Fußball

Fußball-Zeitreise, 27.01.1990 Als "Eisern Berlin!" die Hauptstadt vereinte

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Axel Kruse spielte nach seiner Flucht aus der DDR für Hertha BSC.

(Foto: imago/Oliver Behrendt)

Vor 29 Jahren findet in Berlin das sogenannte Wiedervereinigungsspiel zwischen Union und Hertha BSC statt. Über 51.000 Zuschauer feiern zusammen ein Fußballfest. Die spezielle Freundschaft zerbricht zwar bald. Ein Fußballer denkt dennoch sehr gerne an das Spiel zurück.

Hass kann einen. Doch wenn das Hassobjekt plötzlich nicht mehr da ist, bleibt Leere. Und neuer Hass entsteht. Menschen, die erst nach der Wende 1990 geboren worden sind, wird man nur schwer vermitteln können, dass die beiden Berliner Vereine, Union und Hertha BSC, einmal allerbeste Freunde gewesen sind. Damals, als die tiefe Abneigung gegenüber einem anderen Berliner Klub die beiden Fangruppierungen einte. Der gemeinsame Hass auf den Stasi-Verein BFC Dynamo ("Ha Ho He - es gibt nur zwei Mannschaften an der Spree. Union und Hertha BSC") ließ die beiden Klubs zu Freunden werden.

Nach dem Fall der Mauer gipfelte diese ganz besondere Zuneigung im sogenannten Wiedervereinigungsspiel. Am 27. Januar 1990 trafen sich über 51.000 Berliner im Olympiastadion zu einem großen Familienfest - gesponsert von der Deutschen Post. Die Einnahmen - Tickets kosteten 5 West- bzw. Ostmark - wurden an Krankenhäuser in der DDR gespendet. Nur eine kleine Ansammlung von Anhängern des BFC Dynamo störte an diesem Nachmittag den friedlichen Ablauf. Doch die Polizei begleitete die etwa 100 Schlachtenbummler unter lautstarken "Stasi raus"-Rufen noch vor Ende der Partie aus dem Stadion. Nichts hätte die neuen Verhältnisse in den beiden deutschen Staaten wenige Monate vor der Wiedervereinigung besser symbolisieren können als diese Aktion.

Und obwohl 51.000 Menschen an diesem außergewöhnlichen Tag berauscht vom Wandel der Zeit gemeinsam den neuen Ruf "Eisern Berlin" anstimmten, verflog schon recht bald der Zauber der speziellen Freundschaft zwischen den beiden Vereinen. Der rapide fortschreitende Umbruch machte vor allem dem gemeinsamen Feind, dem BFC Dynamo, schwer zu schaffen. Doch ohne den verhassten Gegner machte auch die Freundschaft nicht mehr so viel Spaß. Ganz im Gegenteil sogar.

Axel Kruse floh über Kopenhagen

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Über die Jahre entstand über die sportlich immer größere Rivalität der beiden Vereine eine zunehmende gegenseitige Abneigung. Zeitzeugen behaupten gar, dass der Grundstein für diese Entwicklung bereits am Tage des Wiedervereinigungsspiels am 27. Januar 1990 gelegt wurde. Genauer gesagt in der 82. Minute, als der Hertha-Profi Dirk Greiser das Tor zum 2:1-Endstand schoss. In diesem Spiel, an diesem Tag, meinten viele Zuschauer hinterher, hätte es keinen Sieger geben dürfen. Und so legte sich ein erster Schatten über den ansonsten so hell und freundlich scheinenden Tag der Fußball-Wiedervereinigung zwischen Ost und West.

Einem Spieler schenkte dieser Nachmittag im Olympiastadion jedoch einen wunderbaren Neuanfang in seinem Leben. Der in Wolgast geborene Axel Kruse hatte erst wenige Monate zuvor eine Auslandsreise seines Klubs Hansa Rostock nach Kopenhagen genutzt, um aus der DDR zu fliehen. Kurz darauf hatte sich Kruse der Hertha angeschlossen, war aber für offizielle Spiele noch gesperrt. Die Freundschaftsbegegnung gegen Union kam ihm da natürlich gerade recht. Und Axel Kruse nutzte sein Debüt im Hertha-Trikot nicht nur mit einer beeindruckenden Leistung, sondern schoss seinen neuen Klub in der 13. Minute auch gleich in Führung.

Kruse ätzt über Spitzel-Mitspieler

Dass Kruse einer für höhere Aufgaben war, hatte zuvor auch schon ein anderer prominenter West-Vertreter erkannt. Noch vor der Wende trat der FC Schalke 04 zu einem Spiel an der Ostsee an. Beim S04 spielte damals Thomas Kruse und bei der Hansa das junge Talent Axel Kruse. Und Axel wusste so gut zu gefallen, dass Manager Rudi Assauer auf dem anschließenden feucht-fröhlichen Bankett vor versammelter Mannschaft in einer launigen Rede sagte: "Unseren Kruse lassen wir einfach hier und dafür nehmen wir euren Kruse mit. Ja?" Der Saal lachte - bis auf Thomas und Axel Kruse. Der eine, weil er die Aussage seines Managers gar nicht so lustig empfand und der andere, weil er ohnehin schon genug Ärger mit der Stasi hatte. Wie das aussah, sprach Kruse einmal ganz offen aus, als er mit Frankfurt in Rostock angetreten war und hinterher über seinen ehemaligen Mitspieler Florian Weichert sagte: "Ein Perverser. Er arbeitete für die Stasi und war auf mich angesetzt, verriet seine eigenen Kumpels. Als wir letzte Saison in Rostock spielten, wollte er mich umarmen. Da habe ich Hass gekriegt, bin drei Schritte zurückgegangen und zischte nur: 'Hau ab.' Was gibt es ekelhafte Typen!"

Kruse ließ sich in den Jahren nach der Wende nicht verbiegen. Er blieb der Typ, der offen seine Meinung äußert. Damit eckte er natürlich auch immer wieder an. Legendär sind seine Auseinandersetzungen mit Andreas Möller zu Eintracht-Zeiten. Am 27. Januar 1990 machte er im Berliner Olympiastadion jedoch den ersten Schritt, sich mit seiner Vergangenheit in der DDR zu auszusöhnen. Dass sein Tor mit dafür verantwortlich war, dass die große Freundschaft zwischen Union und der Hertha nach der Wiedervereinigung zerbrach, ist Teil einer sehr speziellen Geschichte, die möglicherweise als ein Spiegelbild der Entwicklungen in Gesamtdeutschland nach der Wende gelten könnte. Doch davon ahnte vor 29 Jahren natürlich noch niemand etwas. An diesem Tag wurde einfach nur gefeiert - und das ist auch gut so.

Quelle: n-tv.de

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