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Zweitligaschreck im DFB-Pokal? Chemie Leipzig erwacht aus der Grausamkeit

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Die Fans der BSG Chemie Leipzig, hier beim Sachsenpokalfinale, hoffen im Duell mit dem SC Paderborn auf den nächsten Coup im DFB-Pokal.

(Foto: imago/Picture Point)

Es ist eines der erfolgreichsten Fanprojekte im deutschen Fußball: Nach jahrzehntelanger Ohnmacht steht die traditionsreiche BSG Chemie Leipzig in DFB-Pokalrunde zwei. Gegen den SC Paderborn hofft sie auf den Coup und feiert eine Premiere.

Abstiege, Umbenennungen, Existenznöte: Die Fans der BSG Chemie Leipzig sind leidgeprüft. Erfolge? Daran können sich nur noch die älteren "Chemiker" erinnern. Seit Jahrzehnten erlebt der einstige Klub aus der erstklassigen DDR-Oberliga eine Odyssee abseits hochklassigen Fußballs. Doch nun lernen seine Anhänger völlig neue Gefühlswelten kennen. Bei seiner ersten DFB-Pokal-Teilnahme überhaupt steht Chemie als einzig verbliebener Fünftligist in der zweiten Runde. Zuvor hatte der Klub überraschend den SSV Jahn Regensburg aus dem Wettbewerb gekegelt. Und wenn die Grün-Weißen heute gegen den SC Paderborn den nächsten Coup gegen einen Zweitligisten landen wollen (ab 18.30 Uhr im Liveticker bei n-tv.de), gibt es eine Premiere im Alfred-Kunze-Sportpark: Erstmals erstrahlt das fast 100 Jahre alte Stadion im Flutlicht.

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Dabei hätten die Sachsen vorerst gerne auf dieses Novum verzichtet. Wegen traditionell klammer Kassen und fehlender Flutlichtanlage bat der Klub aus dem Leipziger Stadtteil Leutzsch darum, ausnahmsweise einen Spieltermin bei Tageslicht zu erhalten. Ohne Erfolg. "Der DFB macht es den kleinen Vereinen gern schwer", sagte Dietmar Demuth dem "Kicker". Der 63-Jährige, einst "Weltpokalsiegerbesieger"-Trainer beim FC St. Pauli, trainiert den kleinen Klub seit 2016.

Um nicht in ein anderes Stadion ausweichen zu müssen, hat Chemie nun einmalig Masten aus dem englischen Bolton angemietet. "Die mobile Flutlichtanlage kostet uns um die 100.000 bis 120.000 Euro - für drei Stunden Spaß", sagte Demuth. Möglich machen diese Anschaffung unter anderem die Einnahmen aus der Fan-Initiative "Flutlicht für Leutzsch". Die Pokal-Zweitrundenprämie von etwa 320.000 Euro erlaubt es den Klubverantwortlichen, zumindest über eine dauerhafte Beleuchtung nachzudenken. Nach turbulenten Jahrzehnten herrscht nun wieder Optimismus im Leutzscher Holz.

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Dietmar Demuth trainiert die BSG Chemie Leipzig seit 2016.

(Foto: imago/Picture Point)

Großen Anteil daran hat Trainer Demuth. 2016 gelang ihm prompt der Aufstieg aus der sechstklassigen Sachsenliga in die Oberliga. Ein Jahr später stieg Chemie in die Regionalliga auf, wo es wieder zu hochemotionalen Stadtderbys mit dem ebenso krisengeplagten Erzrivalen Lok Leipzig kam. Am Ende reichte eine gute Rückrunde allerdings nicht, um die Klasse zu halten. Zwei Wochen später holte die BSG dennoch den Sachsenpokal. Es war nicht nur ein Sieg für die Moral, sondern auch der Türöffner für die erste Teilnahme am DFB-Pokal. Grund für Höhenflüge jedweder Art sehen die traditionsbewussten Leipziger indes nicht. "Wir waren immer der Underdog - und seit Chemies Meisterschaft 1964 ist das die Leutzscher Identität", so Demuth im "Kicker".

