Fußball-EM

Großmaul? Gockel? EM-Finalist! Stolzer Ronaldo "ist nicht schlecht"

Keiner weiß, wie genau das passiert ist, aber: Portugal steht im Endspiel der Fußball-EM. Cristiano Ronaldo prägt das Halbfinale, erinnert sich, träumt, redet seinen Rekord klein - und bekommt vom Gegner ein typisch britisches Lob.

Wenn Cristiano Ronaldo nicht Cristiano Ronaldo wäre, sondern ein junger Spieler, der seinen ersten Auftritt bei einer Europameisterschaft hat, dann hätten spätestens nach dieser Partie alle gesagt: "Wow, was für ein Fußballer. Der wird ein ganz Großer." Da Ronaldo aber nun einmal Ronaldo ist, 31 Jahre alt, dreimaliger Weltfußballer, CR7, Champions-League-Sieger mit Real Madrid, zuverlässigster Torlieferant des Planeten und eben auch Großmaul und Gockel, geht die Tendenz schnell in Richtung: "Er nun wieder." Manchmal zu schnell.

Ronaldo jedenfalls hat am Mittwochabend vor 55.679 Zuschauern im Stade de Lyon beim 2:0 (0:0) gegen Wales dafür gesorgt, dass Portugal zum ersten Mal ein Spiel in 90 Minuten gewonnen hat, im Endspiel dieser EM steht und nun am Sonntag im Stade de France auf Deutschland oder auf Gastgeber Frankreich trifft, die heute (ab 21 Uhr im Liveticker bei n-tv.de) im Marseille den zweiten Finalteilnehmer ausspielen. Er hat das nicht alleine getan, natürlich nicht. Aber Ronaldo war die prägende Figur des Spiels gegen letztlich überforderte Waliser, die aber das Sensationsteam dieses an Höhepunkten eher armen Turniers bleiben.

Seit' an Seit' mit Platini

Das erste Tor erzielte er nach 50 Minuten selbst, das zweite von Nani (nur drei Minuten später) bereitete er vor. In erster Linie aber präsentierte er sich als der, der er gerne ist: Ein Anführer, der sich für seine Mannschaft zerreißt auf dem Weg, seinen letzten großen Traum zu verwirklichen: einmal einen Titel mit seiner Nationalmannschaft zu gewinnen, deren Kapitän und Rekordspieler er ist. Das betonte er bei den Frageminuten mit den Journalisten, zu denen er kurz vor Mitternacht erschien, weil die Uefa ihn zum Mann des Spiels hatte wählen lassen. Vielleicht auch, weil er nun mit neun Treffern Seit' an Seit' mit dem wegen Korruption gesperrten Präsidenten des kontinentalen Fußballverbandes Rekordtorschütze bei Europameisterschaften ist. Zu Michel Platini sagte Ronaldo nichts, zum Rekord aber wohl. Der bedeute ihm wenig. Rekorde zu brechen sei nett. "Aber ich habe schon so viele aufgestellt."

Viel wichtiger sei, dass er der Mannschaft habe helfen können. "Wir sind nur noch einen Schritt von unserem großen Ziel entfernt. Die Gedanken sind frei - also lasst uns träumen." Das Finale am Sonntag ist das zweite für Portugal und auch das zweite für Ronaldo. Als Gastgeber der EM hatten sie es 2004 nach einer 1:2-Niederlage im Eröffnungsspiel gegen Griechenland bis in Endspiel geschafft. Gegner waren am 4. Juli im Estádio da Luz in Lissabon wieder die Griechen mit ihrem deutschen Trainer Otto Rehhagel. Und wieder gewannen sie, dieses Mal mit 1:0. "Ich war damals 18 Jahre alt, es war mein erstes Turnier und ein erstes Finale", sagte Ronaldo. "Und nun haben wir es wieder geschafft. Und darauf bin ich stolz. Ich hoffe, dass ihr mich am Sonntag Tränen der Freude weinen seht."

