Fußball

Anschlag "galt ja unserem Leben" BVB bekämpft Trauma mit Courage

c83328903b5b048a46074903bd1601ea.jpg

Blick auf die Südtribüne im Dortmunder Stadion.

(Foto: imago/Moritz Müller)

Eine tolle Choreografie, tosender Lärm: Die Stimmung im Dortmunder Stadion ist prächtig - und täuscht. Das BVB-Spiel gegen AS Monaco ist keine normale Partie, das Anschlagstrauma lähmt die Borussia - ehe ihr mit famosem Fußball und viel Courage doch ein erster Schritt zur Traumabewältigung gelingt.

Als das Spiel los ging, war alles wie so oft bei großen Fußballnächten in Dortmund. Wenn das Flutlicht angeht und große europäische Teams vorbeischauen, um sich mit der Borussia in der Champions League zu messen: Eine tolle Choreografie auf der Südtribüne, tosender Lärm, der durch die riesige Betonschüssel tobt, vorher die Hymne "You'll never walk alone" – prächtige Stimmung also.

Bor. Dortmund - AS Monaco 2:3 (0:2)

Tore: 0:1 Mbappe (19.), 0:2 Sven Bender (35. Eigentor), 1:2  Dembele (57.), 1:3 Mbappe (79.), 2:3 Kagawa (84.)

Bes.  Vork.: Fabinho verschießt FE (17.)

Dortmund: Bürki - Ginter, Sokratis, Sven  Bender (46. Sahin) - Piszczek, Kagawa, Weigl, Schmelzer (46.  Pulisic) - Dembele, Guerreiro - Aubameyang. - Trainer: Tuchel  Monaco: Subasic - Toure, Glik, Jemerson, Raggi - Fabinho,  Moutinho - Silva (66. Dirar), Lemar - Falcao (85. Germain), Mbappe. - Trainer: Jardim

Referee: Orsato (Italien) Zus.: 65.849 (av)

Torschüsse: 15:7  Ecken: 7:1
Ballbes.: 65:35% Zweikämpfe: 74:72

Doch der Schein trog. Party und Gala waren nicht angesagt an diesem Abend, der nach den Ereignissen des Dienstags kein normales Fußballspiel zuließ. Der schlimme Anschlag auf das Team, drei explodierende Sprengsätze, splitternde Scheiben im Mannschaftsbus und die Verletzung von Marc Bartra - das alles summierte sich zu einem Trauma, das den nahtlosen Übergang in den Alltag unmöglich erscheinen ließ.

Das wurde augenscheinlich, als sich die BVB-Fans auf dem Weg in ihr Stadion machten, in dem sie schon so viele unvergessliche Fußballfeste gefeiert haben. Irgendwie fehlte die Leichtigkeit, das gute Gefühl. Stattdessen war die Stimmung gedrückt. Die große Vorfreude mochte sich nicht einstellen vor dem Hinspiel des Champions-League-Viertelfinals gegen den AS Monaco.

Keine Gesänge oder Schlachtrufe

Keine Gesänge oder Schlachtrufe, nicht diese gewohnte irrationale Zuversicht, nach der nur eine Mannschaft gewinnen kann, die Borussia aus Dortmund. Die Blicke waren ernst, die Gespräche gedämpft, und sie kreisten nicht nur um Fußball.

6a28dbfea1286007c405ed9a17c61869.jpg

Die Partie fand unter enormen Sicherheitsvorkehrungen statt.

(Foto: imago/PanoramiC)

In der Stadt und rund um das Stadion war eine ungeheure Polizeipräsenz zu bemerken, die weit über das übliche Maß bei BVB-Heimspielen hinausging. Dutzende Mannschaftswagen mit Blaulicht, Motorradpolizisten, berittene Beamte und viele Ordnungskräfte, die gepanzert und mit Maschinenpistolen bewaffnet Präsenz zeigten. Kein Zweifel, dieses Fußballspiel fand unter besonderen Vorzeichen statt.

Die Begleiterscheinungen waren nach dieser Vorgeschichte alles andere als angenehm. Aber nach übereinstimmender Überzeugung aller Beteiligten war es immer noch besser anzutreten, als das Spiel erneut ausfallen zu lassen - zumindest nach Überzeugung der Beteiligten, die nicht auf dem Rasen stehen mussten. "Wir lassen uns die Faszination des Fußballs nicht kaputt machen von Kriminellen", betonte Bundesinnenminister Thomas De Maizière. Er hatte sich auf den Weg ins Dortmunder Stadion gemacht, um Präsenz zu zeigen.

"Nicht wie ein Champions-League-Feiertag"

d5db77c2aac822ee2b4fc29f806bbad7.jpg

Vereinnahmt von der Politik: BVB-Coach Thomas Tuchel vor Spielbeginn mit Bundesinnenminister Thomas de Maizière.

