55 Jahre Bundesliga

Redelings über die Saison 97/98 "Boah, wie scheiße sieht dat denn aus!"

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Der 1. FC Kaiserslautern wird Sensationsmeister der Fußball-Bundesliga. Der VfL Bochum gewinnt einen Titel für die Ewigkeit: Er präsentiert die hässlichsten Trikots ever. Und der HSV reißt sich den Arsch auf – im wahrsten Sinne des Wortes!

HSV-Trainer Frank Pagelsdorf vertraut am 24. Spieltag dem Zauberer Jens Strohschein, der Nadeln hinter das HSV-Tor steckt. Als Schalkes Charly Neumann von der Aktion Wind bekommt, kontert er mit dem Verteilen von Glückspfennigen. Hilft beides nicht viel: Das Endergebnis lautet 1:1. Nur Schalkes Manager Rudi Assauer hat seinen Spaß. Trocken meint er zu der Aktion des HSV: "Hauptsache, von unseren Jungs reißt sich keiner den Hintern auf."

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Über Geschmack lässt sich streiten - oder nicht?

In Dortmund und Leverkusen meldet man vor der Saison Ansprüche an. Reiner Calmund und Christoph Daum unisono: "Wir wollen Meister werden!" Und beim BVB äußert sich Torwart Stefan Klos: "Es ist unser Anspruch, ja unsere Pflicht, Deutscher Meister zu werden. Und das wird auch klappen, wenn wir von Verletzungen verschont bleiben." Niemand rechnet mit dem Aufsteiger Kaiserslautern. Niemand? Nicht ganz. Einer hat die Erfolgsserie bereits vorher geahnt, Berti Vogts: "Der 1. FCK ist nicht mit den Augen eines Aufsteigers zu sehen. Vom Potenzial her ist der FCK mit sechs aktuellen Nationalspielern eine Bundesliga-Spitzenmannschaft."

Und die Lauterer selbst? "Wir kämpfen nur um den Klassenerhalt. Es wird noch Jahre dauern, bis der FCK den Absturz des Jahres 1996 in die zweite Liga endgültig aufgearbeitet hat." Das sind die Worte von Lauterns Trainer Otto Rehhagel nach dem Auftaktsieg (1:0) in München bei den Bayern. Nach dem 13. Spieltag und mittlerweile 30 Punkten auf der Habenseite nimmt ein Lauterer das erste Mal das Wort "Meisterschaft" in den Mund, wiewohl Trainer Otto Rehhagel eigentlich erst den Klassenerhalt gesichert wissen will. Doch Andy Brehme hat nicht mehr viel zu verlieren; am Ende der Saison hört er auf: "Und da wäre es natürlich das Größte, wenn ich mit dem Meistertitel abtreten könnte." Es klappt! Der Aufsteiger sichert sich am Ende mit zwei Punkten vor den Bayern die Meisterschale.

Regenbogenschuss geht nach hinten los

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Die Regenbogentrikots des VfL Bochum sind der letzte Schrei in der Liga. Die Kaiserslauterer Fans skandieren minutenlang: "Ihr habt hässliche Trikots!" Doch das brauchen sie den VfL-Anhängern eigentlich nicht zweimal zu sagen. Bei der Vorstellung der Leibchen während einer Feierstunde aus dem Bochumer Schauspielhaus zum erstmaligen Einzug in den Uefa-Pokal ist live im WDR-Fernsehen gut die Stimme eines entsetzten VfL-Fans zu hören, der beim Öffnen des Vorhangs ruft: "Boah, wie scheiße sieht dat denn aus!"

Bochums Sponsor Norman Faber hat die Produktion der Trikots in Eigenregie übernommen und dabei die bunte Farbenpracht seiner Lotto-Firma auf den Leibchen verewigt. Als die Mannschaft einen Tag später auf dem Bochumer Rathaus empfangen wird, singen die Anhänger unten auf dem Vorplatz immer wieder: "Wir wollen blau-weiße Trikots, blau-weiße Trikots, wir wollen blau-weiße Trikots". Der Wunsch wird nicht erhört. Schlimmer. Durch die europaweite Präsenz mit den Spielen gegen Trabzonspor, Brügge und Amsterdam werden die VfL-Anhänger auch lange nach dieser Saison in ihrem Urlaub von Fußballfans auf die "hässlichsten Trikots der Welt" angesprochen.

Ricken, der Pott-Philosoph

"Der Prinz aus dem Pott" ("Sports", Zürich), Dortmunds Lars Ricken, spricht weihevolle Werbeworte: "Ich sehe VIP-Logen, wo früher Stehplätze waren. Ich sehe Spieler, die öfter mit der Presse reden als mit ihrem Coach. Ich sehe Vereine, die teure Profis kaufen, statt den eigenen Nachwuchs zu fördern. Ich sehe Typen in Nadelstreifen und Geschäftemacherei ohne Ende. Und dann sehe ich, was wirklich wichtig ist." Ein anderer Dortmunder ist fast noch bekannter als Ricken: Busfahrer Horst Kowalski, Borussias treuster Fan, kommentiert in den neuen Spots eines Sportartikelherstellers die Spiele und Spieler des BVB. Schauspieler und Kowalski-Darsteller Willi Thomczyk stolz: "Ich glaube, es gibt nicht viele Spots, an die man sich nach über zehn Jahren noch erinnern kann. Da ist schon ein Stück Werbegeschichte geschrieben worden."

Und zum Schluss ein Beispiel wie schnelllebig der Fußball sein kann: Jens Jeremies kündigt im November seinen Wechsel innerhalb von München vom TSV 1860 zu den Bayern an. Vielleicht ein bisschen zu früh. Die kommenden Monate in der Stadt werden für ihn zum Spießrutenlauf. Bei den Sechzigern hängen die Fans Plakate mit Sprüchen wie "Wir wollen keine Bayernschweine. Jeremies raus!" auf, und bei Bayern platzieren sie ein Transparent an den Zaun, auf dem steht: "Feind bleibt Feind - Jeremies raus!" Heute ist er eine Legende - bei beiden Vereinen.

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Quelle: n-tv.de