Fußball

Der erstaunliche Alphonso Davies A very "good boy"

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Der FC Chelsea war im Februar der erste große Klub, der sich von Alphonso Davies' Qualitäten auf Weltklasseniveau überzeugen musste.

(Foto: imago images/Moritz Müller)

Es ist die derzeit erstaunlichste Geschichte der Bundesliga, geschrieben wird sie von Alphonso Davies. Vom Flüchtlingsbaby hat er sich zur Stammkraft beim FC Bayern hochgearbeitet - aber nicht ohne seiner Mutter etwas Wichtiges zu versprechen.

Würde die Mutter von Alphonso Davies gelegentlich mal das Portal "transfermarkt.de" (was sie sehr wahrscheinlich nicht tun wird) lesen, dann wüsste sie etwa, dass ihr Sohn auf der Liste der wertvollsten Fußballer weltweit aktuell schon auf Platz 92 geführt wird. Tatsächlich nur noch einen Platz hinter Weltmeister Toni Kroos und zwei Ränge hinter seinem feingeistigen Münchner Teamkollegen Thiago. Victoria Davies wüsste auch, dass in der Bundesliga nur 13 Spieler einen höheren Marktwert haben als "Phonzy" (45 Millionen Euro), beim FC Bayern sind es indes noch acht. Auch in allerhand anderen Listen würde sie ihren Alphonso finden - meist sehr, sehr weit oben. Aber all das ist ihr nicht wichtig, wichtig ist ihr nämlich nur eins: Dass ihr Junge ein "good boy" bleibt.

Das soll sie zur Bedingung gemacht haben, als sie für ihren damals noch minderjährigen Sohn den Vertrag beim FC Bayern unterschrieben hat. So berichtet es die "Süddeutsche Zeitung". Und dass er genau das, nämlich ein "good boy", ist, das hat Sportdirektor Hasan Salihamidzic am späten Abend des 26. Februar laut verkündet. Beim beeindruckenden 3:0-Sieg der Münchner an der Stamford Bridge beeindruckte nämlich vor allem einer, Davies. Im Achtelfinal-Hinspiel der Champions League rannte er seine Gegenspieler vom FC Chelsea ins Trauma. Hinten, vorne, überall. Wo Davies war, da war rasantes Spektakel. Und mit eben jenem aberwitzigen Tempo hat er sich auch von Hansi Flicks Not-Idee zum drittwertvollsten linken Verteidiger der Welt gespielt - transfermarkt.de, allerhand Listen, Sie wissen schon.

"Haben wir so nicht erwartet"

"Er ist aus dieser Mannschaft nicht mehr wegzudenken", verkündete Salihamidzic dann auch nochmal am vergangenen Samstag - ein paar Tage zuvor hatte Davies seinen Vertrag vorzeitig bis 2025 verlängert - in der "Süddeutschen Zeitung". Und der Münchner Sportdirektor plaudert nur allzu gerne über die Entwicklung des Kanadiers. Denn dessen Verpflichtung wird vor allem ihm, dem oft kritisierten Bosnier zugeschrieben. "Sein Talent hat er eindrucksvoll bewiesen, er ist von 0 auf 100 durchgestartet, mit seiner Geschwindigkeit, seiner Spielfreude, seinem Drang nach vorne. Dass er sich so schnell auf diesem Niveau einfindet, das haben wir gehofft, aber in der Kürze der Zeit so nicht erwartet."

Und so erstaunlich sein Weg von der überraschenden Alternative (Verletzungsprobleme im Klub) zum überragenden Alphamännchen auf der linken Abwehrseite ist, so erstaunlich (vermutlich noch viel mehr) ist sein Weg vom Flüchtlingskind zum Fußballprofi. Er kam am 2. November 2000 in Buduburam, einem Aufnahmelager in Ghana, zur Welt. Seine Eltern waren vor dem Bürgerkrieg in ihrer Heimat Liberia geflohen. Fünf Jahre später zog die Familie im Zuge eines Programms zur Umsiedlung nach Kanada. Sein Talent brachte ihn fortan zu den Edmonton Strikers, heißt es in einem Porträt des "Sportbuzzer". Dort traf er Trainer Nick Huoseh. Seinen Entdecker, seinen Förderer, seinen Berater. Und der war von der Vehemenz des bayrischen Werbens beeindruckt. "Sie wollten ihn unbedingt - mehr als alle anderen." Einer der anderen, ein sehr aussichtsreicher Klub, soll laut "SZ" übrigens der VfB Stuttgart gewesen sein.

"Good boy" mit einer Mission

Tatsächlich war es so, dass sich die Bayern "sofort auf ihn gestürzt" haben, nachdem sie den damals 17-Jährigen in der Major League Soccer einige Male beobachtet hatten, erinnert sich Salihamidzic. Die zehn Millionen Euro Ablöse an die Vancouver Whitecaps waren indes auch ein mutiges Investment. Aber eines, das sich bereits jetzt, knapp anderthalb Jahre später, zu einer märchenhaften Erfolgsgeschichte entwickelt hat. Eine Geschichte voller Glück und Bescheidenheit. Eine, die ihn stets auch erdet. So nutzt er seine neue Popularität, seine Reichweite in den sozialen Medien, um sich für die Schwachen, für Flüchtlinge, einzusetzen, wie er nun nochmal in einer Video-Konferenz erzählen sollte. Und die Reichweite, die er hat, ist enorm. Allein bei Instagram hat der stets gut gelaunte Fußball-Entertainer, der mittlerweile sogar ein wenig bayrisch plaudert, über 760.000 Follower. Bei Tik-Tok sind's knapp weniger.

"Ich bin stolz auf das, was ich erreicht habe", erzählt Davies in dem Video-Chat. Mit dem Durchbruch beim FC Bayern sei für ihn ein "Traum wahr geworden" - einer den er künftig sehr gerne mit sehr vielen Titeln krönen würde. Aber das sei nicht das Wichtigste. Nicht jetzt. Der unbekümmerte Entertainer hat eben auch diese andere Seite. Diese sehr reife, diese sehr nachdenkliche. Es gehe nun darum, "gesund zu bleiben". Hier und auch dort, wo er herkommt. "Es wäre eine Katastrophe", sagte Davies, sollte sich das Coronavirus in einem der vielen Flüchtlingscamps groß ausbreiten.

Gemeinsam mit Milan-Torwart Asmir Begovic, er flüchtete als kleiner Junge aus Bosnien nach Deutschland, kickte er am Samstag virtuell für das Flüchtlingshilfswerk der UNO. Sie wollten auf das Schicksal der weltweit 70 Millionen Flüchtlinge hinweisen. "Wir wollten Geld sammeln, um ihnen zu helfen, Wasser und Essen zu organisieren", sagte Davies. Das UNHCR habe ihn vor Jahren unterstützt, jetzt sei es an der Zeit, etwas zurückzugeben.

Ein "good boy", ja, das ist er, der "Phonzy".

Quelle: ntv.de, tno