Fußball-WM

Schmerzloser Protest scheitert Eine Drohung reicht und der Mut des DFB kollabiert

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"One Love" ist out. Zumindest bei dieser WM.

(Foto: picture alliance/dpa)

Der DFB lehnt sich weit aus dem Fenster, versammelt sich hinter den Menschenrechten und verkündet: Unser Protest ist uns sogar Geld wert. Doch wenige Stunden vor dem Ernstfall bricht erstmal alles in sich zusammen: Die FIFA verbietet die "One Love"-Kapitänsbinde und der DFB ist empört.

Na klar, der erste Impuls ist erstmal Ärger: Der DFB knickt vor der FIFA ein, Kapitän Manuel Neuer wird beim deutschen WM-Auftakt am Mittwoch nicht die "One Love"-Binde als sichtbares Zeichen tragen, dass es dem deutschen Nationalteam ernst ist mit Toleranz und Inklusion. Der Verband hatte sich im Vorfeld der umstrittenen WM in Katar weit aus dem Fenster gelehnt, sichtbare Aktionen angekündigt. Die Mannschaft posierte in der Heimat als lebende Buchstabenkette: "Human Rights" trug man vor sich her. Am Freitag noch hatte Präsident Bernd Neuendorf verkündet: "Ich persönlich wäre bereit, eine Geldstrafe in Kauf zu nehmen." Und nun: Der Kotau vor dem übermächtigen Verband.

Wenige Stunden nach der Nachricht, versuchte man, das Debakel zu moderieren: Die FIFA habe, so sagte es Neuendorf bei einem eilends einberufenen Medientermin, "eindeutige Drohungen" gesendet, die man "sehr ernst nehmen müsse". Ein abgesägter Pferdekopf als mafiöser Hinweis, dass es dem Verband ernst sei? Dieser Tage scheint gar nichts mehr ausgeschlossen. Doch die Androhungen, die den DFB, den größten Sportfachverband der Welt aus dem Land mit einem der größten Sportmärkte der Welt, gefügig machten, blieben nebulös: "Wir haben keinerlei konkrete Hinweise darauf, wie die Sanktionen aussehen könnten. Auch das ist sehr befremdlich." DFB-Vorstand Oliver Bierhoff versicherte noch leicht pathetisch: "Sie können uns die Binde nehmen, aber unsere Werte bleiben erhalten."

Iraner protestieren

Die FIFA, natürlich, ist ein sportpolitischer Schurkenstaat, der Alleinherrscher Gianni Infantino oszilliert in seinem Handeln zwischen lächerlich und erschütternd. Die Anfrage, die Binde tragen zu dürfen, habe man schon im September an die FIFA gesendet - eine Antwort gab es erst wenige Stunden vor dem Spiel der Engländer gegen den Iran. In der Zwischenzeit war das Stück Stoff bei zahlreichen Spielen rund um die Welt zu sehen gewesen, zuletzt beim Testspiel der DFB-Elf im Oman in der vergangenen Woche. Unbeanstandet. Nun wurde das Stoffstatement untersagt.

Ein durchsichtiges Manöver der FIFA, die das Turnier im Sinne der geldgebenden Gastgeber durchzieht. "Es ist eine große Verärgerung da, es fühlt sich nach Zensur an", sagte Neuendorf, "das Verhalten der FIFA ist frustrierend für uns". Ja, es ist ein Skandal. Nicht überraschend, aber eben doch empörend. Neuendorf hat Recht, wenn er sagt: "Das heute ist für uns ein weiterer Tiefschlag." Und ja, der DFB hätte es mit seiner Einordnung beinahe schaffen können, den Ärger über das "One Love"-Fiasko alleine auf die FIFA projizieren zu lassen. "Seht her, sie haben uns bedroht! Was blieb uns denn übrig? Wir wollten ja, aber ..."

