Fußball

Mit Herzblut und Leidenschaft BVB feiert ein "4:0, verkleidet als 1:0"

Dortmund, Germany 04.02.2017, 1. Bundesliga 19. Spieltag, BV Borussia Dortmund - RB Leipzig, Trainer Thomas Tuchel (BVB) und Pierre-Emerick Aubameyang (BVB) jubeln nach dem 1:0 sieg ( DeFodi001

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Männer, die Gefühler zeigen: So emotional hatte man Tuchel in Dortmund noch nicht gesehen.

(Foto: imago/DeFodi)

Borussia Dortmund feiert sich nach dem zum Prestigekampf Tradition gegen Emporkömmling hochstilisierte Spitzenspiel gegen RB Leipzig. Die Kehrseite: Wieder einmal zeigen Chaoten ihre hässliche Fratze.

Thomas Tuchel winkte unwirsch ab. Gleich zu Beginn der Unterhaltung hatte ihn der Reporter nach Mario Götze gefragt. Doch für den BVB-Trainer ist das "kein Thema nach dem Spiel, dass wir einen Ersatzspieler rauspicken und darüber reden. Das ist der völlig falsche Zeitpunkt." Viel lieber wollte der Trainer über das Spiel reden und die vielen Emotionen, die es erzeugt hatte.

Mit dieser Einschätzung lag der 43-Jährige völlig richtig, schließlich gab es doch genug zu erzählen über einen Sieg, dem sie in Dortmund das Prädikat "besonders wertvoll" zuordneten. Wer wissen wollte, wie wichtig dieser Erfolg war, der musste seine Augen nur auf den Dortmunder Trainer heften. Nach dem Schlusspfiff sprang Tuchel wie aufgezogen herum, ballte die Fäuste, drückte jeden, dem er habhaft werden konnte und klatschte seine Mitstreiter ab. Schon nach dem Treffer von Pierre-Emerick Aubameyang, der das Spiel entschieden hatte, war der Schwabe wie von Sinnen auf den Rasen des Dortmunder Stadions gerannt. So emotional hatte man den 43-Jährigen noch nicht erlebt, seit er vor eineinhalb Jahren beim BVB angeheuert hat.

Kein Zweifel, dieser Samstagabendkick in Dortmund war keine normale Bundesligapartie, hier ging es um mehr: um den Prestigekampf Tradition gegen Emporkömmling. Am Ende gewann die Borussia ein mitreißendes Spitzenspiel gegen RB Leipzig hochverdient mit 1:0 (1:0).

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Laut Polizei machte die aggressive Stimmung auch vor Familien und Kindern unter den RB-Fans nicht halt.

(Foto: imago/Jan Huebner)

Dieser Schlagabtausch wird in Erinnerung bleiben, weil er mit so viel Herzblut und Leidenschaft geführt wurde. Entsprechend euphorisiert wirkte Tuchel nach dem für ihn und den ganzen Verein so wichtigen Erfolgserlebnis: "Super Spiel, tolle Energie, auf hohem Niveau verteidigt, überragend umgeschaltet, leider den Deckel nicht drauf gemacht." Alles in allem fühle sich diese Vorstellung an "wie ein 4:0, verkleidet als 1:0".

Dortmund hat ein Mentalitätsproblem

Tatsächlich bot der Revierklub alles, was ein echtes Spitzenteam auszeichnet. Wenn man den fahrlässigen Umgang mit besten Tormöglichkeiten einmal außen vor lässt. Allein Marco Reus hätte sich in die Geschichtsbücher schießen können, vergab jedoch gleich drei Großchancen. "Die muss ich alle machen", sagte der Nationalspieler, "dann müssen wir über Abseits nicht mehr reden". Reus spielte auf jene Szene in der Nachspielzeit an, als der eingewechselte Federico Palacios wenige Zentimeter zu weit vorne stand stand, weshalb sein Ausgleichstreffer keine Anerkennung fand.

