Fußball

Circus Maximus bei RB Leipzig Bestimmt Red Bull, wie gespielt wird?

imago36558599h.jpg

Wer die Kapelle bezahlt, bestimmt die Musik.

(Foto: imago/Picture Point)

Die Fußball-Europaliga hat ihr Red-Bull-Duell. Leipzig spielt gegen Salzburg. Eine Stallorder wie in der Formel 1 gibt's offiziell nicht, die Klubs sind angeblich unabhängig. Oder um mit der Uefa zu sprechen: "Es gibt nicht genügend Beweise."

Ob sich Dietrich Mateschitz das Duell in der Fußball-Europaliga an diesem Donnerstag (ab 21 Uhr im Liveticker bei n-tv.de) zwischen den von ihm aus der Taufe gehobenen Klubs RB Leipzig und FC Salzburg - so muss sich Red Bull Salzburg international nennen - im Stadion anschauen wird, ist noch unklar. Man gehe davon aus, dass der Investor nicht kommt, heißt es in Leipzig. Doch Mateschitz schwebt zu seinen seltenen Besuchen gerne spontan mit dem Privatjet ein. Vor dem ersten Pflichtspiel der Red-Bull-Klubs hatte der 74 Jahre alte Gründer des Getränke- und Marketingimperiums der "Sport-Bild" gesagt: "Der Bessere soll bei den beiden Spielen gewinnen." Ganz nach Art der römischen Kaiser. Circus Maximus im Leipziger Stadion.

imago33919600h.jpg

Vielleicht kommt er nicht nach Leipzig, weil er nicht weiß, welchen Schal er dann tragen soll: Dietrich Mateschitz.

(Foto: imago/Eibner)

Dass beide Klubs überhaupt für den Europapokal lizenziert werden und nun gegeneinander antreten dürfen, stand im Sommer 2017 auf der Kippe. José Narciso da Cunha Rodrigues, Chefermittler der Finanzkontrollkammer des europäischen Verbandes Uefa, hatte erhebliche Zweifel daran, dass die Integrität des Wettbewerbs gewahrt bliebe, wenn beide Klubs lizenziert würden. Eine Stallorder wie in der Formel 1 ist im Fußball nicht vorgesehen. "Maßgeblicher Einfluss" einer Person oder Firma auf zwei Klubs beziehungsweise Einflussnahme eines Vereins auf den anderen sind laut Uefa-Reglement verboten.

Und so beanstandete der ehemalige portugiesiche Generalstaatsanwalt und Richter am Europäischen Gerichtshof auf Grundlage eines Compliance Reports der Wirtschaftsprüfer von Pricewaterhouse Coopers viele Unregelmäßigkeiten: unter anderem, dass beide Klubs ein "ungewöhnlich hohes Einkommen über Sponsorenverträge" erzielten und Red Bull den "Zugang zur ordentlichen Mitgliedschaft des Vereins FC Red Bull Salzburg" kontrolliere. Cunha Rodrigues lud Leipziger und Salzburger samt Juristen ein, um zu prüfen, ob Geldgeber Red Bull maßgeblichen Einfluss auf beide Klubs ausübe; oder ob die Vereine unabhängig genug sind, um beide zugelassen zu werden.

"Nicht genügend Beweise"

An jenem 16. Juni 2017 legten die Salzburger dar, dass sie Kooperationsvereinbarungen mit RB Leipzig ebenso beendet hätten wie Darlehensverträge mit Red Bull; dass Red Bull auf das Recht verzichtet, den Vorstand zu bestellen und abzuberufen; dass Personen, die beide Klubs und den Getränkeriesen verbanden, ihre Ämter geräumt haben. Rudolf Theierl, langjähriger leitender Red-Bull-Mitarbeiter und nach wie vor stimmberechtigtes Mitglied bei RB Leipzig, war im Frühjahr 2017 als Salzburger Vereinsvorstand ebenso zurückgetreten wie Leipzigs Klubboss Oliver Mintzlaff als gesamtverantwortlicher für alle Red-Bull-Fußball-Standorte.

So gelangte Ermittler Cunha Rodrigues "zu dem Schluss, dass im vorliegenden Fall nicht genügend Beweise vorliegen, um den Schluss zu rechtfertigen, dass einer der Klubs einen entscheidenden Einfluss ausübt". Auf dem Papier ist Salzburg nun ebenso unabhängig von Red Bull, das "nur" noch als Sponsor fungiert, wie von Bruderklub RB Leipzig, bei dem das Unternehmen 99 Prozent an der Spielbetriebs GmbH hält. "Entflochten" nennen sie das in der Red-Bull-Welt, als ginge es um Mädchenzöpfe oder das Korbmacher-Handwerk.

Und tatsächlich hat sich der finanzielle Einfluss Mateschitz’ bei Salzburg verringert, da sich der Etat von geschätzten 40 bis 50 Millionen Euro aufgrund der Einnahmen aus Europapokal, Transfers und anderen Sponsoren zu einem Großteil selbst trägt. Allerdings bestehen noch immer enge Bande zwischen Weltkonzern und Verein. Die vermeintlich unabhängigen Vereinsvorstände sind allesamt Mateschitz-Vertraute und mit Red Bull geschäftlich verbunden.

