Fußball-WM

Im Land der tanzenden Großmütter WM-Wahnsinn hat Argentinien komplett erfasst

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Emoción: Argentinische Fans in Buenos Aires

(Foto: AP)

Ein singender Geistlicher, ein Ex-Staatschef als Unglücksbringer und tanzende Großmütter auf den Straßen: Argentinien dreht vor dem WM-Finale durch. Argentinische Wissenschaftler prognostizieren: Der dritte Titel ist nah.

Positiver Wahnsinn hat Argentinien erfasst. "Andere haben Monde und Sterne auf ihren Landesfahnen. Aber für die Sonne steht man auf." So wirbt der Sportsenders TyC für Argentinien und die Weltmeisterschaft, 1:43 pathetische Minuten lang, angepinnt in dessen Youtube-Kanal. Der Anlass ist ebenso wichtig wie die Botschaft: Fußball, das ist hier ein Gefühl. Nationalstolz, das ist der Fußball.

Die ohnehin immer präsenten Landesfarben haben bei den 45 Millionen Argentiniern noch mehr Platz an Autos, Balkonen und Geschäften gefunden. Fahnen hängen neben Konterfeis von Diego Maradona und Lionel Messi, während manche Linienbuszielanzeige in Buenos Aires deklariert: "Wir träumen weiter." Selbstverständlich geht es dabei um den Titel bei der Fußball-Weltmeisterschaft in Katar. Um das Finale gegen Frankreich um 12 Uhr Ortszeit (16 Uhr MEZ), in dessen Verlauf die Sonne ihren Zenit erreichen wird.

Auf den Straßen der Stadt ist der Turnierhit zu hören, "Muchachos, wir träumen wieder", ob aus Lautsprechern und über Spotify, wo die Version der Ska-Band "La Mosca" zum meistgehörten Song aufgestiegen ist, oder auch aus den Kehlen von Schülergruppen, die sich in der ersten Frühlings-WM der südamerikanischen Geschichte schonmal für die zweimonatigen Sommerferien warm singen. Fußball ist in Argentinien auch Gemeinschaft und Familie, was die WM nochmals verdeutlicht.

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Nach dem Finaleinzug in Buenos Aires: Nichts geht mehr im Stadtzentrum - zumindest was den Verkehr betrifft.

(Foto: AP)

In Villa Luro, einem Stadtteil von Buenos Aires, ist eine vermeintliche Großmutter der Star: "Abuela Lalalalala" besingen dort Fans nach Siegen der Nationalmannschaft eine alte Dame, haben sie zu ihrem Glücksbringer für das Turnier erkoren. Eine Aufnahme gemeinsamer Freudentänze ging viral, andere im Land machen es ihnen nun nach, feiern mit Älteren vor deren Häusern oder an Seniorenheimen. Irgendjemand hat bei Google ein Video der tanzenden alten Dame hochgeladen, die unter feiernden Fans zu sehen ist.

Die Zeitungen spekulieren bereits darüber, was bei einem Titelgewinnen geschehen würde. Kommt die Mannschaft in den Regierungspalast nach Buenos Aires? Gibt es einen Triumphzug durch die Stadt und gar einen gemeinsamen Auftritt mit "La Mosca"? Schließlich ist der Song zum Lieblingshit der Nationalmannschaft geworden, auch Lionel Messi erwähnte ihn schon. Sicher ist: Ein Sieg würde das Land von der Antarktis über den Rio de la Plata bis in den Regenwald an den Iguazú-Wasserfällen erbeben lassen.

Schon nach dem 3:0 gegen Noch-Vizeweltmeister Kroatien feierte Argentinien die vielleicht größte Nach-Halbfinal-Sause der jüngeren Fußballgeschichte. Zehntausende strömten allein in Buenos Aires auf die Straßen in Richtung Zentrum, tanzten und sangen stundenlang. Im ganzen Land dürften es Hunderttausende gewesen sein. Videos zeigten blockierte Autobahnen, feiernde Argentinier auf Linienbusdächer und Polizeiautos, Geistliche, die mit den Fans gemeinsam sangen.

Simulation tendiert zu Titelgewinn

Nicht alle Argentinier verlassen sich auf ihr Gefühl. Das Mathematikinstitut der Universität von Buenos Aires hat gemeinsam mit dem nationalen Wissenschaftsrat das Finale im fernen Katar bereits eine Million Mal simuliert, gefüttert mit Statistiken der Albiceleste und der Franzosen. Das Ergebnis: Die Wahrscheinlichkeit eines Titelgewinns liegt bei überzeugenden 50,5 Prozent. Die Titelverteidigung der Europäer hat nur eine verschwindend geringe Chance in 49,5 Prozent der Fälle.

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Wandgemälde mit Lionel Messi in dessen Geburtsstadt Rosario

(Foto: AP)

Es wäre Argentiniens erste WM-Krönung seit dem Finalsieg 1986 gegen Deutschland. Nach Mexiko und der Titelpremiere 1978 im eigenen Land wäre es der dritte insgesamt, aber der erste für Argentinien außerhalb eines lateinamerikanischen Landes. Die Bedeutung für das - vorübergehende - Wohlbefinden der Argentinier ist in Zeiten wirtschaftlicher Dauerkrise enorm. Seit 2018 schon schlittert das südamerikanische Land von einer Katastrophe in die nächste, während die Reallöhne sinken und sich die Armut bei rund 35 Prozent der Bevölkerung verfestigt hat. Trotzdem befinden sich geschätzte 35.000 Argentinier in Katar, bis auf die WM 2014 im Nachbarland Brasilien waren es bei Weltturnieren in den vergangenen zwei Jahrzehnten niemals mehr.

In der politischen Welt wird diskutiert, welchen Effekt der Titel haben könnte. Die meisten sind sich einig: Es wird die Alltagsprobleme nur vertagen, aber profitieren wird davon niemand; weder die angeschlagene Regierung der Peronisten, deren Vizepräsidentin Cristina Kirchner zuletzt wegen Korruption zu einer Haftstrafe von sechs Jahren verurteilt worden war, noch die Opposition. Zu der gehört auch der in weiten Teilen der Bevölkerung äußerst unbeliebte Ex-Präsident Mauricio Macri.

Macri ist einer der reichsten Unternehmer des Landes und ehemaliger Präsident von Boca Juniors, des mitgliederstärksten Fußballklubs. Bei der WM hat er eine Rolle, die ihm überhaupt nicht gefällt. Im Land des fußballerischen Aberglaubens, wo jeder versucht, nach einem Sieg kein einziges Detail daran zu verändern, wo, wie und mit wem eine Partie geguckt wird, um den Erfolg ja nicht zu gefährden, ist Macri zum unfreiwilligen Helfer der Nationalmannschaft geworden.

Nicht wenige Argentinier halten den Ex-Staatschef bei diesem Turnier als "mufa", als Unglücksbringer. Wenn er eine Mannschaft unterstützt, verliert sie, so der mit Augenzwinkern verbreitete Aberglaube. Es kursieren Fotomontagen von ihm als niederländische Königin Máxima (die Argentinierin ist) oder von ihm im polnischen Fanblock. Über Kroatien sagte er, sie stellten die beste Mannschaft im Turnier. Zusätzlich kursierten Fotos von ihm mit der Ex-Staatschefin Kolinda Grabar-Kitarović und einem kroatischen Nationalmannschaftstrikot samt seinem Namen. Der Sieg der Albiceleste fiel überzeugend aus.

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Das Angebot: Trikots mit Messis Nummer 10. Sonst nichts.

(Foto: AP)

Selbstverständlich gibt es schon eine Fotomontage mit Macri, der einen Hahn in französischen Farben und den Pokal in der Hand hält. Auch der "Fund" eines Fotos mit französischem Trikot und seinem Namen wurde nach Frankreichs Finaleinzug im Netz als Erfolg gefeiert. Abgesehen davon wird als gutes Omen gewertet, dass der Schiedsrichter am 7. Januar Geburtstag hat - so wie der Unparteiische des Finals 1986.

"Verabredung mit dem Schicksal"

Aber zurück zu den Fakten: "Frankreich soll kommen", tönt nun "Diario Popular", es gebe einen Plan. Eine Überlegung ist, Gonzalo Montiel, der beim FC Sevilla spielt, für den unberechenbaren Kylian Mbappé abzustellen. Montiel hatte im vergangenen Jahr im erfolgreichen Finale der Südamerika-Meisterschaft auch Neymar abgemeldet. Der Verteidiger war 2019 zum Nationalspieler geworden, nachdem die vermeintlich goldene Generation um Messi nach der WM 2018 ohne Titel zerfallen war.

Die letzten davon Übriggebliebenen um den Superstar, mit Nicolás Otamendi als Innenverteidiger und Ángel di Maria, der nach seiner leichten Verletzung als Gute-Laune-Engelchen auf der Bank sitzt, haben sich zu einer effektiven Einheit geformt. Nach dem WM-Achtelfinal-Aus 2018 - gegen Frankreich - hatte die Mannschaft 36 Spiele nicht verloren, ein Rekord. Im vergangenen Jahr krönte sie sich gegen Brasilien im Stadion Maracaná zum Sieger der Copa América und besiegte dabei den Fluch der verlorenen Finals.

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Nun soll der Weltmeister gestürzt werden. Die Floskel "von Spiel zu Spiel denken" erhob Trainer Lionel Scaloni dafür zum praktischen Prinzip, vom Titel sprach fast nie jemand. Messi sagte nach dem Halbfinale gefühlig, es sei eine Freude für das ganze Land und es gehe vor allem darum, das Finale zu genießen. In einer Zeitungskolumne von "La Nación" argumentierte ein Journalist, der Erfolg mit dem 35-jährigen, besten Messi aller Zeiten, der sei interessanterweise erst eingetreten, nachdem Maradona vor zwei Jahren gestorben war. Der Geist der Legende sei wohl in die aktuelle Nummer 10 gefahren.

Auch die englischsprachige "Buenos Aires Times" zeigte in ihrer Final-Spezialausgabe ein Foto von Messi: "Date with Destiny", eine Verabredung mit dem Schicksal habe der Kapitän der Albiceleste. Eine Reporterin des argentinischen Fernsehens sagte zu ihm nach dem Halbfinalsieg: "Leo, es gibt kein Kind in Argentinien, dass nicht dein Trikot trägt oder es sich vorstellt", und versicherte dem sichtlich emotionalen Kapitän live: "Egal, wie das Finale ausgeht, Du hast jeden einzelnen Argentinier, das Leben aller berührt. Das ist wichtiger als jeder WM-Titel und kann Dir niemand wegnehmen."

Quelle: ntv.de

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