55 Jahre Bundesliga

Redelings über die Saison 04/05 Gelsenkirchen ist ein Desaster

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Ailton wechselt von Werder nach Schalke - und will auch seinen Rasen am liebsten blau färben.

Oliver Kahn fühlt sich schlecht behandelt und droht mit seinem Abgang. Ein anderes Schwergewicht der Bundesligageschichte hört tatsächlich auf - Calli macht Schluss. Und dann macht sich noch ein Neuzugang auf Schalke direkt unbeliebt.

In Bremen beginnt die Saison mit einem Paukenschlag. Als das allererste Spiel der Saison gegen den FC Schalke 04 angepfiffen werden soll, streikt das Flutlicht. Ein Baggerfahrer soll ein Stromkabel beschädigt haben. Schalkes Andreas Müller ist zu Recht erstaunt: "Um halb neun abends arbeitet in Bremen noch ein Baggerfahrer?" Tatsächlich stellt sich heraus, dass es eine von vielen Zehntausend Muffen ist, die die Stromkabel untereinander verbinden, die den Geist aufgegeben hat. Mit 65 Minuten Verspätung wird die Partie schließlich angepfiffen und endet 1:0 für Werder. Bremens Südamerikaner Nelson Valdez ist hinterher immer noch erstaunt: "So etwas habe ich selbst in Paraguay nicht erlebt."

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Dunkel war's im Bremer Weserstadion.

Es ist die Spielzeit der Persönlichkeiten. Die Saison hat noch nicht begonnen, da droht einer der ganz großen Bundesligastars bereits mit seinem Abgang. Bayern-Torwart Oliver Kahn reicht es. Die Berichterstattung über sein Privatleben geht seiner Meinung nach "ins Groteske". Die "Bild"-Zeitung fragt gar: "Zerbricht Olli Kahn?". Bayerns Vorstandsvorsitzender Karl-Heinz Rummenigge ist sauer und versucht - an das nationale Wohl appellierend - deeskalierend zu wirken: "Wenn das so weitergeht, wird er systematisch aus dem Land getrieben." Doch Kahn bleibt!

"Ich bin platt!"

Ein anderer hingegen geht. Reiner Calmund tritt im Juni zurück: "Ich habe 27 Jahre immer an vorderster Front gestanden, immer auf dem Bock, immer in der Verantwortung, ob Jugend-, Marketing- oder Profibereich. So habe ich für den Verein gelebt. Ich muss nun sagen: Ich bin platt! Ich kann nicht mehr 100 Prozent geben. Diese Belastung halte ich nicht mehr aus." Sein Fazit nach dieser langen Zeit als Angestellter von Bayer 04: "Wir haben im Kaninchenstall Haberland-Stadion angefangen, haben es vom Abstiegskandidaten bis zur internationalen Adresse geschafft. Bayer war ein Teil von mir. Von der Bezahlung her habe ich immer auf einem Abstiegsplatz gestanden. Als wir 1993 den Pokal geholt haben, habe ich 150.000 Mark verdient. Ich habe auch Sprünge gemacht, das endete aber bei 350.000 Euro. Das ist weniger als die Nummer 20, aber so bekloppt bin ich. Ich bin aber auch in Zukunft finanziell abgesichert. Dafür möchte ich Bayer danken." Tschüss, Calli!

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Auf Schalke spielt nun der lebensfrohe Brasilianer Ailton. Er wird nicht unbedingt mit offenen Armen von den königsblauen Anhängern empfangen, hatte er doch im Frühjahr über seine neue Heimatstadt noch geäußert: "Alles, was ich bisher über Gelsenkirchen gehört habe, ist ein Desaster." Als er dann auch noch mit einem Leihwagen mit Dortmunder Kennzeichen vorfährt, muss er ganz schnell versprechen, sich ein Auto mit Gelsenkirchener Nummer anzuschaffen. In diesem Zuge sichert er den Fans auch zu, die Grünfläche vor seinem Haus ebenfalls an seinen neuen Arbeitgeber anpassen zu wollen: "Den Rasen in meinem Garten färbe ich noch blau. Grün ist die Werder-Farbe, aber jetzt bin ich ein echter Schalker." Die Schalker Fan-Initiative e.V. schreibt ihm dennoch einen offenen Brief: "Sehr geehrter Herr Goncalves da Silva. Wir haben uns Gelsenkirchen nicht ausgesucht und Schalke auch nicht. Wir sind es! Komm ma lecker bei uns bei - und nach der ersten Meisterfeier mit uns wirst du am nächsten Morgen gar nicht mehr wissen, wo Bremen überhaupt liegt."

"Im Keller ist es dunkel, macht das Licht an!"

In Dortmund geht die Zeit von Präsident Gerd Niebaum und Manager Michael Meier zu Ende. Die Verbindlichkeiten wachsen jeden Tag um unglaubliche 72.000 Euro. Und sportlich läuft es in der Hinrunde ebenfalls überhaupt nicht. Nach dem 17. Spieltag steht der BVB nur auf Rang 14. Ein Fan-Plakat drückt die Stimmung in Dortmund am besten aus: "Im Keller ist es dunkel, macht das Licht an!" In Deutschland wird mittlerweile gelacht über den BVB. Comedian Michael Mittermeier spottet: "Was haben der BVB und Karstadt gemeinsam? Beide sind pleite. Aber Karstadt hat die bessere Sportabteilung." Neuer Geschäftsführer bei der Borussia wird Hans-Joachim Watzke. Der übt einen Fulltimejob aus, verdient damit aber nichts. Watzke verzichtet nach eigenen Angaben wegen der leeren Kassen bei seinem Arbeitgeber auf sein komplettes Gehalt. Und nicht nur das. Auch alle anfallenden Kosten für Benzin, Telefon und Übernachtungen bezahlt er aus der eigenen Tasche: "Ich bringe im Moment jeden Monat knapp 2000 Euro mit!"

Ach, Bayern München wird übrigens Meister. 14 Punkte vor dem FC Schalke 04 sind es am Ende. Die Feierlichkeiten am 31. Spieltag in Kaiserslautern (4:0-Sieg für die Bayern) finden ohne Oliver Kahn statt. Der Torwart ist in München geblieben und wird von Michael Rensing vertreten.

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Quelle: n-tv.de

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