Fußball

Buli-Check: TSG Hoffenheim Alfred und der unbekannte 30-Tore-Mann

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Einer wie Ebbe Sand? Zumindest hat Robert Skov in Dänemark mit 30 Treffern den Torrekord des ehemaligen Schalker Stürmers gebrochen. Der 23-Jährige kommt vom FC Kopenhagen nach Hoffenheim.

(Foto: imago images / DeFodi)

Mehr als 100 Millionen Euro hat die TSG Hoffenheim mit Spielertransfers eingenommen. Weil auch Trainer Julian Nagelsmann weg ist, steckt der Fußball-Bundesligist mitten im Umbruch. Den neuen Hoffnungsträger haben die Kraichgauer in Dänemark gefunden.

Der Abschied von Julian Nagelsmann war ein sportlich enttäuschender. Nachdem er die TSG Hoffenheim in seinem ersten Jahr in die Champions-League-Qualifikation geführt und in seinem zweiten direkt die Gruppenphase der europäischen Königsklasse erreicht hatte, folgte in der dritten Saison der erste Knick in der Karriere des Trainer-Aufsteigers. Mit Platz neun blieben die Kraichgauer hinten den Erwartungen zurück, zumal sie noch am 30. Spieltag von Platz sechs der Fußball-Bundesliga aus den Europapokal im Blick hatten. Dann aber gab's aus vier Spielen nur noch einen Punkt und den Absturz.

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Nun in Leipzig: Julian Nagelsmann.

(Foto: imago images / opokupix)

Die Folge war ein Umbruch, weil nicht nur Nagelsmann ging. Zwar umgibt die TSG noch immer die Aura eines Investoren-Klubs mit unerschöpfbarer Finanzkraft, die Realität ist aber die, dass Hoffenheim eine Zwischenstation auf dem Weg zu einem größeren Verein ist. Kerem Demirbay und Nadiem Amiri gingen nach Leverkusen, Nico Schulz läuft jetzt für Borussia Dortmund auf. Joelinton folgte dem Lockruf der englischen Premier League und wechselte für die Rekordablösesumme von kolportierten 50 Millionen Euro zu Newcastle United.

Als Nagelsmanns Nachfolger präsentierten die Hoffenheimer mit Alfred Schreuder einen alten Bekannten. Der 46-jährige Niederländer kommt von Ajax Amsterdam, als Co-Trainer von Erik ten Hag war er dort nur wenige Sekunden vom Einzug ins Champions-League-Finale entfernt. Da die TSG international nicht vertreten ist, bleibt Schreuder umso mehr Zeit, seine offensive Herangehensweise einzubringen. Die ist der von Nagelsmann durchaus ähnlich, mit dem Schreuder zudem bereits zusammenarbeitete. Vor seiner Zeit in Amsterdam war er von Oktober 2015 bis Januar 2018 Teil des Hoffenheimer Teams.

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Ziemlich viel, vor allem in der Transferkasse von Manager Alexander Rosen. Mehr als 100 Millionen Euro haben die Hoffenheimer für Joelinton, Schulz, Demirbay und Amiri bekommen. Um die Lücken zu schließen, blickte Millionen-Hüter Rosen, der Dagobert Duck der Bundesliga, in den Norden Europas und holte mit Robert Skov vom FC Kopenhagen den Torschützenkönig der dänischen Liga. Dort knipste der 23-Jährige in 34 Spielen gleich 30-mal und löste den einstigen Schalker Ebbe Sand als Spieler mit den meisten Treffern in einer Saison ab. Dabei ist Skov kein klassischer Strafraumstürmer und erzielte allein acht Freistoßtore. "Robert verfügt über einen außergewöhnlichen linken Fuß und eine fantastische Schusstechnik, die ihn extrem torgefährlich macht", sagt Rosen über den dänischen Nationalspieler, der bevorzugt auf dem rechten Flügel agiert und in Arjen-Robben-Manier in die Mitte zieht.

Während Skov große Erwartungen und Hoffnungen weckt, geht es für seinen möglichen Sturmpartner Ihlas Bebou zunächst einmal darum, fit zu bleiben. Der 25-Jährige kam von Absteiger Hannover 96 und absolvierte dort aufgrund von Verletzungsproblemen nur zwölf Spiele - zeigte dabei aber seinen Wert und stand bei drei der nur fünf Saisonsiege in der 96-Startelf. Für die beiden Angreifer investierte Hoffenheim 18 Millionen Euro. Dazu kommt mit Sergis Adamyan ein weiterer Spieler für den offensiven Flügel, der für 1,5 Millionen Euro vom Zweitligisten Jahn Regensburg verpflichtet wurde. Ende Juli gelang der TSG eine Überraschung mit der Rückkehr von Sebastian Rudy. Der 29 Jahre alte Mittelfeldspieler hofft nach einem missglückten Jahr beim FC Schalke auf Wiedergutmachung bei dem Verein, für den er von 2010 bis 2017 aufgelaufen war. Wenn er zu der Form zurückfindet, die ihn zum Nationalspieler machte, kann er die Demirbay-Lücke im zentralen Mittelfeld schließen.

