Fußball

Weltmeisterliche Rekordgala fällt aus DFB-Team rumpelt zum Sieg gegen Gibraltar

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Gerumpel statt Rausch: Die Zuschauer waren vom Auftritt der DFB-Elf in Nürnberg enttäuscht.

(Foto: imago/Zink)

Einen klaren Sieg und eine spielerische Steigerung fordert Fußball-Bundestrainer Joachim Löw vor dem EM-Qualifikationsspiel gegen Außenseiter Gibraltar. Beides fällt aus. Der Außenseiter verteidigt wie erwartet, der Weltmeister müht sich wie befürchtet. Die Fans sind enttäuscht.

Das erste weltmeisterliche Spiel von Fußball-Weltmeister Deutschland lässt weiter auf sich warten. Gegen Fußballzwerg Gibraltar setzte sich beim uninspirierten 4:0 (3:0) im letzten Pflichtspiel des Jahres die DFB-Formschwäche seit dem WM-Triumph am 13. Juli in Rio de Janeiro fort. Immerhin überwintert das Team von Bundestrainer Joachim Löw nach dem zweiten Sieg im vierten Qualifikationsspiel auf Platz 3 in Gruppe D. Damit hätte der Fußball-Weltmeister im Moment zumindest die Teilnahme an den EM-Playoffs sicher.

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Löw hatte die Partie gegen den Fußballzwerg nicht kleinreden wollen.

(Foto: dpa)

Vor dem Spiel hatte Löw überraschend deutliche Kritik an den letzten Leistungen geäußert und als eindeutige Parole gegen den Fußballzwerg ausgegeben: "Wir müssen sie so fordern, dass sie überfordert sind." Dazu angetan, die Blamage gegen Vize-Weltmeister Argentinien und den komplett missratenen Oktober vergessen zu machen, war dieses 4:0 aber nur sehr bedingt. Die Hoffnung, dass das DFB-Länderspiel mit der unspektakulären Nummer 897 als historisches Rekordspiel in die deutschen Fußball-Annalen eingehen würde, blieb unerfüllt.

Zum 13:0 in San Marino aus dem Jahr 2006 fehlten Deutschland nicht nur neun Treffer, sondern vor allem Tempo, Spielwitz und Spielfreude. Attribute, die Löw bei seiner Generalkritik vorab ebenfalls explizit eingefordert hatte. Während des Spiels pendelte der Bundestrainer immer wieder zwischen Bank und Coachingzone, wo er dann meist mit in den Taschen vergrabenen Händen das Geschehen verfolgte. Zufrieden sah er nicht aus.

Gibraltar mit historischer Leistung

Auch die 44.308 Zuschauer im ausverkauften Frankenstadion konnten sich nur phasenweise für ihre Fußball-Weltmeister begeistern, der Rausch von Rio kehrte erneut nicht zurück. Nach 37 Minuten gab es in Nürnberg die ersten zarten Pfiffe, als wieder einmal zehn deutsche Feldspieler das Tor der Gibraltarer belagerten und keine Lücke fanden.

Zu diesem Zeitpunkt stand es 2:0 durch zwei Tore von Thomas Müller. Erst 2:0, wie einige Zuschauer bei nasskühlen Bedingungen offenbar fanden. Gibraltar indes hatte zu diesem Zeitpunkt gegen den Fußball-Weltmeister bereits eine historische Leistung vollbracht: Erstmals überstand der Fußballzwerg die ersten zwölf Minuten in der EM-Qualifikation ohne Gegentor und verbesserte seine alte Bestmarke aus dem Spiel gegen Polen um eine ganze Minute.

Gibraltars 0:7 (0:1) gegen Polen hatte Löw bei seiner Grundsatzkritik als warnendes Beispiel dafür angeführt, dass der Außenseiter "durchaus über eine defensive Organisation verfügt". Gäste-Coach Allen Bula beteuerte vorab zwar, keinesfalls den berüchtigten Bus vor dem eigenen Tor parken zu wollen. Genau das tat er dann aber, was angesichts von nur drei Profis, zwei Halbprofis und 18 Amateuren in seinem 23er Kader auch Löw wenig überrascht haben dürfte.

Neuer macht Kniebeugen am Mittelkreis

Der Bundestrainer stellte gegen Gibraltar neun Weltmeister in die Startelf, aber taktisch um und ließ in einem 3-1-4-2 spielen. Vor der Dreierabwehr, die 2015 als neuer Reizpunkt häufiger zum Einsatz kommen soll, agierte der eher filigrane Toni Kroos als einziger Sechser. Sami Khedira und Mario Götze besetzten im zentralen Mittelfeld die Halbpositionen, konnten hinter dem Zweiersturm Müller/Max Kruse aber nicht die erhoffte Dynamik gegen extrem tief stehende Gibraltarer einbringen. Immerhin gelang es den Außen Karim Bellarabi und Lukas Podolski bisweilen, hinter die Fünferabwehrkette des Gegners zu kommen.

Ein Fußballfest kam in Nürnberg aufgrund der ungleichen Voraussetzungen nicht zustande. DFB-Keeper Manuel Neuer machte zwischendurch Kniebeuge am Mittelkreis. Phasenweise befand sich der letzte deutsche Feldspieler fünfzehn Meter vor dem Strafraum Gibraltars, die dann mit einer Neunerkette ihr Tor zu verriegeln suchten. Mitunter rückten bei einem der zahllosen Eckbälle so viele DFB-Kicker in den Strafraum, dass sie sich beim Versuch eines Kopfballs gegenseitig behinderten.

Toni Kroos allein spielte in der ersten Halbzeit laut Opta 74 Pässe, zwei mehr als Gibraltar insgesamt. Trotzdem bedurfte es vor Müllers 1:0 (12.) eines schweren Patzers von Gibraltars Keeper Jamie Robba und zum 4:0 eines Eigentors von Santos. Dazwischen trafen erneut Müller (28.) und Mario Götze (39.), der eine ansehnliche Kombination überlegt abschloss. Häufiger als Jubel entfuhr den Zuschauern an einem zähen Fußballabend ein Raunen bei den zahlreichen nicht konsequent abgeschlossenen DFB-Chancen – oder den wenigen Entlastungsangriffen der Gibraltarer.

Die verpassten in der 45. Minute das schönste Tor des Abends nur ganz knapp. Aus halblinker Position zog Gibraltars Nr.10 Liam Walker von der Strafraumgrenze einfach mal ab und zwang Manuel Neuer zu einer WM-Parade. Viel weltmeisterlicher wurde es in Nürnberg danach nicht mehr. Den Abpfiff quittierten die Zuschauer nur mit kurzen Pfiffen. Sie wollten endlich heim.

Quelle: ntv.de