Fußball

Réthy über Fußball trotz Corona "Da hofft man einfach, dass es vorbei ist"

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Seit 1996 kommentierte Réthy für das ZDF alle großen Fußball-Endspiele.

(Foto: imago/Stefan Zeitz)

Als Kommentator prägt Béla Réthy, wie die Zuschauer den Fußball wahrnehmen. Doch zurzeit gibt es keine Spiele, die der ZDF-Mann kommentieren könnte. Im Interview mit ntv.de verrät Réthy, was er ohne Live-Sport tut, welche seltene Erfahrung er während des Lockdowns gemacht hat und wieso er sich nur bedingt freut, wenn die Bundesliga trotz Corona-Krise wieder spielt.

Fehlt Ihnen persönlich gerade der Fußball?

(überlegt kurz) Ja, irgendwann begann er mir zu fehlen, sagen wir mal so. Wobei das auch nicht die erste Priorität hat. Es ist natürlich so, dass man auch ein bisschen was zu tun hat, wir arbeiten an Magazinbeiträgen, an Reportagen. Also Arbeit gibt es, aber nicht die gewohnte. Wobei die Einschränkung schon gilt, ich habe die letzten Geisterspiele gesehen, das war einmal in der Bundesliga Gladbach gegen Köln und in der Champions League Paris gegen Dortmund: Da ist es schon so, dass ich da nicht durchgehend dabeigeblieben bin. Das ist ein anderer Fußball, und sehr, sehr gewöhnungsbedürftig. Schön ist es nicht. Man müsste es in der Situation irgendwie akzeptieren. Aber es macht keinen Spaß.

Sie könnten als Kommentator theoretisch einer von denen sein, die sich trotz Geisterspiel im Stadion befinden. Ist das eine besondere Herausforderung, ein Spiel zu kommentieren, bei dem von den Rängen absolut nichts kommen kann und außer dem Spielgeschehen nichts passiert?

Aufgrund meines Senders ZDF bin ich ja jetzt nicht Live-Reporter für die Bundesliga, wir machen ja nur drei oder vier Spiele live im Jahr. Mich würde es ja eher mit Zusammenfassungen betreffen. Aber live zu kommentieren, das stelle ich mir nicht als Vergnügen vor. In einem leeren Stadion, das ist schon auch für die Kollegen eine völlig neue Situation. Man hört auch alles, man kann natürlich auch damit spielen, man hört ja jeden Zuruf des Trainers. Im Prinzip wirkt es wie ein Abschlusstraining. Wir haben ab und zu bei Turnieren Abschlusstrainings live übertragen, bei der WM in Brasilien zum Beispiel das vor dem Endspiel. Das war ganz lustig, aber das war halt nur ein kleiner Service. Aber das Arbeiten ist ein völlig anderes.

Die DFL hat verkündet, dass sie bereit wäre, in Kürze den Spielbetrieb wieder aufzunehmen. Klingt das nach einem Plan, der realistisch ist, also dass wir vielleicht Mitte Mai wieder Bundesliga-Fußball sehen könnten?

Ich vermute, dass sie Mitte Mai beginnen werden. Sie brauchen ein "Go" von der Politik dafür. Die Sitzung (der 36 Klubs der 1. und 2. Bundesliga, Anm.d.Red.) war zunächst mal dafür da, dass man mitteilt, wie die Voraussetzungen für einen Wiederbeginn lauten könnten. Aber es ist sehr dünnes Eis. Es geht gar nicht um die Testkapazitäten, die sind ausreichend vorhanden in Deutschland. Aber sobald einer aus dem Umfeld einer Mannschaft erkrankt ist, dann muss das Ganze wieder runtergefahren werden und dann gibt es wieder einen unterbrochenen Spielbetrieb, oder einige Spiele können nicht stattfinden. Und da braucht man schon sehr viel Optimismus, um daran zu glauben, dass die ausstehenden neun Spiele jetzt noch reibungslos bis Ende Juni zu Ende geführt werden können.

Es geht um ein Viertel der Saison, plus dann noch eine eventuelle Relegation. Also reden wir von mindestens fünf bis sechs Wochen, die vermutlich notwendig wären, wenn zweimal die Woche gespielt werden könnte.

Ich glaube, die Menschen wünschen sich das eher, als dass es hundertprozentig realistisch ist. Im Rahmen dieses Lockdowns, dieses kompletten Ausschaltens des normalen Lebens, ist der Fußball natürlich auch ein ganz angenehmer sozialer Begleiter des Menschen. Aber sagen wir mal so: Ich würde mir wünschen, dass es gelingt.

Wobei der Stillstand des Fußballs ja auch verdeutlicht, dass eben gerade keine Normalität, kein gewohnter Alltag möglich ist. Wäre es vielleicht auch ein falsches Zeichen, wenn die Bundesliga versucht, Normalität darzustellen?

Es ist ja auch nur ein Versuch, die Abnormalität ein bisschen zu ergänzen durch Fußball. Ich bin nicht der Meinung, dass es das falsche Signal wäre - wenn es denn möglich ist. Nach und nach wird ja gelockert, immer mehr, auch wenn die Kanzlerin das als ein bisschen übereilt empfindet. Aber der Druck insgesamt, der wirtschaftliche Druck und der gesellschaftliche Druck, wird so groß, dass man sich ohnehin in anderen Bereichen nach und nach verändern wird in den nächsten Wochen und Monaten. Wenn nicht etwas Dramatisches passiert, was wir alle nicht hoffen.

