Fußball

"Pal ist ein kleiner Trainer" Bei Hertha wird es schon wieder komisch

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Hertha BSC im Sommer 2021. Es ist schwierig. Schon wieder.

(Foto: picture alliance/dpa)

Die neue Bundesligasaison ist gerade mal gut zwei Wochen alt, da bietet Hertha BSC schon wieder ein ganz trauriges Schauspiel. oder ein unterhaltsames, je nach Sichtweise. Der Trainer mischt mit zwei denkwürdigen Monologen mit, die Führung spinnt den Plot weiter.

Nein, "es ist gerade nicht so schön, Herthaner zu sein". Das hatte Trainer Pal Dardai nach dem 0:5-Debakel gegen den FC Bayern München treffend analysiert. Die deutliche Pleite hatte den Fehlstart mit drei Niederlagen perfekt gemacht. Nach dem Spiel startete der Coach eine böse Abrechnung mit seiner völlig herz- und wehrlos aufgetretenen Truppe, "schockierend" sei das Spiel und das Auftreten seiner Mannschaft gewesen. Man konnte Mitleid bekommen, wie der redliche Dardai, Hertha-Klublegende und Immer-mal-wieder-Notnagel, da bei der Pressekonferenz saß. Der Ungar gab sich gar keine große Mühe mehr, das Spiel inhaltlich zu analysieren. Man kann nun auch Mitleid bekommen mit den Fans des "Big City Clubs", als den Großinvestor Lars Windhorst den seit Jahren darbenden Bundesligisten platzieren möchte. Denn zu der Pleitenserie kommt nun auch wieder das Chaos, der dauerambitionierte, mit Hunderten Investorenmillionen gepamperte Klub gibt rund um die Bayern-Pleite ein desolates Bild ab.

Da ist Dardais Monolog vom Samstagabend. "Ich habe das nicht geahnt, dass wir hierherkommen und so schockierend spielen, mit Ball und gegen den Ball. Die Art und Weise ist schockierend", sagte Dardai. Er vermisste in der Allianz Arena Führungsqualität und auch eine gute Körpersprache auf dem Platz. "Vielleicht habe ich das Spiel unterschätzt. Ich dachte, wir fahren zum FC Bayern, da können wir richtig leidenschaftlich Top oder Flop spielen. Das war nicht der Fall." Schon die "Halbzeitanalyse hat mich etwas erschreckt, die ersten beiden Niederlagen hat die Mannschaft scheinbar nicht verkraftet."

"Psychologie ist mir zu einfach"

Am Ende eines bitteren Spiels verzichtete Dardai, der den Klub in der vergangenen Saison vor dem Abstieg gerettet hatte, seinerseits darauf, allzu intensiv ins Spielgeschehen eingreifen zu wollen. "Was soll ich machen? Soll ich die Spieler beleidigen?", fragte er und gab die Antwort selbst. Nein, "lass sie in Ruhe, sie wollen das Spiel auch nur zu Ende bringen. Jeder soll zu seiner Familie gehen, das Spiel schön abhaken. Es bringt uns nicht weiter, uns damit zu beschäftigen." Es gebe nach diesem Spiel schlicht sportlich nichts zu analysieren.

Das Nachspiel aber wurde schnell angepfiffen - und es ist dann ganz großes Theater. Sportdirektor Arne Friedrich versicherte der aufgeregten Anhängerschaft, man werde "die Länderspielpause nutzen, uns neu ausrichten und die richtigen Erkenntnisse ziehen! Was wir heute abgeliefert haben, darf und wird sich nicht wiederholen!" Via Twitter, über den eigenen Kanal, nicht als Reaktion des Klubs. Geldgeber Windhorst, seit wenigen Wochen selbst auf der Plattform unterwegs, reagierte umgehend: "Danke für die klaren Worte, @arnefriedrich", schrieb der CEO von Investor Tennor. "Stimme dir uneingeschränkt zu."

375 Millionen Euro hat Tennor seit dem Einstieg 2019 in den Klub gesteckt - und dafür Jürgen Klinsmann, Abstiegskampf und viele, viele schlimme Schlagzeilen als Rendite erhalten. "Wir wollten leidenschaftlich auftreten und alles rausholen, das haben wir nicht getan. Die Körpersprache, das Coaching untereinander - das hat gar nicht funktioniert." Mit Blick auf die überaus komplizierten beiden Vorjahre und den verpatzten Start in die neue Saison sagte der Ungar: "Wir sind psychologisch nicht in der besten Lage."

"Über die Leistung werden wir noch sprechen"

Geschäftsführer Carsten Schmidt wollte seinen Trainer mit dieser verkürzten Analyse des Spiels nicht so einfach davonkommen lassen - und eröffnete am Morgen den nächsten Akt des hausgemachten Hertha-Dramas. Natürlich auf großer Bühne im "Stahlwerk Doppelpass" von Sport1. "Ich finde, dass wir gegen Wolfsburg und Köln nicht in der Psychologie die Defizite hatten, sondern teilweise in der Taktik und teilweise auch in der Bereitschaft. Und gestern waren wir hoffnungslos unterlegen. Ich mach' mir mehr Gedanken über die nicht gewonnenen Spiele davor als über das 0:5 gestern", sagte Schmidt. "Über die Leistung werden wir natürlich noch sprechen, die ist nicht akzeptabel. Aber Psychologie ist mir zu einfach."

