Das Tagebuch zur WM in Katar Nächster Schock: Deutschland patzt auch beim Style-Check

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Deutsche Fans jubelten im Khalifa Stadion gegen Japan vergebens.

(Foto: IMAGO/Russian Look)

Als wäre der WM-Horrorstart nicht genug: Nach dem bösen Erwachen nach der Japan-Pleite fahren die Deutschen auch im großen Style-Check in Katar null Punkte ein. Vom Feiern mag man gar nicht erst reden. Aber auch andere Nationen bekleckern sich nicht nur mit Ruhm.

War das nur ein böser Traum? Mit ordentlich Katarstimmung (harr, harr) schälen sich die und der gemeine Deutsche heute Morgen aus dem Bett. Nein, es ist wirklich geschehen. Albtraum nix dagegen. Die DFB-Elf brach in Halbzeit zwei gegen Japan binnen weniger Minuten auseinander, fing sich zwei Gegentore und steht nun - da es am Sonntag gegen die 7:0-Über-Spanier geht - schon mit einem Bein im Flieger zurück nach Frankfurt.

Uff. Das ist schwer zu verdauen, aber die Niederlage war dann irgendwie doch verdient. Weil die Japaner eben eiskalt genau die Tore machten, die Hansi Flicks Männer trotz unzähliger Chancen nicht erzielen konnten. Da braucht man am nächsten Tag erstmal leichte Kost. Etwas Lockeres, um auf andere Gedanken zu kommen. Was lenkt besser ab, als Menschen zu beobachten und zu tratschen? Und was können wir Menschen, wenn nicht über andere schnacken, ratschen, plauschen? Glaubt man dem Evolutionspsychologen Robin Dunbar, hat sich unsere Sprache ja ohnehin erst durch "Gossip" so richtig entwickelt.

In Katar hat man nun die überaus seltene Chance, Menschen aus (fast) allen Teilen der Erde auf einmal ins Visier zu nehmen. Ein großer Spaß. Da sind die katarischen Frauen und Männer in ihren traditionellen Kleidungen, aber auch Fans von mindestens den 32 teilnehmenden Nationen. Doch nach dem Japan-Schock geht der WM-Horror für die Deutschen direkt weiter: Auch im Style-Ranking gehen sie mit null Punkten nach Hause.

Vorsicht, so viel Warnung muss sein, sollte sich jemand angegriffen fühlen: Nicht alles in diesem Text ist ernst zu nehmen und er quillt vor Stereotypen teilweise über. Vor allem deutsche Fans kommen nicht gerade gut weg, aber auch der Autor ist ein Deutscher. Da - so denkt er - darf er das. Und es handelt sich um genau so erlebte Beobachtungen der vergangenen Woche.

Cargo-Hose ist ein Muss!

Für Modebewusstsein war Deutschland natürlich nie wirklich bekannt. Sandalen mit weißen, hochgezogenen Tennissocken galten lange als Sünde Nummer eins. Mittlerweile haben Hipster von Neukölln über Brooklyn bis nach Addis Abeba diesen Style aber ins Coole umgemünzt. Doch, keine Sorge, die Deutschen finden ihre Wege. In Katar überzeugen sie vor allem mit Outfits, die sowohl eine Brocken-Besteigung als auch einen spontanen Halbmarathon jederzeit möglich machen. Denn klar: Das Praktische geht immer vor dem Modischen. Man weiß nie, was kommt. Stets gut vorbereitet sein. Da muss beim Style halt gespart werden.

Als Schuhe sind besonders Leichtwanderschuhe (Typ: City bis Trail) oder Laufschuhe der Schweizer Marke "On" beliebt. Selbst wenn cool natürlich relativ ist, sie sind es alle definitiv nicht. Aber bei den vielen Irr-Wanderungen durch Metallgitter-Labyrinthe bilden sich dann wenigstens keine Blasen. Die Beine zieren, na klar, praktische Cargo-Hosen (ganz wichtig: viele Taschen) in mattgrau oder beige. An den Knien abtrennbar. Logo, denn woher sollen die Annettes, Yvonnes oder Brittas (sorry Annette, Yvonne und Britta) und Hermanns, Dietmars oder Alfreds (sorry Hermann, Dietmar und Alfred) denn wissen, wann es warm genug für eine kurze oder gerade kalt genug für eine lange Hose sein soll. Wobei die Frauen hier auch mal in Schutz genommen werden müssen, greifen sie doch auch gerne zur weißen Sommerhose (Capri-Style oder luftig-schlabbernd). Ist schließlich Urlaub.

Hinzu kommen oftmals riesige Rucksäcke. Schließlich müssen Pullover, Schal sowie Butterstullen in Tupperdosen und circa 384 Liter Wasser in wiederverwendbaren Behältern für einen fünfminütigen Trip in der U-Bahn oder im Bus mit Klimaanlage irgendwo Platz finden. Aber interessant: Bei Wasserflaschen sind die Deutschen modisch ganz vorne mit dabei. Immer schick schwarz, cool designt - und dazu sogar mit kühlungsdämmendem High-Tech-Material. 1A Statussymbol. Da lugt der Ecuadorianer mit seiner Plastikflasche schon mal heimlich neidisch rüber.