"Weil Red Bull eh die halbe Stadt gehört"

Franz Rauch ist Seniorchef einer Fruchtsaftfabrik, die der weltweit einzige Lohnabfüller für Red-Bull-Drinks ist. Herbert Resch profitiert als Gründer einer medizinischen Privatuniversität von Red-Bull-Zuwendungen in Millionenhöhe und sitzt mit Mateschitz und Rauch im Stiftungsbeirat der Red Bull eigenen Wings-for-Life-Stiftung. Und der neue Vorstand Harald Lürzer macht als Hotelier ebenfalls seit vielen Jahren Geschäfte mit Red-Bull-Unternehmen. Ein Insider sagt, dass es in Salzburg gar kein Thema mehr sei, ob Mateschitz Einfluss auf den Klub habe oder nicht, "weil Red Bull eh die halbe Stadt gehört". Und genauso spricht der Geldgeber auch immer noch über den Salzburger Klub, den er 2005 übernommen und komplett auf Links gedreht hatte. "Unser vor zehn Jahren aufgesetzter Plan funktioniert. Wir haben jetzt die richtigen Leute in den richtigen Positionen", sagte er im März den "Salzburger Nachrichten".

imago36551654h.jpg

"Wir haben nicht das Gefühl, dass wir das noch machen müssen": Marco Rose.

(Foto: imago/GEPA pictures)

Das Verhältnis zwischen beiden Vereinen indes ist in den vergangenen Monaten distanzierter geworden. Der österreichische Mittelfeldspieler Konrad Laimer war der 17. und bislang letzte Salzburger, der nach Sachsen wechselte. In den jüngsten zwei Transferperioden gelang Trainer und Sportdirektor Ralf Rangnick kein Kauf eines Salzburger Spielers, obwohl Amadou Haidara Naby Keita ersetzen sollte. Nun soll der Mann aus Mali im Winter kommen; laut Informationen von n-tv.de ist der Vertrag noch nicht unterschrieben. Ausgerechnet unter dem gebürtigen Leipziger Trainer Marco Rose hat sich Salzburg ein neues Selbstverständnis zugelegt. Angesprochen auf die Salzburger Emanzipation sagte Rose: "Wir haben nicht das Gefühl, dass wir das noch machen müssen. Wir haben vor allem letzte Saison unsere eigene Geschichte geschrieben und gezeigt, dass sich die Jungs bei uns herausragend entwickeln." Viele Spieler stünden auch bei anderen Top-Vereinen hoch im Kurs. Heißt: Auch durch die Erfolge im Europapokal haben mittlerweile viele Salzburger Kicker erkannt, dass sie die Zwischenstation Leipzig nicht mehr brauchen. Dafür müssten die Leipziger schon konstant Champions League spielen.

"Wir werden nicht tatenlos zuschauen"

In Leipzig hingegen herrscht noch immer die Überzeugung, dass für einen Spieler wie Haidara der nächste Schritt nur Leipzig heißen kann. "Wir werden jedenfalls nicht tatenlos zuschauen, dass er zu irgendeinem anderen Klub wechselt, sondern werden alles versuchen, dass er eines Tages zu uns kommt", sagte Rangnick der "Mitteldeutschen Zeitung". Dafür, dass es zwischen beiden Klubs Absprachen zum Ausgang der Spiele gibt, gibt es also aktuell keine Indizien oder gar Belege. Vielmehr ist davon auszugehen, dass das Duell besonders hitzig wird, weil es auch um die Vorherrschaft im Red-Bull-Universum geht. Vor allem für den FC Salzburg, aber auch die vielen Ex-Salzburger in den Reihen der Leipziger geht es ums Prestige.

Doch wie es um die Bande zwischen den drei Parteien steht, gilt es immer wieder zu überprüfen. Leipzigs Ex-Co-Trainer Zsolt Löw plauderte in der Sommerpause im ungarischen Fernsehen aus, dass die Leipziger Chefs ihm "viele Möglichkeiten aufgezeigt" hätten: "Chef- und Co-Trainer in Leipzig, Cheftrainer bei Red Bull New York oder Red Bull Salzburg." Das klingt nicht nach Entflechtung. Später ließ Löw ausrichten, dass er das so nicht gesagt und gemeint habe.

Chefermittler Cunha Rodrigues hatte im Sommer 2017 seine Urteilsbegründung mit dem Hinweis verbunden, dass die Klubs fortwährend verpflichtet seien, dem Reglement nachzukommen. Die Uefa erwarte, "dass die Klubs die verschiedenen Verpflichtungen" auch in der Zukunft einhielten. Um jegliche Zweifel zu vermeiden "können jederzeit Untersuchungen durchgeführt werden, um sicherzustellen, dass die Zulassungskriterien erfüllt sind". Diesem Anspruch muss der Fußballverband allerdings dann auch nachkommen, um künftig selbst den kleinsten Zweifel einer möglichen Stallorder auszuräumen. Die Salzburger Verantwortlichen mochten das nicht tun und lehnten eine Gesprächsanfrage von ntv.de ab.

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema