Fußball

"Komplett dumm angestellt" Beim BVB stellt sich die Mentalitätsfrage

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Mats Hummels erwischte bei Union Berlin keinen guten Tag. Das galt aber auch für die meisten seiner Kollegen.

(Foto: imago images / Bernd König)

Borussia Dortmunds Trainer Lucien Favre will weder Mannschaftsteile, noch einzelne Spieler kritisieren. Seine Profis wissen nach der Pleite beim Liga-Neuling 1. FC Union Berlin auch so: Allein mit Qualität gewinnt man keine Spiele. Und erst recht nicht die Meisterschaft.

Inmitten der Jubelgesänge der Eisernen suchten die überraschend geschlagenen BVB-Profis und Trainer nach Erklärungen. Schönreden war nicht angesagt nach dem völlig überraschenden 1:3 (1:1) des vor allem auch selbst ernannten Titelkandidaten Borussia Dortmund beim Neuling 1. FC Union Berlin. "Wir haben uns im gesamten Spiel einfach komplett dumm angestellt", betonte Kapitän Marco Reus: "Wir glauben manchmal, dass man allein mit unserer Qualität solche Spiele gewinnen kann. Das muss aufhören!" Und Nationalspieler Julian Brandt ergänzte: "Wir haben nicht unser bestes Spiel gemacht. Du hast gemerkt, dass die Berliner heute einen größeren Willen hatten."

Union Berlin - Borussia Dortmund 3:1 (1:1)

Tore: 1:0 Bülter (22.), 1:1 Paco Alcacer (25.), 2:1 Bülter (50.), 3:1 Andersson (75.)
Berlin:
Gikiewicz - Trimmel, Subotic, Friedrich,  Lenz - Schmiedebach (62. Gentner), Andrich - Becker, Bülter (76.  Mees) - Ujah (80. Kroos), Andersson. - Trainer: Fischer. 
Dortmund: Bürki - Piszczek, Akanji, Hummels, Hakimi - Weigl (76.  Guerreiro), Delaney (46. Dahoud) - Brandt (85. Bruun Larsen), Reus, Sancho - Paco Alcacer. - Trainer: Favre.
Schiedsrichter: Brych (München)
Zuschauer: 22.467 (ausverkauft)

Schon am dritten Spieltag der Fußball-Bundesliga wird der Meisterschaftskampf für die Dortmunder zur Mentalitätsfrage. Man könne nie ganz genau in die Köpfe reinschauen, entgegnete Lizenzspieler-Leiter Sebastian Kehl auf die Frage, ob manche Akteure gegen einen vermeintlich schwächeren Gegner nicht voll dabei seien. Nicht zu vergessen: Auch bei den vorherigen Siegen gegen den FC Augsburg und den 1. FC Köln waren die Dortmunder jeweils in Rückstand geraten.

"Für Union war es wie für Köln vergangene Woche ein Highlight-Spiel. Aber das wird uns diese Saison öfter erwarten", prophezeite Kehl, das sei aber auch schon im vergangenen Jahr so gewesen und dürfe keine große Überraschung sein. "Wir müssen auch in solche Spiele mit der 100 Prozent richtigen Einstellung gehen. Ansonsten wird man auch mit der Qualität, die wir haben, den Unterschied nicht sehen." Die drei Punkte, die man in Berlin liegenlassen habe, täten sehr weh. Er habe gedacht, die Mannschaft sei einen Schritt weiter.

"Das war einfach viel zu wenig"

Nicht Reus, nicht Brandt, der bei seinem ersten Startelfeinsatz in der ersten Halbzeit dennoch einer der Antreiber im Dortmunder Spiel war, entschieden die Partie. Es war Marius Bülter, der bis vor etwas über einem Jahr noch in der Regionalliga West beim SV Rödinghausen kickte. Mit seinem Doppelpack in der 22. und 50. Minute brachte er die Gastgeber zweimal in Führung. Zwischenzeitlich hatte Paco Alcacer (25.) für den BVB ausgeglichen. Endgültig gelaufen war das Spiel aus Dortmunder Sicht, als Sebastian Andersson in der 75. Minute zum 3:1 traf. Selbst eine siebenminütige Nachspielzeit brachte dem BVB nichts, es fehlte ein Aufbäumen, es fehlte die Entschlossenheit, und auch Konzentration und Genauigkeit.

Vorfälle beim Union-Spiel

Das Spiel in Berlin wurde von einer Auseinandersetzung zwischen BVB- und Union-Fans sowie der Polizei in der ersten Halbzeit überschattet. Die Polizei setzte laut Augenzeugen Pfefferspray ein, was Panik ausgelöst haben soll. Die "Fanhilfe Dortmund" sprach von "skandalösen Vorfällen". Auslöser der Tumulte sollen Union-Fans gewesen sein, die für eine Choreo vor dem Anpfiff aufs Stadiondach durften und von dort oben angeblich die Gäste-Fans provozierten.

Kurzum, "unterm Strich war das einfach viel zu wenig", meinte Nationalspieler Julian Weigl. Selbst wenn in Axel Witsel und Thorgan Hazard zwei Spitzenkräfte fehlten. "Ich habe keine große Angst, aber wir werden alles ansprechen und analysieren", betonte Weigl. Deutlich wurde, dass es überall haperte. Favre wollte aber weder einen Mannschaftsteil noch einzelne Spieler rauspicken. "Es ist nicht die Zeit über Abwehr, Mittelfeld, Stürmer oder individuelle Spieler zu reden", betonte der Schweizer.

Er mahnte öffentlich bloß die fehlende Geduld seiner Mannschaft an, die auf die besondere Atmosphäre im Stadion An der Alten Försterei ebenso wie auf die athletisch-kämpferische Spielweise des Liga-Neulings nach Angaben der Verantwortlichen auch vorbereitet gewesen war. Dennoch reichte es nicht, der BVB verpasste einen möglichen Startrekord und den Sprung zurück an die Tabellenspitze. "Wir müssen einfach die Tugenden an den Tag legen, die uns letzte Saison noch ausgezeichnet haben. Das sind Wille und Leidenschaft - und danach kommt das Spielerische", betonte Reus.

Quelle: ntv.de, tno/dpa