Er weiß auch, dass die Portugiesen dieses Mal, anders als vor zwölf Jahren, als Außenseiter um die Krone Europas kämpfen, ganz gleich, ob der Gegner Deutschland oder Frankreich heißt. Schließlich erreichte die Mannschaft von Trainer Fernando Santos die K.o.-Runde nur, weil in Frankreich erstmals 24 Teams mitmachen durften und auch einige Gruppendritte ins Achtelfinale kamen. Da reichen dann auch schon mal drei Remis. Und wenn Ronaldo nun konstatierte: "Ich glaube, dass nicht viele Leute gedacht haben, dass Portugal es ins Finale schafft" - dann liegt er damit durchaus nicht falsch. Auch die Partie gegen Wales war keine fußballerische Offenbarung, aber sie haben das clever und mit viel Geduld gemacht. Bis zum entscheidenden Doppelschlag mühten sich beide Mannschaften entsprechend ihrer Möglichkeiten durchaus ernsthaft, sich dem gegnerischen Tor zu nähern, meist sogar mit Ball. Allein, richtig gefährlich wirkte das kaum. Aber wer sich zumindest ein wenig um die Offensive bemüht, verdient sich bei dieser EM der Torverhinderer ja schon ein Fleißkärtchen.

"Der Mann mit der Nummer sieben ist nicht schlecht"

Dem Beobachter, so geneigt er auch war, blieb die Muße, über die Frage zu sinnieren, wann eigentlich die Champions League wieder beginne. Aber die läuft schon. Und just gestern hat der Lincoln Red Imps FC, Gibraltars Rekordmeister, gegen Flora Tallinn aus Estland die erste Qualifikationsrunde überstanden. Nun geht es zwei Tage nach dem Endspiel der EM am 12. Juli gegen Celtic Glasgow. Klingt interessant. Aber zurück zum Spiel. Denn kaum war die Pause vorbei, traf Ronaldo. Nach eine kurz ausgeführten Ecke flankte Linksverteidiger Raphaël Guerreiro, der in der kommenden Saison Marcel Schmelzer den Stammplatz bei der Dortmunder Borussia wegnehmen will, den Ball von links in den Strafraum, wo Ronaldo hochsprang, sekundenlang in der Luft zu stehen schien und ihn wuchtig ins Tor köpfte. James Chester hatte sich vergeblich bemüht, ihn daran zu hindern.

Und während die Waliser auf den Rängen trotzig mit ihrem Lieblingslied "Don't take me home" antworteten, traf auch noch Nani, nur drei Minuten später, nachdem Ronaldo ihn mit seinem feinen Pass fünf Meter vor dem walisischem Tor erreichte. Danach war das Spiel, man muss es so sagen, gelaufen. Von den Walisern kam wenig bis nichts. Also eher nichts. Die Portugiesen knickerten noch ein wenig herum und hätten gut und gerne zumindest noch das dritte Tor erzielen können. Aber es hat ja auch so gereicht. Die Waliser aber müssen nun nach Hause, obwohl sie doch partout in Frankreich bleiben wollten, wo sie nicht arbeiten mussten, Bier tranken und es überhaupt doch gerade so schön war. Eine Viertelstunde nach dem Abpfiff standen alle Spieler vor der Kurve, die Fans feierten sie und sangen ein vorerst letztes Mal: "Don't take me home. Please don't take me home. I just don't wanna go to work. I wanna stay here and drink all your beer. Please don't, please don't take me home!"

Und einer hatte dann noch ein Lob für Ronaldo übrig, Chris Coleman, der, wie er mehrmals betonte, sehr stolze Trainer der Waliser. Nachdem er ausführlich und völlig zurecht die Turnierleistung seiner Mannschaft gelobt und versprochen hatte, dass auch in Zukunft mit ihm und seinen Spielern zu rechnen sei, wünschte er dem Gegner viel Glück fürs Finale, auf das Portugal es gewinnen möge. Das sei schließlich eine gute Mannschaft. "Und der Mann, der als Angreifer spielt, die Nummer sieben - er ist nicht schlecht."

Quelle: ntv.de

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