Ebenfalls bei Deutschen immer im Trend: Partnerlook. Und wo findet man die besten Tandem-Outfits? Richtig, bei Tchibo. Da es in Katar keine Partner-Fahrradhelme oder -Wanderjacken braucht, wird zum Partner-Trikot gegriffen. So haben sich Marina und Marco ihre Geburtsjahre auf die Rückseite ihrer Deutschlandtrikots drucken lassen. Aber immerhin: Marina (Geburtsjahr 1973) trägt zu den weißen Capri-Hosen ziemlich modische Sandalen und Marco (Geburtsjahr 1970) zu seinen City-Walker normale schwarze Jeans.

Zwischen Tanzen und Kopfnicken

Natürlich glänzen auch längst nicht alle anderen Nationen mit perfektem Style. Briten und Amis sind gerne genauso stilunsicher - dafür aber immer gut erkennbar, auch unabhängig vom Trikot. Engländer überzeugen mit rötlichem Gesichtsteint, einem leicht gedrungenen Gang (wären Mundarten Gangarten, dann würden sie im Cockney-Akzent laufen) und typischen Sport-Shorts, dazu weiße Sneaker mit kurzen Socken. US-Amerikanerinnen und -Amerikaner mit lautstarken Unterhaltungen und mindestens einem Kleidungsstück irgendeiner Universitätsmannschaft.

Auch in Sachen Leichtigkeit und Loslassen können Deutsche noch von anderen Nationen lernen. Während spanische, ghanaische und tunesische Fans in der U-Bahn trommeln, tröten und tanzen, sorgen sich die Annettes, Yvonnes oder Brittas (sorry Annette, Yvonne und Britta) und Hermanns, Dietmars oder Alfreds (sorry Hermann, Dietmar und Alfred), dass aber bitte ERST ausgestiegen und DANN eingestiegen wird.

Tanzen und Feiern ist ohnehin auch so ein Ding. Tunesische Frauen und Männer schmeißen mit ein paar Saudis am alten Markt, dem Souq Waqif im Herzen Dohas, eine wilde Spontanparty und lassen ihre Hüften, Hände und Beine schwingen und kreisen. Spanierinnen und Spanier hopsen nach ihrem 7:0 Kantersieg rhythmisch durch die Straßen. Senegalesische Fans halten bei jedem kleinsten Klang kurz inne, um sich dann freudig der Musik hinzugeben. (Über die Menschen aus Südamerika braucht man bei diesem Thema ohnehin kein Wort verlieren, werden sie doch schon - Entschuldigung für dieses arge Stereotyp - tanzend geboren.) Die Deutschen stehen aber meist nur interessiert beobachtend und vielleicht etwas schambesetzt daneben. Manchmal nickt ein Kopf und - wenn es ganz wild wird - bewegt sich jemand sogar von einem Bein aufs andere. Nun, aber was nicht ist, kann ja noch werden. Bisher hatten die DFB-Fans ja noch nicht viel zu feiern.

Iran-Fans klar auf Platz eins

Nummer eins unter den Fans belegen aber ganz klar die Iranerinnen und Iraner. Immer top gestylt, Frauen wie Männer, da lässt sich aber auch rein gar nichts bemeckern. Getanzt, gesungen und gelächelt wird sowieso in einem fort und Freundlichkeit und Herzlichkeit gibt's bei Gesprächen gratis. Hinzu kommt der unfassbare Mut, den viele von ihnen aufbringen, weil sie nicht nur in ihrer Heimat, sondern auch in Katar offen und laut gegen das brutale Mullah-Regime protestieren. Und das, obwohl sie so durchaus Strafen, Prügel oder Schlimmeres bei der Einreise riskieren. Ein Journalist aus dem Iran erzählt dem Kollegen Stephan Uersfeld in der Schlange zum Khalifa-Stadion, dass er nicht vorhat, in die Heimat zurückzukehren.

Wer von dem ganzen WM-Trubel eine Auszeit braucht und mal richtig schicke Outfits beobachten möchte, der flüchtet sich heute Abend in den Doha Golf Club. Latino-Superstar J Balvin spielt, dazu legt DJ-Legende Paul van Dyke auf. Der Alkohol fließt bis 3 Uhr nachts. VIP-Tische kosten 400 US-Dollar, Premium-VIP-Tische 600. Leider schon alle ausverkauft. Schade. Aber reguläre Tickets für nur 125 US-Dollar sind noch zu haben. Nichts wie hin da.

Katar ist manchmal verrückt. Obwohl, das "manchmal" kann getrost gestrichen werden. Der Monatslohn der Migrantenarbeiterinnen und -arbeiter liegt hier bei 275 US-Dollar.

Quelle: ntv.de

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