(Foto: imago/DeFodi)

Das sah BVB-Trainer Thomas Tuchel ein wenig anders. Er hatte seinen Profis freigestellt, zu spielen. Ihnen zugestanden, nicht aufzulaufen. Vor dem Anpfiff kritisierte er die Entscheidung der Uefa, die Begegnung so früh nach den traumatischen Erlebnissen neu anzusetzen: "Wir hätten uns gewünscht, mehr Zeit zu bekommen, das zu verarbeiten. Das hier fühlt sich nicht wie ein Champions-League-Feiertag an."

Die Dortmunder bemühten sich redlich, doch beim unglücklichen 2:3 (0:2) vor 65.849 Zuschauern im ausverkauften Stadion war ihnen in der ersten Halbzeit deutlich anzumerken: Zur Tagesordnung übergehen, das geht nicht so einfach. Die Mannschaft stand trotz der bedingungslosen Unterstützung der Fans eine Halbzeit lang kollektiv neben sich, erst nach dem Seitenwechsel fand sie ihre Form. "Heute hier zu spielen, hat viel Courage gefordert", sagte Trainer Thomas Tuchel, "die haben wir gezeigt." Mittelfeldakteur Julian Weigl ergänzte: "Es war extrem schwierig für uns, aber es bestand ja keine andere Möglichkeit."

Der BVB war mit der Hoffnung ins Spiel gewankt, dass der Schock nach dem heimtückischen Anschlag am Tag zuvor die Akteure nicht in erster Linie lähmen würde, sondern dass die Wut zusätzliche Kräfte freisetzt. So formulierte es Dortmunds Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke, nachdem er am Mittwochvormittag die Mannschaft besucht und in der Kabine zu ihr gesprochen hatte. "Ich habe appelliert, der Gesellschaft zu zeigen, dass wir vor dem Terror nicht einknicken", sagte der 57-Jährige. Und weiter: "Dies ist vielleicht die schwierigste Situation, die wir in den vergangenen Jahrzehnten hatten."

Spielen heute nicht nur für uns

Nun gelte es, einem Auftrag nachzukommen, der weit über die Grenzen der Stadt hinausreiche: "Wir spielen heute nicht nur für uns. Wir spielen für alle. Egal, ob Borusse, Bayer oder Schalker. Wir wollen zeigen, dass Terror und Hass unser Handeln niemals bestimmen dürfen."

Das war eine löbliche Intention, aber wie sollte eine Mannschaft umsetzen, in der teilweise Teenager auflaufen, die mit den traumatischen Erlebnissen und Bildern vom Abend davor zurechtkommen mussten. BVB-Präsident Reinhard Rauball sprach von einer "scheußlichen Sache, es ist ja eine neue Erfahrung, vor dem eigenen Wohnzimmer attackiert zu werden. Das hat hier in Dortmund alle mitgenommen."

Der Jurist baute auf die mitreißende Kraft des Dortmunder Anhangs. Er sei sich sicher, "dass die Fans den ganzen Tag über die Vorkommnisse diskutieren werden", sagte Rauball: "Aber abends beim Spiel werden sie der Mannschaft eine fantastische Kulisse bereiten. Das sagt mir mein Gefühl."

"Die Verarbeitung ist nicht damit getan"

Der Präsident kennt seinen Verein, Choreografie und Stimmung vor Spielbeginn waren phänomenal. Doch das übertrug sich nicht wie erhofft auf ein Team, das in der ersten Halbzeit gehemmt wirkte und zudem Pech bei Monacos Abseitstor und dem Eigentor von Sven Bender hatte. Es wirkte eher, als hätten die BVB-Bosse die ohnehin kaum erträgliche Situation für ihre psychisch angeschlagenen Spieler und Trainer Tuchel durch die unbeholfene Überhöhung des Spiels unfreiwillig noch weiter erschwert.

"Es war kein schöner Tag heute. Wir dürfen nicht vergessen, dass wir alle Menschen sind", sagte Dortmunds Nuri Sahin nach dem Spiel mit gläsernen Augen im Bezahlsender Sky: "Aber die zweite Halbzeit war überragend, und das zweite Tor ist Gold wert." Denn da schaffte es der BVB, sich freizuspielen, dominierte Monaco, brillierte und triumphierte. Nicht dabei, das Spiel zu drehen. Aber dabei, das Trauma zumindest für 45 Minuten abzuschütteln.

Doch Tuchel weiß genau, dass es nicht so leicht wird, die Dinge endgültig hinter sich zu lassen und wieder unbeschwert Fußball zu spielen. "Die Verarbeitung ist nicht damit getan, dass wir hier heute Abend ein Spiel absolviert haben. Das Spiel war Ablenkung, der Prozess geht jetzt weiter, die Gedanken kreisen weiter", sagte Tuchel mit ernster Miene bei einer beeindruckenden Pressekonferenz: "Dieser Anschlag steckt uns allen in den Knochen. Er galt ja unserem Leben."

Wenige Minuten zuvor hatte die Mannschaft noch auf dem Rasen vor der Südtribüne gestanden. "Der BVB wird niemals untergehen", sangen die unermüdlichen Fans. Die Spieler hatten Tränen in den Augen.

Quelle: ntv.de