"Eines meiner besten Tore"Harry Kane lässt den FC Bayern staunend zurück

Der FC Bayern lässt nicht nach. Die Mannschaft von Trainer Vincent Kompany strotzt auch in vermeintlich weniger wichtigen Spielen vor Selbstvertrauen und Gier. Vor allem Harry Kane. Der schießt ein Tor, das sein Trainer nicht erklären kann.
Vincent Kompany erlaubte seinen Spielern keine Nachlässigkeit. Obwohl der FC Bayern das Viertelfinale der Champions League schon nach dem Hinspiel gebucht hatte (6:1 in Bergamo), sollte das Rückspiel gegen Atalanta kein Larifari-Zirkus werden. Seine Mannschaft müsse auch für die Fans spielen, die ja für die Tickets bezahlen müssen. Und um keine Zweifel an der Ernsthaftigkeit des Münchner Spiels aufkommen zu lassen, schickte er Torwart Jonas Urbig ins Rennen, statt des 16-jährigen Leonhard Prescott. Und er bot Harry Kane auf, den zuletzt angeschlagenen Superstürmer.
Dass dessen Nominierung für die Startelf immer eine gute Idee ist, hat sich längst herumgesprochen. Doch die Idee altert so gut wie Wein. Der über ein Jahrzehnt lang titellose Gigant aus England möchte auf den vorletzten Metern zur Fußballrente noch so viel Silberware einsammeln wie möglich. Ein Titelhamster, der das Rad immer mehr beschleunigt. Im Rückspiel gegen Bergamo traf er beim 4:1-Sieg erneut doppelt. Einmal per wiederholtem Elfmeter und einmal mit einer unglaublichen Aktion, die selbst seinen Trainer Vincent Kompany staunend zurückließ. "Wieso soll ich das erklären, was er da gemacht hat?", fragte er im Interview bei DAZN. Das Tor stand für sich. Und war "nicht von dieser Welt", wie die Münchner via X in den Social-Media-Kosmos riefen.
"War sicherlich eines meiner besten Tore"
Eigentlich hatte der Superstürmer den Ball gegen Kamaldeen Sulemana und Isak Hien schon mehrfach verloren, setzte aber wieder und wieder nach, legte sich die Kugel dann auf einmal zwischen beiden Gegenspielern hindurch selbst vor, ehe er aus zwölf Metern abzog. Der Ball schlug unhaltbar im linken oberen Eck ein. Der 32-Jährige musste nach diesem außerirdischen Treffer selbst lachen. "Das war sicherlich eines meiner besten Tore. Es war ein Mix aus meinem Skillset", sagte er. Mit solchen Treffern und Leistungen bringt er sich auch im Kandidatenkreis für den Ballon d'Or weit nach vorn. "Das ist zu 100 Prozent ein Spieler, der gerade in einer herausragenden Phase seines Lebens und seiner Karriere ist", schwärmte Kompany.
Lachen kann derzeit nur, wer mit Kane spielt. Und nicht gegen ihn. Niemand scheint in der Lage, ihn zu stoppen. Auch wenn es nahezu unmöglich klingt, der Engländer ist in dieser Saison noch einmal stärker als je zuvor. In 39 Spielen hat er 47 Tore erzielt. In der Bundesliga jagt er den Torrekord von Robert Lewandowski, 41 Treffer, der ja eigentlich für die Ewigkeit in die Geschichtsbücher gemeißelt schien (Saison 2020/21). Kane steht schon bei 30, acht Ligaspiele stehen noch aus. In der Champions League erreichte er mit seinem Doppelpack als erster Engländer überhaupt die 50-Tore-Marke. Allein 28 davon erzielte der Kapitän der Three Lions in nur 34 Einsätzen für den FC Bayern.
"Ich bin so glücklich, wenn er die einfachen Tore schießt. Weil ich glaube, das ist die Konstanz", schwärmte Kompany dann noch über das magische Tor am Mittwochabend. "Aber wenn er das macht… Ja, das ist schon einzigartig. Er ist ganz frisch auch zurückgekommen aus einer Verletzung, und dann sehen wir, wie wichtig er für uns ist."
Der Unterschiedsspieler schlechthin
Besonders wichtig wird Kane für die Ambitionen der Bayern in der Königsklasse. Kane ist der Unterschiedsspieler in der Offensive, in der sich mit Luis Diaz, mit Michael Olise und Jamal Musiala noch weitere herausragende Spieler tummeln. Wenn sie ausfallen, hat Kompany Alternativen. Für Kane gibt es keine, auch wenn Leihspieler Nicolas Jackson durchaus gute Momente hatte. Die größte Investition in der Geschichte des Rekordmeisters hat sich voll ausgezahlt. Dass es mal Zweifel daran gab, ob dieser Deal aufgeht: Das klingt wie eine Erzählung aus einer längst vergessenen Welt. Kane hat bereits 135 Mal für die Bayern gespielt. Er hat in fast jedem Spiel getroffen (132 Mal) und seine Mitspieler reihenweise glänzen lassen (31 Vorlagen). Kane ist längst kein klassischer Mittelstürmer mehr. Er ist Spielmacher, erster Pressingspieler, Verteidiger und ist sich selbst für Grätschen nicht zu schade. Er tut alles für sein Team. Er tut alles für seine Träume.
Die ewig titellose Zeit bei den Tottenham Hotspur hat Kane nur gieriger gemacht. Die erste Meisterschale im vergangenen Sommer war für ihn ein Startschuss, um im Kampf um die höchsten Dekorationen den Turbo einzulegen. Die zweite Meisterschale in dieser Saison ist quasi sicher. Im DFB-Pokal stehen die Münchner im Halbfinale, müssen dort das nicht leichte Auswärtsspiel bei Bayer Leverkusen bestreiten. Aber der große Fokus liegt auf der Champions League, auf dem Henkelpott. Er würde Kanes Karriere krönen. Nächste Station auf dem Weg dorthin: Real Madrid. Zuletzt gab es diesen im Mai 2024 im Halbfinale. Nach einem 2:2 im Halbfinal-Hinspiel zu Hause unterlagen die Thomas-Tuchel-Bayern im Rückspiel in Madrid nach zwei späten Gegentreffern sowie einer umstrittenen Schiedsrichterentscheidung mit 1:2. Kane musste in der Schlussphase angeschlagen raus.