So durfte das Revier feiern, wieder einmal hatte Tuchel in einem Spitzenspiel die richtigen Strippen gezogen, um sein Team zu einer Topleistung zu pushen. Und das in Abwesenheit der Weltmeister Mario Götze und André Schürrle, die 90 Minuten auf der Bank saßen. Allerdings zeigte der fulminante Schlagabtausch mit Leipzig auch, dass diese Dortmunder Mannschaft ein Mentalitätsproblem hat. Während gegen hochkarätige Gegner wie Bayern München, Real Madrid oder RB Leipzig mitreißende Darbietungen möglich sind, fällt der Ligaalltag wie zuletzt bei den seltsam blutleeren Auftritten in Bremen und Mainz deutlich schwerer.

Gedanken über die Einstellung muss sich Tuchels Kollege Ralph Hasenhüttl keine machen. In Abwesenheit von so wichtigen Stammkräften wie den erkrankten Timo Werner, Guido Demme und Marcel Sabitzer sowie des gesperrten Emil Forsberg leistete der Aufsteiger bemerkenswert viel Gegenwehr. Hasenhüttl sprach seinem dezimierten Team ein "Riesen-Kompliment" aus: "So gebeutelt, wie wir heute waren, bin ich sehr stolz, wie sich die Mannschaft präsentiert hat."

"Extreme Aggressivität und Gewaltbereitschaft"

Tatsächlich hinterlässt RB Leipzig einen solch gefestigten Eindruck, dass es niemanden überraschen kann, sollten die Überflieger aus dem Stehgreif bis in die Champions League durchstarten. "Ich glaube nicht", so Hasenhüttl, "dass eine Niederlage in Dortmund diese Mannschaft aus der Bahn wirft."

Jubel in Dortmund, nicht die Spur von Niedergeschlagenheit im Lager der Leipziger: Es hätte ein rundum gelungener Fußballabend im Ruhrgebiet sein können, wären da nicht diese hässlichen Begleiterscheinungen gewesen. Wie aufgeheizt die Atmosphäre war, konnten die Besucher bereits auf dem Weg ins Stadion erleben: "Red Bull? Verpisst Euch! Der Fußball gehört uns!", war auf Plakaten zu lesen. Auch auf der Südtribüne machten sie aus ihrer Abneigung gegenüber dem verächtlich genannten "Brauseklub" keinen Hehl: "Für den Volkssport Fußball - gegen die, die ihn zerstören", stand da, dazu noch eine Reihe von geschmacklosen und beleidigenden Bannern.

Leipziger Fans berichteten, sie seien mit Steinen und Dosen beworfen worden, zudem habe es antisemitische Schmähungen gegeben. Die Dortmunder Polizei bestätigte das und sprach von "einer extremen Aggressivität und Gewaltbereitschaft der Dortmunder Anhängerschaft gegenüber den Gästen". Diese richtete sich "gegen jede als Leipzigfan erkennbare Person, egal, ob es sich um kleine Kinder, Frauen oder Familien handelte". Schlimme Szenen spielten sich ab, die Polizei verkündete "insgesamt 28 Strafanzeigen wegen Verstößen gegen das Sprengstoffgesetz, Körperverletzung, gefährlicher Körperverletzung, Landfriedensbruch, Sachbeschädigung, Beleidigung, Widerstand sowie räuberischen Diebstahls".

Bei Borussia Dortmund, wo sie ihren Markenclaim "Echte Liebe" mit Stolz vor sich hertragen und sich vor jedem Heimspiel der "besten Fans der Welt" rühmen, haben sie ein massives Problem. Beim börsennotierten Klub müssen sie sich damit beschäftigen, dass sich Teile ihrer Anhängerschaft - wieder einmal - derbe danebenbenommen hat. "Wenn das so ist", sagte Tuchel, als er mit den Ausschreitungen konfrontiert wurde, „trübt das den Erfolg natürlich."

Update: Borussia Dortmund hat inzwischen eine Stellungnahme herausgegeben, in der sich der Verein von den Vorfällen distanziert. "Borussia Dortmund bedauert zutiefst, dass es zu Ausschreitungen auf dem Anreiseweg der Fans aus Leipzig gekommen ist. Der BVB verurteilt diese Gewalt auf das Schärfste! Der BVB wird die Vorkommnisse gemeinsam mit der Polizei aufarbeiten und daher zum jetzigen Zeitpunkt keine weitere Stellung abgeben. Wir wünschen den verletzten Fans aus Leipzig auf diesem Wege gute Besserung."

Quelle: ntv.de