Auf wen kommt's an?

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Hoffenheims neuen Cheftrainer Alfred Schreuder (links) und Manager Alexander Rosen vereint die Leidenschaft für offensiven Fußball.

(Foto: imago images / foto2press)

Wie schnell Skov die Umstellung von der dänischen auf die deutsche Liga gelingt, bleibt abzuwarten. Deutlich besser lässt sich da einschätzen, was von Andrej Kramaric zu erwarten ist. Der kroatische Stürmer kommt seit seinem Wechsel von Leicester City im Januar 2016 auf 113 Bundesliga-Spiele, 50 Tore und 24 Vorlagen. Er war in der Vorbereitung allerdings ebenso angeschlagen wie Sturmkollege Ishak Belfodil, der in seinem ersten Jahr in Hoffenheim mit 16 Toren und fünf Vorlagen die meisten Scorerpunkte des Teams sammelte.

An offensiver Gefahr mangelt es also nicht, das zeigt die Statistik. In der Saison 2018/2019 erspielte sich das Team 299 Chancen, nur der FC Bayern mit 311 hatte mehr. Diese Ausrichtung will Schreuder fortführen: "An der Art und Weise, wie wir Fußball spielen wollen, wird sich nicht viel ändern", sagt der 46-Jährige im "Kicker". Eine Änderung aber ist geplant, und muss auch geplant werden - 52 Gegentore sind zu viel, nur fünfmal spielte die TSG zu Null. Daraus folgte laut Manager Rosen "die Erkenntnis, dass wir auf diesem Gebiet bissiger werden müssen", wie er ebenfalls dem "Kicker gegenüber erklärt.

Dabei liegt ein Großteil der Verantwortung auf den Schultern von Abwehrchef Kevin Vogt, der in der Vorsaison zumeist mit Ermin Bicakcic die Innenverteidigung bildete. Ob die beiden weiter nebeneinander auflaufen, hängt auch vom System ab, das Schreuder wählt, ob er mit Dreier- oder Viererkette spielen lässt. Rückkehrer Benjamin Hübner, von den langwierigen Folgen einer Gehirnerschütterung genesen, drängt ebenfalls auf einen Stammplatz, dito Stefan Posch. Der 22-Jährige spielte eine starke Vorbereitung und scheint vorerst gesetzt zu sein. Da könnte es für Schulz-Nachfolger Konstantinos Stafylidis vom FC Augsburg schon eng werden. Wer letztlich die Defensivreihe bildet, ist aber ohnehin zweitrangig. Entscheidend ist, eine knappe Führung mal wieder über die Zeit bringen zu können.

Was fehlt?

Das Startprogramm

Eintracht Frankfurt (A)
Werder Bremen (H)
Bayer Leverkusen (A)
SC Freiburg (H)
VfL Wolfsburg (A)
Bor. Mönchengladbach (H)

22 von 72 Saisontoren sind weg: Joelinton steuerte ebenso wie Arsenal-Leihgabe Reiss Nelson sieben Treffer bei, Demirbay traf viermal, Amiri dreimal, einmal Schulz. Gemeinsam kam das Quintett in der vergangenen Saison auf 120 Einsätze, die es jetzt zu ersetzen gilt. Was fehlt, ist der Königstransfer. Aber den gab es in Hoffenheim in zwölf Jahren Bundesliga selten, meist kamen Spieler mit Potenzial. Dazu zählen sicherlich Skov und Adamyan, auch Stafylidis ist mit seinen 25 Jahren noch kein fertiger Spieler. Mit Nagelsmann verliert der Klub die Figur, die das Bild des Vereins geprägt hat. Schreuder ist selbst für die Fußball-Öffentlichkeit ein vergleichsweise unbeschriebenes Blatt, auch in der Mannschaft drängt sich niemand auf. Aber muss das schlecht sein? Nach zwei Jahren im Europapokal, mit neuem Trainer und einer neuformierten Mannschaft befindet sich Hoffenheim im Umbruch. "Eine neue Geschichte" möchte Schreuder schreiben. Da ist ein leeres Blatt meist ein guter Anfang.

Wie lautet das Saisonziel?

Enttäuschendes Ende, Neustart, Umbruch. Wenig überraschend peilt niemand den Europapokal an, anders als im vergangenen Jahr. Das Gefüge wird sich finden müssen. "Unser Ziel ist es, offensiven und attraktiven Fußball zu spielen. Klappt das so, wie wir uns das vorstellen, glaube ich an eine gute Saison für uns", sagte Schreuder dem "Kicker".

Die Prognose von n-tv.de

Das internationale Geschäft wird wohl kein Thema. Zu groß ist der Qualitätsverlust durch die Abgänge, auch wenn die Belastung durch den Wegfall der englischen Wochen sinkt. Allerdings droht auch kein Absturz von Platz neun, der könnte sich durchaus wiederholen. Die TSG wird weiter unterhaltsamen Fußball bieten und im oberen Mittelfeld landen.

Quelle: n-tv.de