Fußball

Größere Fallhöhe als bei Hoeneß Der Erfolg macht Salihamidzic unnötig forsch

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Topmotiviert auf dem Transfermarkt: Bayerns Sportdirektor Hasan Salihamidzic.

(Foto: imago images/Sven Simon)

Beim FC Bayern arbeiten sie in der Fußball-Zwangspause eifrigst an der Zukunft. So wurden einige wichtige Verträge verlängert. Das geht natürlich auch auf das Konto von Sportdirektor Hasan Salihamidzic. Der setzt sich aber unerwartet selbst unter Druck und muss zudem noch ein Problem lösen.

Seine bislang letzten drei Postings bei Instagram sind stolze Arbeitsnachweise. Perfekt für die nächste Bewerbungsmappe. Auch wenn es die wohl noch für einige Zeit nicht brauchen wird. Aber die Erfolge einfach mal auf Halde (oder einen Account) legen, das schadet sicher nichts. Hasan Salihamidzic, der Sportdirektor des FC Bayern, hat den April genutzt, um neue und für den Klub wichtige Verträge auszuhandeln: für den sehr überzeugend arbeitenden Trainer Hansi Flick, für den wieder sehr überzeugend wuseligen Thomas Müller, und für den sehr überraschend schnell überzeugenden Alphonso Davies.

Dieser Davies, ja, der ist es, der die Arbeit des Sportdirektors besonders aufwertet. Denn diesen Davies soll Salihamidzic entdeckt und verpflichtet haben. Zehn Millionen für einen Kanadier, dazu gehört sicher ein wenig Mut. Und mit jenem Mut beschleunigt der 19-Jährige mittlerweile das Spiel der Münchner Fußballer. Nach einer Umschulung vom Flügelstürmer zum Linksverteidiger. Und das gelingt nicht nur in der Bundesliga prima, sondern auch in der Champions League. Im Achtelfinal-Hinspiel beim FC Chelsea machte der Kanadier sein wohl bestes Spiel bislang für den FC Bayern. Davies' Spektakel ist Salihamidzic' Coup.

Die Welt des oft und immer wieder kritisierten Bosniers könnte wunderbar entspannt sein. Beliebten Trainer gebunden, den klubeigenen Lieblingsfußballer gehalten, dem Publikumsliebling mal schnell ein neues und langes Arbeitspapier vermittelt. Und dann sollen die umworbenen Stammspieler Thiago und David Alaba womöglich ja kurz davor sein, ihr Einverständnis für eine längere Zusammenarbeit zu geben. Die Zukunft des Rekordmeisters, sie hat sehr klare Konturen. Und so etwas geht natürlich nicht ohne Zutun eines engagierten Sportdirektors.

Neuer ist die größte Herausforderung

Und dennoch ist alles nicht so wunderbar entspannt. Denn das sehr zähe Ringen, inklusive maulwürfiger Hinterhalte und wütender Reaktionen, um Manuel Neuers künftigen Vertrag frisst jegliche Erfolge und auch die Zufriedenheit des Seins in München auf. Nun scheint sich zumindest die Libelle der Stimmungs-Wasserwaage langsam in ihre ausgleichende Mitte zu bewegen. Zumindest habe man alle Unstimmigkeiten intern geklärt, erklärte Salihamidzic in der "Welt am Sonntag". Zwar wabern in den einigen Medien immer noch und immer neue Details zu Gehalt und Laufzeit herum, doch das soll die Gespräche über die Fortsetzung des erfolgreichen, gemeinsamen Weges aber nicht mehr stören.

