Wie groß ist der Nachteil?

Natürlich groß. Das zeigt auch wieder, wie schlecht der Spielkalender ist. Man hat eine EM, die dauert viereinhalb Wochen, und dann gibt man einer Mannschaft vor dem Finale nur zwei Tage für die Regeneration und bevorteilt eine Mannschaft. Das kann nicht der Weisheit der letzter Schluss sein.

Cristiano Ronaldo hat mit Blick auf den EM-Titel gesagt: "Ich verdiene es, Portugal verdient es, die Fans verdienen es, jeder Portugiese verdient es." Wer verdient den Titel für Josef Hickersberger mehr?

Frankreich. Ganz einfach, weil sie jetzt Deutschland im Semifinale besiegt und weitaus mehr Spiele bei dieser EM gewonnen haben. Für mich steht das Ego von Cristiano Ronaldo nicht über den Leistungen der französischen Nationalmannschaft.

Mit Josef Hickersberger sprach Christoph Wolf

Quelle: n-tv.de

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