Würde es Ihnen denn ein Stück Normalität zurückgeben, wenn die Bundesliga ihren Spielbetrieb wieder aufnimmt?

Dann würden wir wenigstens regelmäßig wieder arbeiten. Die ersten zwei Wochen waren noch ganz in Ordnung. Dadurch, dass ich sehr viel unterwegs war und sehr viel gereist bin, war dieser Lockdown für mich insofern nicht so dramatisch, weil ich endlich mal meine Wohnung für eine längere Zeit am Stück gesehen habe. Aber langsam ist man jetzt über-erholt. Daran merkt man auch, dass man diese Arbeit doch recht gerne tut. Da fehlt schon ein bisschen was.

Ist denn gerade einfach weniger zu tun oder wie verändert sich der Arbeitsalltag?

Es ist eine andere Arbeit. Wir sind viel auf Standby, um für Spezial-Sendungen und Nachrichten-Sendungen verfügbar zu sein. Die ZDF-Sportreportage sonntags sendet ja weiter, die brauchen Stücke. Für die kommende Sendung zum Beispiel ein Stück über die finanzielle Situation von Schalke 04. Vorher habe ich ein historisches Stück gemacht über den ersten Bundesliga-Meister, den 1. FC Köln. Also ich bin jetzt mehr in den Bereich des Features gewechselt, obwohl ich das auch sonst immer wieder mal mache. Aber im Moment mache ich es ausschließlich.

Also Langeweile kommt keine auf, sondern ein Teil, die Live-Berichterstattung, fällt weg …

… und ein anderer kommt hinzu. Es ist ein anderes Arbeiten. Viel von zu Hause, die ganze Vorbereitung für die Arbeit, die Recherchen, die Konferenzen finden alle von zu Hause statt, mit Schaltungen oder mit Skype oder mit sonstigen Telefonaten. Nur der Schnitt an sich, der wird dann im Sender gemacht. Also in den Sender fahre ich nur dann, wenn das unbedingt notwendig ist.

Was immer mal wieder als Thema aufkommt, ist, so ein Spiel mit zwei Kommentatoren zu begleiten statt nur mit einem, wie es in Deutschland üblich ist. Der eine beschreibt das Spielgeschehen, der andere ergänzt mit taktischen Einblicken, Hintergründen zu Spielern und Mannschaften, erweitert also den Kommentar. Kann das Geisterspiele aufwerten?

Auf jeden Fall, das ist eine gute Idee. Fürs normale Leben gilt das für mich jetzt nicht. Andere Sender probieren das, aber es wird ja oft der Vorwurf formuliert, dass Reporter generell zu viel sprechen. Und wenn dann zwei dort sitzen, sprechen ja noch mehr Menschen. Insofern wäre das für den normalen Alltag nicht meine favorisierte Version. Aber ich glaube, da muss man sämtliche Facetten, sämtliche Register ziehen, die die Sache etwas unterhaltsamer machen. Weil das, was da geboten wird, wird auch sonderbar sein. Auch der Trainingszustand der Mannschaft wird so sein, dass man keinen hochklassigen Fußball sehen wird. Das Training in kleinen Gruppen und die individuelle Vorbereitung zu Hause ersetzt kein Mannschaftstraining. Wir werden auch in der Leistung Unterschiede feststellen im Vergleich zu sonst.

Aus den Vereinen gab es ja auch schon die Befürchtung, dass zum einen die Fitness der Spieler gelitten haben könnte und, dass es durch die Ausnahmesituation auch verrückte Spielverläufe geben könnte. BVB-Lizenzspieler-Chef Sebastian Kehl spekulierte über einen unberechenbaren Saison-Endspurt.

Das ist durchaus möglich, wobei da keine Mannschaft einen Vorteil haben wird, sie sind alle auf einem niedrigeren Level als vorher. Da ist es eher unwahrscheinlich, dass eine Mannschaft topfit sein wird und die andere nicht. Das heißt, die Teams werden sich auf einem unteren Niveau einpendeln und dadurch die Fehlerzahl erhöhen. Immerhin wäre das ein kleiner Trost, wenn so die Spiele 5:5 ausgehen.

Also keine Zuschauer im Stadion, aber dafür mit zusätzlichen Toren.

Wobei die deutsche Nationalmannschaft es in Berlin auch mal geschafft hat, eine 4:0-Führung zu verspielen, das Spiel ging dann 4:4 aus (im Oktober 2012 gegen Schweden, Anm. d. Red.). Das war vor Corona, also Sonderfälle gibt's immer.

Im ntv-Podcast "Mein Spiel" haben Sie über das 7:1 der deutschen Nationalmannschaft im Halbfinale der WM 2014 gesprochen, das Sie damals für das ZDF kommentiert haben. Könnte ein Geisterspiel auch zu einer Partie werden, die für Sie etwas so Besonderes darstellt oder ist das ohne Fans unmöglich?

Egal, welche Spiele ich da machen darf vor leeren Rängen, das wird garantiert nicht in die Geschichte eingehen. Da hofft man einfach, dass es vorbei ist und dass der Schlusspfiff kommt. Also historisch wird das nicht, das ist einfach nur reines Abwickeln, damit die Saison zu Ende geführt werden kann. Aber historische Spiele werden dabei nicht herauskommen.

Mit Béla Réthy sprach Torben Siemer

Quelle: ntv.de