Eine für alle Seiten "glückliche Lösung", so hatte es sich Karl-Heinz Rummenigge gewünscht, soll am Ende der Verhandlungen stehen. Der Klubchef hat diesen Wunsch nicht exklusiv. Flick will Neuer unbedingt und sowieso halten. Und der seit seinem Rücktritt als Präsident öffentlich stiller wirkende Uli Hoeneß würde sich auch sehr über den Verbleib freuen. Für Salihamidzic ist die Lösung des Neuer-Konflikts die nun größte Herausforderung seiner Amtszeit. Es gilt eine Lösung zu finden, die die Nummer eins zufrieden macht, die dem Verein damit hilft - denn noch ist Neuer unverzichtbar - und die Alexander Nübel, des Sportdirektors "Glanztat", so Hoeneß, nicht verprellt. Der Schalker kommt zur neuen Saison als Nachfolger des Kapitäns (mit ein paar garantierten Einsätzen?). Und der 23-Jährige betrachtet diese Perspektive eher mittel- und nicht langfristig.

Überraschend knackige Ansagen

Tatsächlich geht ja niemand wirklich davon aus, dass es zwischen dem FC Bayern und Neuer nicht zu einer Lösung kommt. Denn beide Seiten wollen unbedingt weitermachen. So darf der Sportdirektor dann auch der "Optimist" sein, den er in sich selbst ja erkennt. Und eine gestörte Kommunikation, die man nach Neuers Ärger über den Geheimnisverrat vermuten konnte, die sehe er auch nicht. Denn da seit der internen Aussprache "nichts mehr bekannt wurde", gehe er davon aus, "dass der Maulwurf weitergezogen ist". Persönlich habe er sich von den Spekulationen über den Verräter ohnehin nie angesprochen gefühlt.

Ungeachtet der nicht vereinbarten, wenn auch wahrscheinlichen Lösung, öffnet Salihamidzic völlig überraschend eine neue Flanke, die er künftig womöglich vehement zu verteidigen hat. Wie Hoeneß im vergangenen Jahr ruft der 43-Jährige nun allzu forsch einen gewaltigen Einkaufsbummel aus. Gewaltig weniger in der Masse, als in der Klasse. Ein "Toptalent aus Europa" soll kommen, sagte er der "Welt am Sonntag" und ebenfalls ein "internationaler Star, der die Qualität unserer Mannschaft hebt und hilft, unseren Zuschauern ergebnisstarken und attraktiven Fußball zu bieten." Eine knackige Ansage, die zudem eine enorme Fallhöhe erzeugt. Anders als damals bei Hoeneß, selbst wenn dessen "Wenn-Sie-wüssten..."-Ankündigung im Nachhinein wie ein verlorenes Pokerspiel wirken. Kann halt passieren. Auch wenn's ein bisschen blöd aussah.

Hoeneß, der sich damals schon auf dem heimlichen Rückzug aus der ersten Reihe befand, hatte sein Werk vollbracht. Was der FC Bayern ist, das ist er vor allem wegen Hoeneß. Wer wollte den Patron - natürlich gab es kritische und hämische Kommentare - denn wirklich in seiner Lebensleistung angreifen? Salihamidzic ist davon noch weit entfernt. Er hat Erfolge (nicht nur in diesem April), klar, aber auch Misserfolge. So scheiterte er beispielsweise im Winter 2019 mit seinem offensiven Werben um Chelseas Top-Talent Callum Hudson-Odoi. Und sein erster Versuch mit einem "internationalen Star" ging nicht auf: Philippe Coutinho und der FC Bayern, das ist trotz sehr solider Bilanz des Spielers keine Erfolgsgeschichte.

Und was kommt nun? Endlich Leroy Sané, an dessen Transfer sich die Salihamdizic und die Münchner schon so lange abarbeiten? Oder Timo Werner? Und ist Kai Havertz womöglich das Top-Talent oder schon ein internationaler Star? "Wirtschaftlich", so der Sportdirektor, wolle man "nicht unvernünftig werden." Aber das Ziel bleibe ein Triumph in der Champions League. Und der liefert ja stets schöne Bilder. Ganz sicher auch ein stolzes für Instagram.

Quelle: ntv.de, tno