Atlético-Keeper völlig irritiertBarca-Star wittert Betrug nach Drama von Madrid

Der FC Barcelona ist raus aus der Champions League. Zwar macht die Mannschaft von Hansi Flick bei Atlético Madrid lange ein starkes Spiel, nutzt die Chancen aber zu selten. Ein Star gibt danach ein bemerkenswertes Interview.
Der Protagonist des Abends hatte gar nicht mitgespielt und betrat erst nach Schlusspfiff die Bühne. Als der FC Barcelona am späten Dienstagabend aus der Champions League geflogen war, nach einer starken Leistung im Viertelfinal-Rückspiel bei Atlético Madrid (2:1, nach 0:2 im Hinspiel), da bellte Flügelstürmer Raphina schwere Vorwürfe in die Mikrofone der Journalisten. Der verletzte Barça-Star hatte einen Raub gesehen. Dass Atlético weitergekommen sei, schob er weg vom Rasen auf eine höhere Ebene.
"Für mich war das ein geraubtes Spiel! Der Schiedsrichter war sehr schlecht", klagte der 29-Jährige, der seit Wochen wegen einer Oberschenkelverletzung nicht spielen kann. "Die Entscheidungen, die getroffen wurden, sind unglaublich. Der Schiedsrichter hat Atlético bei all den Fouls nicht eine Gelbe Karte gezeigt. Ich will ihre Angst davor, dass Barcelona gewinnt, wirklich mal verstehen." Schon nach dem Hinspiel waren die Katalanen außer sich vor Wut gewesen. Vor allem Trainer Flick. Der hatte sich das Schiri-Team wortreich vorgeknöpft und den deutschen VAR Christian Dingert vernichtet, weil der ein Handspiel im Strafraum einfach ignoriert hatte. "Danke an Deutschland", hatte er da getobt.
Flick verbietet sich den Mund
Dieses Mal wollte sich Flick nicht zu den Unparteiischen äußern, was bei den spanischen Giganten Barca und Real Madrid bisweilen bizarre Auswüchse angenommen hatte. "Ich will nicht darüber reden, weil ich das nicht ändern kann", sagte der deutsche Coach. "Es ist vielleicht gut für euch, wenn ich darüber rede, aber ich will es nicht." Das übernahm dann eben Raphinha. Nun war es indes nicht so, dass Schiedsrichter Clement Turpin in dem heißen Duell mit Karten um sich warf. Auch Barcelona sah nur einmal Gelb, allerdings erneut auch einmal Rot. Wie im Hinspiel wegen einer Notbremse. Vor einer Woche erwischte es Pau Cubarsi, dieses Mal musste Eric Garcia runter. In der 80. Minute. Er hatte Stürmer Alexander Sorlöth auf dem Weg zum Tor als letzter Mann zu Fall gebracht.
Zuvor hatte Barças Gavi Gegenspieler Matteo Ruggeri bei einem Kopfballduell mit dem Ellenbogen im Gesicht getroffen, der Atléti-Verteidiger blutete heftig und musste das Spiel mit einem Turban zu Ende bringen. Gavi sah dafür Gelb.
Dass Raphinha in den Katakomben von Raub sprach, sorgte derweil für große Irritationen bei Atlético. Keeper Juan Musso wollte davon nichts wissen. "Was für ein Raub? Ich respektiere jede Meinung, aber tun wir nicht so, als wäre es ein Raub gewesen. Denn das war es nicht. Im Fußball ist es eine Rote Karte, wenn der letzte Mann foult. Von einem Raub zu reden, ist verrückt."
