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Ewald Lienen schreit vor Schmerzen. Sein Oberschenkel ist offen.
Ewald Lienen schreit vor Schmerzen. Sein Oberschenkel ist offen.
Samstag, 25. November 2017

Redelings über die Saison 81/82: Als Lienens Schenkel aufgeschlitzt wurde

Von Ben Redelings

Ein aufgeschlitzter Oberschenkel, kugelsichere Westen auf der Trainerbank und Punks, die Eier auf deutsche Meister werfen: Die Fußball-Bundesliga spielt in der Saison 1981/1982 verrückt. Selbst Agent 007 kann da nicht mehr mithalten.

Was für eine Meisterfeier in Hamburg: Der englische Doppeldeckerbus erweist sich als altersschwach und will nicht anspringen. Als er dann endlich fährt, wirft ihn gleich die erste Anhöhe aus der Bahn. Hilft ja alles nichts: also, alle HSV-Profis raus, das Gefährt anschieben. Doch nach wenigen Metern ist klar, hier geht nichts mehr. Ein Traktor tuckert zu Hilfe und zieht den Bus durch die Straßen. Ernst Happel gewohnt argumentativ trocken: "Hätten wir während der Saison auch immer solche Schwierigkeiten gehabt, wieder übern Berg zu kommen, wären wir jetzt nie Meister!"

Hanseatische Eomotionseskalation.
Hanseatische Eomotionseskalation.(Foto: imago/WEREK)

Und als dann auch noch die Ampeln plötzlich zu tief hängen und ein besorgter Polizist die Profis warnt, meint Horst Hrubesch nur: "Keine Angst, die köpf ich alle weg!" Da stört es am Ende auch nicht mehr, dass einige Jacketts nach einem Eier-Bewurf von Punkern geopfert werden müssen. Eins der Eier bekommt Hrubesch auch noch direkt vor die Stirn. Seine Mannschaftskollegen grinsen: "Mensch, Horst, jetzt ist aber auch mal gut. Du musst doch nicht alles mit dem Kopf nehmen." Nur einer lächelt den ganzen Tag komplett gelassen vor sich hin: Franz Beckenbauer. "Ich bin schon oft Meister geworden in meinem Leben, da genießt man das mehr innerlich!"

Mit Trainer Ernst Happel hat der HSV einen Volltreffer gelandet. Felix Magath ist schon nach der ersten Trainingseinheit vollkommen begeistert vom neuen Coach: "Es war plötzlich wie damals auf der Straße. Da liefen wir auch hinter dem Ball her, um uns auszutollen." Die Entscheidung fällt am 29. Spieltag. Nach einem 3:1-Rückstand gewinnt der HSV beim zweitplatzierten Titelverteidiger Bayern München durch ein Tor von Horst Hrubesch in der 90. Minute noch mit 4:3. Der grandiose Schlussspurt ist das vorgezogene Meisterstück der Hamburger. Jimmy Hartwig erinnert sich, wie die Mannschaft das großartige Gefühl des Triumphs erlebt: "In der Woche nach dem Spiel sind wir mit so breiter Brust durch die Straßen gelaufen, dass Fußgänger vor Angst die Straßenseite gewechselt haben."

Der "Riesenkrach" von München

In München verkraftet man die Niederlage im entscheidenden Spiel um den Titel dagegen nur sehr schwer. Der Versuch, es humorvoll zu nehmen, mündet in diesem Witz: "Hast du gestern den Riesenkrach an der Säbener Straße gehört?" "Nein, was ist denn passiert?" "Die Mannschaft des FC Bayern hat sich die Deutsche Meisterschaft aus dem Kopf geschlagen!"

Am 14. August geht ein Bild um die Welt. Ewald Lienen liegt am Boden und schaut völlig fassungslos auf seinen aufgeschlitzten Oberschenkel. "Du bist daran schuld, du kriegst von mir eine Anzeige!", schreit Lienen noch von der Trage Rehhagel zu. Der Werder-Trainer, so der Bielefelder, soll seinen Spieler Norbert Siegmann dazu aufgefordert haben, "härter drauf zu gehen". Beim Rückspiel auf der Alm wird Rehhagel mit einer kugelsicheren Weste ausgestattet und von Bodyguards aufs Feld begleitet: "So wahr ich lebe, wenn ich den Siegmann im Stadion erwische, schlage ich ihn tot", hatte zuvor ein Mann auf der Bielefelder Geschäftsstelle gesagt und ein anderer bei der Zeitung "Neue Westfälische" in der Lokalredaktion angerufen und in den Hörer geschrien: "Um 16 Uhr wird Rehhagel erschossen!" Betont zurückhaltend reagieren die Bremer. Vor dem Spiel gegen die Arminia ermahnt der Werder-Coach seine Mannschaft, in jeder Situation Ruhe zu bewahren: "Entschuldigt euch bei euren Gegenspielern, selbst wenn ihr denen mal unabsichtlich auf die Füße tretet."

"... er muss doch das Krachen gehört haben"

Wenige Wochen später wird die Lienen-Geschichte vom Fall Hasse Borg sogar noch übertroffen. Karlsruhes Emanuel Günther springt mit beiden vorgestreckten Beinen in einem hohen Bogen in seinen Braunschweiger Gegenspieler hinein und bricht dem Schweden dabei das Schienbein. Das Schiedsrichtergespann aus der Schweiz (!) ist mit der Situation völlig überfordert und pfeift nur Freistoß für Braunschweig. Eine Tatsachenentscheidung, die für blankes Entsetzen und für noch viel mehr Unverständnis sorgt. Eintracht-Coach Uli Maslo: "Selbst wenn der Schiedsrichter nichts gesehen hat, muss er doch das Krachen gehört haben und Günther rausstellen!"

Das Schlusswort dieser Saison spricht der Stuttgarter Peter Szatmári, der nach einem nervenaufreibenden 1:0-Sieg gegen Darmstadt sichtlich gezeichnet sagt: "James Bond ist ein Kinderspiel gegen die Bundesliga. Wo ist in Stuttgart eine Nervenklinik? Ich muss eine Woche dorthin gehen, um mich zu beruhigen!"

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Quelle: n-tv.de