Aber es war Pech für den DFB, dass wenige Minuten später der Iran gegen England in die WM startete. Die Engländer gehörten auch zur "One Love"-Bewegung, auch Kapitän Harry Kane wollte sein Team mit der bunten Binde aufs Feld führen. Auch die Engländer zogen zurück. Die Iraner aber, die zogen durch. Elf Spieler standen Arm in Arm auf dem Feld, Seite an Seite, beim vielleicht größten Spiel ihrer Karriere. Als ihre Hymne erklang, schwiegen sie. Dafür werden sie nun Ärger bekommen. In ihrem Heimatland lässt das Regime seit Monaten Proteste blutig niederschlagen, mehr als 360 Menschen starben nach Angaben von Menschenrechtsorganisationen auf den Straßen und in den Gefängnissen des Landes.

Der Iran wird seit Wochen von den schwersten Protesten seit Jahrzehnten erschüttert. Der Tod einer jungen Frau im Polizeigewahrsam hatte diese ausgelöst, der Sicherheitsapparat reagierte mit Härte. Wie der Vorfall in Katar in der Heimat der Spieler ankommt, ist unzweifelhaft: Das Staatsfernsehen unterbrach angesichts des stummen Statements der Sportler die Liveübertragung des Spiels. Den Spielern könnten nun Konsequenzen drohen. Im Iran war spekuliert worden, dass sie möglicherweise gesperrt werden, sollten sie bei der Hymne schweigen.

Was das Schlimmste ist, was dem DFB passieren kann? Ein Turnierausschluss, gemeinsam mit den Fußball-Größen England und den Niederlanden? Der Gedanke ist lächerlich. Es würde das Premiumprodukt der FIFA endgültig zur Farce machen. Das Regelwerk der FIFA gibt die Bestrafung des Bindenträgers durch die Schiedsrichter eigentlich nicht her. Die Unparteiischen dürfen nur Sanktionieren, was provoziert. Die Werte, die die Binde transportieren soll, stehen in ausdrücklichem Einklang mit den postulierten Idealen des Verbandes. Noch einmal: Was ist das Schlimmste, was dem DFB passieren kann? Der Firnis ist dünn, unter dem der Verband glaubt, eine normale Fußball-WM durchzuführen. Ein Eklat würde ihn zerfetzen.

"Ein deutliches Signal in Richtung FIFA"

Was den Spielern des Iran passieren kann, ist dagegen klar: "Es gibt keine Limits. Da werden Familienangehörige unter Druck gesetzt oder mit der Konfiszierung von Eigentum gedroht. Natürlich ist auch die Karriere von Sportlern bedroht. Bis hin zu strafrechtlichen Maßnahmen", sagte der Politikwissenschaftler Ali Fathollah-Nejad jüngst. Die politische Führung weiß um den Stellenwert der Sportler innerhalb der iranischen Gesellschaft - und unterdrückt kritische Stimmen mit allen Mitteln. Dies bekam auch die Kletterin Elnas Rekabi zu spüren, die bei einem Wettbewerb ihr obligatorisches Kopftuch ablegte. Gefeiert wie eine Nationalheldin, entschuldigte sie sich jedoch kurze Zeit später - offenbar nach massiver Einschüchterung.

Bernd Neuendorf und Oliver Bierhoff waren sich einig, dass "das Verhalten der FIFA natürlich frustrierend ist, diese Eskalation führt auch dazu, dass es nicht mehr um den Sport geht." Die FIFA und Präsident Gianni Infantino hatte man abgestraft, indem man ihm die Unterstützung für die Wiederwahl untersagte: "Das war ein deutliches Signal Richtung FIFA, dass wir nicht bereit sind, bestimmte Dinge, die seitens der FIFA kommen, mitzutragen", sagte Neuendorf. Allein: Es ist ein symbolisches Zeichen, der Schweizer wird ohne Gegenkandidaten ohnehin in seine dritte Amtszeit gewählt werden.

Jetzt wäre der Moment gewesen, die grenzenlose Autorität der FIFA sichtbar anzukratzen. Im Zeichen unverhandelbarer Grundsätze. Nun hätte man die FIFA auf der ganz großen Bühne vorführen können. Oder wenigstens zwingen können, um das eigene Milliardenprodukt zu zittern. Sorgen machen müssen sich nun nur die mutigen Iraner. Ihnen droht mehr als eine Gelbe Karte.

Quelle: ntv.de

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