Immerhin gab es nach dieser kaum chiffrierten Kritik an Dardai, der den Klub in der Vorsaison vor dem Abstieg gerettet hatte, noch eine kleine verbale Nettigkeit in Richtung des Trainers: "Pal hat unser Vertrauen in dieser Phase absolut erarbeitet und wir haben auch das Vertrauen, dass er genau das, was wir jetzt brauchen, nämlich das "Gemeinsam Hertha" jetzt schafft." Schmidt machte auch deutlich, dass die Ziele für diese Saison unverändert bleiben. "Ich sehe keine Schadensbegrenzung, sondern wie wir ausgegeben haben: Diese Saison wollen wir einen Schritt machen, um eine stabile Saison zu spielen", sagte Schmidt. Man müsse aber "sportlichen Erfolg im September einleiten".

Dardai wiederum hatte kurz zuvor in einer Medienrunde bereits deutlich gemacht, wie er selbst seine Situation im Klub sieht. In einem bemerkenswerten Monolog erklärte Dardai ganz offen: "Wahrscheinlich sucht Hertha BSC seit langem einen großen Trainer. Pal ist ein kleiner Trainer, ein netter Trainer, er hilft aus so lange wie es sein soll. Wenn ein ganz großer Trainer hier ist, geht Pal sofort zurück zur U16 und macht seine Sache wie früher", sagte Dardai nach dem Fehlstart mit null Punkten aus drei Spielen. Nein, er wolle "hier keine Last sein."

Am Ende moderierte der ehemalige Profi, der mit kurzen Unterbrechungen seit gut 24 Jahren in unterschiedlichen Funktionen für den Verein tätig ist, seinen Rauswurf als Trainer der Bundesliga-Mannschaft beinahe schon an: "Ich bin hier für dieses Jahr, so lange das sein soll: ob das nächste Woche ist oder für einen Monat - ich hänge nicht an meinem Sitz. Ich habe keinen Druck. Ich will nicht Trainer werden in irgendeinem Bundesliga-Verein, ich brauche keinen Hubschrauber für mich. Ich lebe sehr schön in Berlin, habe in Westend eine richtig gute Wohngemeinschaft. Wenn es nicht schön für die Fans ist, dann ist Pal weg - ist nicht schlimm." Und an die Adresse seines Teams sagte er: "Bis zu einer Grenze kann ich die Mannschaft schützen. Dann kommt die Grenze, dann nicht mehr."

"... dann haben wir ein Problem"

Dardai hatte sich nach dem mit knapper Not geschafften Klassenerhalt von dem von Windhorst geprägten Begriff des Big City Clubs distanziert. Und erinnert in einer Mischung aus Vernunft und Fatalismus an die sportlichen Realitäten: "Ich habe letzte Saison gesagt, ich mach' das nicht, weil es unmöglich ist, diese Mannschaft zu retten. Dann haben sie mich überredet, dann hab' ich es gemacht. Und es war genau so, wie ich es gesagt habe." Der Klassenerhalt sei "ein halbes Wunder" gewesen. Jetzt "haben wir wieder aus dem Nichts Träume", so Dardai. "Wenn wir sagen, dass diese Mannschaft ein Champions-League- oder Europa-League-Aspirant ist, haben wir ein Problem." Und weiter: "Ich will jedes Spiel gewinnen. Aber wenn einer die Realität nicht versteht, dann haben wir Probleme. Die Realität und die Wünsche - das ist bei Hertha so weit auseinander."

Im Sommer hatte man Fredi Bobic von Eintracht Frankfurt losgeeist, nun muss der am Main so unheimlich erfolgreiche Macher auch in der Haupstadt als Sportchef Farbe bekennen müssen. Längst ist klar, das Festhalten an Dardai für diese Saison begründete sich eher mit strategischen Zwängen denn mit einer Grundüberzeugung an dessen Qualitäten. "Pal hat es in der schwierigen Zeit sehr gut gemacht. Es wäre einfach gewesen, einen neuen Trainer zu holen. Aber wie viele Neustarts hat Hertha eigentlich schon gehabt", sagte Bobic nach der 1:2-Pleite gegen Wolfsburg am 2. Spieltag. Man muss heute, nur eine Woche später, fast schmunzeln, wie es dann weiterging: "Ein Neustart bedeutet immer wieder Unruhe."

Stabilität und Wir-Gefühl sollten stattdessen dauerhaft Einzug halten. Schmidt sprach heute vom "Quarantäne-Modus", den es wieder brauche. Nach Corona-Fällen hatte die Hertha sich im Saison-Schlussspurt mit Dardai als Leithammel endlich als kämpfende Einheit präsentiert. Das Gegenteil von dem, was die Truppe derzeit darstellt.

Nun ist Länderspielpause, es gibt viel zu tun und viele reden mit. Dardai, in Doppelrolle als beleidigte Leberwurst und Ehrenmann, Friedrich, als Stichwortgeber für Windhorst, der offiziell nicht entscheidungsinteressierte Großgeldgeber, Schmidt als dessen Statthalter. Alle treffen sich auf der offenen Bühne. Ein sportliches Drama inmitten einer traurigen sportlichen Realität. Nach der Pause muss Hertha gegen die beiden Aufsteiger VfL Bochum und Greuther Fürth ran.

Quelle: ntv.de, ter/dpa

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