Turbulente Nachwendezeit

Auf den Titel im Jahr 1964 sind sie besonders stolz. Bis heute gilt dieser Erfolg als Fußballwunder, weil die Spieler damals als "nicht förderungswürdig" galten und als "Rest von Leipzig" verunglimpft wurden. Zwei Jahre später folgte der FDGB-Pokal-Sieg, dann mutierte die Betriebssportgemeinschaft der VEB Lacke und Farben zu einem Fahrstuhlklub. Nach der Wende ging es dann nur noch abwärts, der Nachfolgeverein FC Sachsen Leipzig schlitterte in zwei Insolvenzen - grausame Jahre in der so leidvollen und leidenschaftlichen Vereinsgeschichte.

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Wie bei so manch anderem Ostklub, wie etwa beim 1. FC Union Berlin, ist es auch hier den Fans zu verdanken, dass die Tradition trotz aller Widrigkeiten bewahrt worden ist. Genau zu diesem Zweck gründeten Anhänger der Grün-Weißen 1997 die "Ballsportgemeinschaft Chemie Leipzig". Mit der Partie bei Lipsia Eutritzsch II im Sommer 2008 nahm ebenjene BSG den Pflichtspielbetrieb wieder auf - in der 3. Kreisklasse. Aus heutiger Sicht betrachtet, ist die BSG Chemie Leipzig eines der erfolgreichsten Fanprojekte im deutschen Fußball.

"Eins kann ich versprechen: Chemie wird sich nicht mehr übernehmen", sagte Demuth. Trotzdem greift sein Team derzeit wieder voll an. In der Oberliga Süd steht Chemie mit 31 Punkten ganz oben, ist seit elf Ligaspielen ungeschlagen. Der Vorsprung auf den Tabellenzweiten FSV Luckenwalde beträgt sieben Zähler. Viele "Chemiker" träumen vom direkten Wiederaufstieg - und einem erneuten Pokal-Coup. Beim überraschenden 2:1-Sieg gegen Jahn Regensburg in der ersten Runde erzielte Kai Druschky per sehenswerter Bogenlampe in der ersten Minute der Nachspielzeit den Siegtreffer. Gegen den SC Paderborn ruhen wieder viele Hoffnungen auf dem 25-Jährigen - so er denn spielt. Mit 7 Toren in 13 Partien ist er der Toptorjäger bei Chemie, verletzte sich am Wochenende allerdings beim 0:0 gegen Hohenstein-Ernstthal am Knie.

Die Euphorie in Leutzsch ist trotzdem groß. Zum Kartenvorverkauf in der Geschäftsstelle über der Fankneipe "Sachsenstube" bildeten sich lange Schlangen, die Partie ist mit 4.999 Zuschauern ausverkauft. Bereits zum Training unter dem neu installierten Flutlicht kamen gestern mehr als 1000 Menschen, inklusive gewaltiger Pyroshow und schallenden "Schäämiiee"-Sprechchören. "Die Leute sind verrückt, positiv verrückt", so Trainer Demuth im "Kicker". Auch wenn sich viele "Chemiker" ein Duell gegen den Stadtrivalen mit der überschaubaren Tradition und Red Bull im Rücken gewünscht hatten, erwartet er eine "Super-Stimmung". Er selbst ist mit dem Los zufrieden: "Paderborn spielt in der 2. Liga tollen Fußball. Dagegen sind wir ein kleines Licht", sagte er und erinnerte an das 5:3 der Ostwestfalen vor ein paar Wochen: "Wer beim 1. FC Köln fünf Tore schießt, hat viel Qualität." Doch mit der Außenseiterrolle kommt die BSG Chemie seit jeher gut zurecht.

Quelle: n-tv.de

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