Musso selbst hatte zuvor mehrfach im Mittelpunkt gestanden. Bereits nach 30 Sekunden entschärfte er einen Schuss von Lamine Yamal mit einer starken Parade. Der Ton für dieses Spiel war früh gesetzt. Flick hatte die Remontada ausgerufen, das Comeback, das er sich schon vor ein paar Wochen in der Copa del Rey gewünscht hatte, das aber nach einer wundersamen Vorstellung im Rückspiel (3:0, nach 0:4) gegen natürlich Atletico knapp an der Umsetzung gescheitert war. Von einem Wunder nun wollte Flick nichts hören. Das hätte etwas Übernatürliches beschworen. Etwas nicht Beeinflussbares. Flick glaubte an die Kraft seiner Spieler. Und die warfen im heißblütigen Metropolitano alles rein. Es war bisweilen atemberaubend, was Barca gegen die Abwehr-Monster von Diego Simeone herspielte. Nach vier Minuten hatte Yamal das 1:0 erzielt, 20 Minuten später traf Ferran Torres.
"El Cholo" schiebt Panik
Das Metropolitano legte sich für Momente schlafen. "El Cholo", der exzentrische Trainer von Atletico, versuchte fast schon panisch, die Nerven seiner Spieler zu beruhigen. Dem 1:0 war ein Fehler von Clement Lenglet vorausgegangen, beim 2:0 wurde Torres nur halbherzig verteidigt. Barcelona platzte beinahe vor Selbstvertrauen. Noch während Simeone, der zum ersten Mal in seiner lange Zeit als Atletico-Coach ein K.-o.-Heimspiel verlor, gestenreich um Ruhe bat, flankte Yamal von der rechten Seite sensationell mit dem Außenrist auf den völlig alleine gelassenen Fermin Lopez, dessen Kopfball von Musso überragend pariert wurde (25.). Mit Folgen. Mussos Stollen landete im Gesicht von Lopez, der blutüberströmt behandelt werden musste.
Während der längeren Pause setzte sich Yamal an der Eckfahne auf den Ball, ein Bild, das in den sozialen Medien um die Welt ging. Es war auch Sinnbild. Denn Barcelona setzte sich nach dem Rausch kurz zur Ruhe - und fing sich das 1:2. Die im Sommer scheidende Klublegende Antonie Griezmann spielte einen brillanten Ball in den Lauf von Marcos Llorente, der perfekt auf Torschütze Ademola Lookman weiterleitete. So einfach war's. Der panische Simeone kämpfte weiter um Ruhe, während das Stadion aus den Angeln zu fliegen drohte. Das Spiel kannte weiter keine Bremsen. Dani Olmo will der 41. Minute einen Elfmeter, Torres scheitert an Musso.
Ich bin dankbar für das, was ich gesehen habe"
"Natürlich sind wir enttäuscht. Die Champions League zu gewinnen, ist ein Traum. Aber wir haben eine fantastische erste Halbzeit gespielt, müssen natürlich mehr Tore machen", befand Flick. "Dann haben wir das zu diesem Moment unerwartete Gegentor kassiert, aber so ist der Fußball." Und so blieb der Fußball. Torres traf noch einmal, stand aber im Abseits. Die schwindelig gespielten Gastgeber bekamen aber immer mehr Kontrolle über das Spiel, sie lieferten plötzlich eine Vintage-Leistung ab. Atlético, wie es einmal war, eine mit allen Wasser gewaschene Abwehrbestie. Und als Sörloth dann los lief und zu Fall kam, da war dieses Spiel entschieden, auch wenn der als Stoßstürmer agierende Verteidiger Ronald Araújo in der 97. Minute für Barça noch eine gute Chance per Kopfball vergab.
Vorwerfen wollte Flick, dessen Hoffnungen auf den Henkelpott aber auch in seiner zweiten Saison als Barca-Coach platzten, seiner Mannschaft aber nichts. "Wir können zwar einiges besser machen, aber die Mentalität, die Einstellung - die Mannschaft hat alles gegeben. Ich bin wirklich dankbar für das, was ich gesehen habe." Dann übernahm Raphinha, erst mit abfälligen Gesten gegen die Fans von Atlético Madrid und dann mit schweren Vorwürfen.