Fußball-EM

"Football is coming home" Russos Sensationstor verzaubert ein ganzes Land

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Alessia Russo verzaubert mit ihrem Sensationstor eine ganze Nation.

(Foto: IMAGO/Sportimage)

Die englischen Fußballerinnen erfüllen sich den großen Traum von Wembley. In einem verrückten Halbfinale donnern die Lionesses über Schweden hinweg und besiegen damit ihren Fluch. Ein überraschendes und ein sensationelles Tor ebnen den Weg in den Fußball-Tempel.

Es gibt Fußballspiele, die sind langweilig. Es gibt Fußballspiele, die sind spektakulär. Und es gibt Fußballspiele, die sind einfach nur verrückt. Und solch eines sahen am Dienstagabend 28.624 überwiegend euphorische Fans auf den Tribünen der legendären Bramall Lane in Sheffield. Wann genau dieses erste EM-Halbfinale zwischen den Engländerinnen und den Schwedinnen auf den Weg der Fußball-Verrücktheiten abgebogen war, das weiß wohl niemand so recht. Aber endgültig klar wurde es in der 68. Minute, als Alessia Russo bei Englands furiosem 4:0-Erfolg eines der kuriosesten und schönsten Tore der jüngeren Historie des Fußballs erzielt hatte.

Erst hatte die Offensivspielerin von Manchester United das 3:0 leichtfertig vergeben, sie drückte einen Ball aus kurzer Distanz frei stehend direkt auf Torhüterin Hedvig Lindahl. Aber Russo schaltete nun nicht ab, ärgerte sich nicht über ihren kläglichen Abschluss, sondern erkämpfte sich den Abpraller. Und hatte dann die vielleicht beste Idee ihrer jungen Karriere. Unter Bedrängnis von zwei schwedischen Abwehrspielerinnen zauberte die 23-Jährige den Ball schräg von der Seite mit der Hacke ins Tor. Die völlig überraschte Lindahl wurde getunnelt, ein Vorwurf ist ihr aber nicht zu machen. Was für eine Szene! "Du musst so viel Mut haben, so etwas Unvorhersehbares und Phänomenales zu tun", schwärmte Trainerin Sarina Wiegman. Die Bramall Lane, die eh schon in großer Euphorie feierte, steigerte den Party-Rausch ins Eskalative. Football is coming home. Endlich. Was für eine Erlösung.

"Ihr seid für alle eine Inspiration"

Die Lionesses entfachen einen noch nie dagewesenen Hype auf der Insel. "Ihr seid für alle eine Inspiration. Ihr spielt ein unglaubliches Turnier. Es ist so erhebend und aufregend", schwärmte Ikone David Beckham. "Ihr seid Heldinnen", fügte der frühere Nationalspieler Ian Wright pathetisch an. Der Unterstützung der Nation kann sich das gehypte Team bei ihrer märchenhaften Reise sicher sein. Die Zeitungen überschlugen sich vor Glück. "Der Stolz Englands", titelte der "Daily Telegraph" über "brillante Löwinnen". Über "Swede Dreams" jubelte der "Daily Star". Aber vor allem das Russo-Tor sorgte für Ekstase. "Heaven and Heel", Himmel und Hacke, schrieb der "Daily Express". Von einem "der besten Tore jemals", sprach der frühere Liverpool-Profi Stephen Warnock bei der BBC.

Anders dagegen (natürlich) die Stimmungslage bei den Schwedinnen: "Es ist schwer, Worte zu finden, wenn man so deutlich verliert", sagte Mittelfeldspielerin Sofia Jakobsson. Viele ihrer Kolleginnen schlichen mit leerem Blick vom Platz, Magdalena Eriksson ließ ihren Tränen freien Lauf. "Das ist eine unglaubliche Enttäuschung. Wir hatten hohe Erwartungen vor diesem Turnier", sagte sie. "Es fühlt sich scheiße an", bekannte Nathalie Björn. Das Team zählte zum Favoritinnen-Kreis, ihr Ziel war der erste EM-Titel seit 1984. Die Nachrichtenagentur TT kritisierte, dass die Mannschaft dafür offensiv zu wirkungslos gewesen und in den entscheidenden Momenten nicht da gewesen sei. Der Rundfunksender SVT sprach von einer "Deklassierung" durch England. "Schweden beendete die EM, indem es gedemütigt wurde", bilanzierte das "Aftonbladet", während der "Expressen" befand: "Es sollte das heftigste Spiel der EM werden. Aber es wurde ein Alptraum."

