Fußball

Überraschend passiv gegen Bayer BVB siegt mit eigenartiger Taktik und Alcácer

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Zurück in der Erfolgsspur. BVB-Kapitän Marco Reus und seine Kollegen.

(Foto: imago images / Nordphoto)

Die Peinlichkeit bei Union Berlin kontert Borussia Dortmund am 4. Spieltag der Bundesliga mit einem deutlichen Sieg gegen Bayer Leverkusen. Das Spiel des BVB ist allerdings überraschend ungewöhnlich - und funktioniert auch nur teilweise.

Wer noch nicht mitbekommen hatte, dass die Bundesliga-Begegnung zwischen Borussia Dortmund und Bayer Leverkusen für Julian Brandt genau das erfüllte, was Branchenkenner als ein "besonderes Spiel" bezeichnen, der musste nur genau hinschauen, als der Fußball-Nationalspieler in der 61. Minute den Rasen des Dortmunder Stadions verließ. Er machte erst Platz für Thorgan Hazard und marschierte dann an der Nordtribüne vorbei, wo er von den Leverkusener Fans ausgepfiffen und als "Judas" beschimpft wurde. Hinter der Eckfahne wurde es schließlich schlagartig wesentlich besser, da brandete warmer Applaus für den Profi auf, der seit diesem Sommer die Farben schwarz und gelb trägt. Nach Spielschluss auf diese Szene angesprochen, antwortete Brandt mit einem Lächeln und sagte, das Wiedersehen habe "Spaß gemacht. Auch wenn wir in der ersten Halbzeit meistens hinterhergelaufen sind".

Das war in jeder Hinsicht fein beobachtet: Natürlich verbreitet ein deutlicher 4:0-Erfolg bei herrlichem Spätsommerwetter vor heimischer Kulisse viel Freude. Ebenso treffend war allerdings auch die Analyse der Geschehnisse vor dem Seitenwechsel. Der selbst ernannte Meisterschaftsanwärter irrlichterte an diesem 4. Spieltag über den Rasen des heimischen Stadions auf der Suche nach etwas, was auch nur im entferntesten nach dem aussah, was man als Spielidee bezeichnen könnte. Immerhin: Am Ende gab es den vierten Dortmunder Sieg gegen die Werkself in Folge - ein Novum in der Geschichte der Bundesliga.

Nach dem Schlusspfiff konnte Brandt nonchalant darüber reden, dass die zuvor erlebten 90 Minuten "genau die richtige Reaktion auf die letzten zwei Wochen" gewesen seien. Der Mittelfeldspieler sprach das an, was auf die Dortmunder nach der peinlichen Schlappe bei Union Berlin eingeprasselt war.

Sehr, sehr wenig Ballbesitz

Borussia Dortmund - Bayer Leverkusen 4:0 (1:0)

Tore: 1:0 Paco Alcacer (28.), 2:0 Reus (50.), 3:0 Guerreiro (83.), 4:0 Reus (90.)
Dortmund:
Bürki - Hakimi, Akanji, Hummels,  Guerreiro - Witsel (78. Weigl), Delaney - Sancho, Reus, Brandt (61.  Hazard) - Paco Alcacer (79. Brunn Larsen); Trainer: Favre.
Leverkusen: Hradecky - Lars Bender, Tah, Sven Bender, Wendell -  Baumgartlinger, Aranguiz (78. Alario) - Havertz, Amiri (46. Bailey)  - Bellarabi (73. Diaby), Volland; Trainer: Bosz
Schiedsrichter: Siebert (Berlin)
Zuschauer: 81.365 (ausverkauft)

Es war deutlich zu sehen, dass dieses Erlebnis Spuren hinterlassen hatte. Erst nach einer halben Stunde drehten sich die Dinge für die Gastgeber in den positiven Bereich. Flankengeber Achraf Hakimi und Torjäger Paco Alcácer konnten einer bis dato zähen Partie eine positive Wendung geben. Die restlichen Treffer besorgten Doppeltorschütze Marco Reus und Raphael Guerreiro. Dass es so gut ausging, lag auch an Alcácer, der ein Stürmer ist, der sämtliche Dortmunder Träume mit Leben füllt. Der Spanier ist ein Phänomen. In seinen letzten acht Spielen hatte der Stürmer jedes Mal getroffen, die tolle Serie summiert sich inzwischen auf zehn Treffer. "Er ist ein fantastischer Spieler, der definitiv große Qualitäten vor dem Tor hat", lobt der Kollege Brandt.

Dennoch war es trotz des am Ende deutlichen Erfolgs eine schwierige Aufgabe, nach der deprimierenden Niederlage beim Aufsteiger in Berlin wieder Tritt zu fassen. Auch gegen Leverkusen lief nicht alles rund, gerade mal 33 Prozent Ballbesitz, das ist nun wirklich nicht der Fußball, den sich Trainer Lucien Favre auf seine Fahnen geschrieben hat. Der Schweizer propagiert eigentlich einen dominanten Stil, doch gegen die von Dortmunds Ex-Trainer Peter Bosz angeleiteten Leverkusener machte er eine Ausnahme.

Es sei zwar nicht geplant gewesen, gegen den Gegner aus dem Rheinland dermaßen zur Passivität verurteilt zu sein, "aber wir wussten, dass uns das passieren kann". Wichtig sei in solchen Phasen, "dass du ruhig bleibst und darauf wartest, selbst das Spiel zu machen oder zu kontern". Dieser Matchplan - falls es ihn jemals gegeben haben sollte - ging in der zweiten Halbzeit perfekt auf. "Wir haben super verteidigt und vorne die Chancen super effizient genutzt", sagte der starke Mittelfeldakteur Thomas Deslaney.

"Wir haben uns viel Mut angespielt"

Genau diese Herangehensweise könnte eine Blaupause sein für das anstehende Spiel in der Champions League gegen den FC Barcelona. Die weltweit führende Macht des Ballbesitz-Fußballs dürfte das Spielgeschehen ebenso wie die Leverkusener mehr bestimmen als der Herausforderer. Doch das muss nach Lage der Dinge ja nicht unbedingt bedeuten, dass der Sieger feststeht.

Der BVB ist auch ohne das Spielgeschehen zu bestimmen zurück in der Spur. Jetzt wartet am Dienstag Abend beim Heimspiel gegen den großen Klub aus Katalonien ein absolutes Highlight-Spiel. Dortmunds Spieler freuen sich darauf, beim Ausblick fand Brandt eine launige Formulierung: "Wir haben uns viel Mut angespielt." Da man sich als Fußballprofi keinen Mut antrinken darf, scheint das durchaus eine zielführende Maßnahme zu sein. Sein Kollege Deleaney glaubt, "dass wir mit viel Selbstvertrauen ins Spiel gehen. Ein Sieg und vier Tore - das ist die beste Vorbereitung". Trainer Favre sieht die Dinge mit dem ihm eigenen Pragmatismus: "Bei uns hat bislang niemand auch nur eine Sekunde über Barca gesprochen. Kein Wort." Das dürfte sich in den kommenden Tagen fundamental ändern.

Quelle: ntv.de