Mead trifft mitten ins schwedische Herz

Mit 4:0 wurde der Weltranglisten-Zweite von den enthemmten Lionesses hergespielt. Aber was heißt eigentlich hergespielt? Erst nach 30 Minuten kamen die Gastgeberinnen in diesem Spiel an. Bis zum 1:0 durch Beth Mead (34.) hatte nicht viel darauf hingedeutet, dass England am Sonntag vor 90.000 Zuschauern in Wembley das Finale bestreiten könnte. Zu nervös war die Mannschaft von Wiegman, zu stark die Schwedinnen. Einen wuchtigen Angriff nach dem nächsten orchestrierten sie Richtung Tor der herausragenden Keeperin Mary Earps. Schon nach 20 Sekunden musste sie ihr Team mit einer starken Parade vom Rückstand bewahren. Ein Weckruf war das nicht. England taumelte, Schweden verzweifelte. An Earps, der Latte, sich selbst - und Mead.

Mead, immer wieder Mead! Die kleine Stürmerin des FC Arsenal vollendete die erste richtig gute Offensivaktion ihrer Nationalmannschaft mit einem spektakulären Abschluss. Eine Hereingabe von der rechten Seite nahm sie perfekt an und hämmerte den Ball per Drehschuss ins überraschende Glück. Der Wendepunkt. Womöglich gar ein historischer. England, das zuletzt dreimal in Folge bei großen Turnieren in der Vorschlussrunde ausgeschieden war, steht zum dritten Mal nach 1984 und 2009 im EM-Finale. Am Sonntag nun wollen die Lionesses die seit dem WM-Triumph der Männer 1966 titellose Zeit für das Mutterland des Fußballs beenden. Der Gegner wird am Abend zwischen Frankreich und Deutschland ausgespielt (21 Uhr in der ARD, DAZN und Liveticker bei ntv.de).

Prinz William ist begeistert

Die Euphorie ist bereits grenzenlos. Und wäre am Dienstagabend nicht Moderatorin Kate McCann ohnmächtig geworden, dann hätte das donnernde Spektakel von Sheffield die Schlagzeilen alleine beherrscht. So aber redet die Nation auch über den Schreckmoment beim TV-Duell der Kandidaten für die Nachfolge des scheidenden britischen Premierministers Boris Johnson. Die Aufmerksamkeit und Liebe der Nation spürt die Mannschaft aber dennoch. Sogar mit royalen Vibes. So schickte Prinz William noch am Abend des Triumphs Grüße. "Glückwunsch an die Lionesses zum Einzug ins Euro-2022-Finale am Sonntag", schrieb er auf Twitter. "Das ganze Land ist so stolz auf alles, was ihr erreicht. Wir glauben an euch und werden euch bis zum Ende unterstützen." Seine persönliche Nachricht unterschrieb William wie üblich mit einem W.

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"Dieses Ergebnis wird durch ganz Europa und die Welt gehen", sagte Wiegman. "Das war eine solche Leistung, dass morgen alle über uns reden werden. Ich denke, wir haben gezeigt, dass wir sehr belastbar sind." Auch dank der Trainerin. Denn wo Wiegman ist, ist Erfolg. Bei der EM 2017 hatte sie die Niederlande, ihr Heimatland, zum Titel geführt. Mit einer perfekten Bilanz. Die hat sie nun auch mit England. Ein Schritt ist für die 52-Jährige zum Titel-Doppel noch zu gehen. Es ist der größtmögliche Schritt. Denn ein Endspiel vor knapp 90.000 Zuschauern haben die Frauen noch nicht erlebt.

In England boomt der Fußball der Frauen. Nicht erst seit den Erfolgen der Nationalmannschaft. Auch die Vereine sorgen für große Begeisterung und Zuschauerrekorde. Und er ist (noch) der große Gegenentwurf zum gierigen Männerfußball. Wenig Show, niedrige Kartenpreise. Und Fans, die Fans sind. Keine Zuschauer, für die ein großes Fußballspiel ein gesellschaftliches Event ist, auf dem man sich sehen lassen muss. Ein Statussymbol. Wie schön, wie wundervoll dieser Fußball zelebriert wird, zeigte am Dienstagabend ein Mini-Video in den sozialen Medien. Ein kleines Mädchen feiert den Erfolg ihrer Lionesses so ehrlich, so herrlich, dass der Twitter-Gemeinde das Herz aufgeht. Football ist coming home. Ja, tatsächlich.

Quelle: ntv.de, tno

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