Fußball

Katar-WM als Chance? Das 37-Millionen-Euro-Problem von Gladbach

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Trainer Daniel Farke und Manager Roland Virkus wollen die Borussia nach zwei schlechten Jahren wachküssen. Die ersten positiven Ansätze sind da, doch es bleibt kompliziert.

(Foto: IMAGO/Herbert Bucco)

Wie alle Bundesligisten fremdelt auch Mönchengladbach mit der WM in Katar. Bei genauerem Betrachten dürfte die "Elf vom Niederrhein" vom Winterturnier aber profitieren: Nach zwei schlechten Jahren muss die Borussia auch langsam liefern.

Keine zwei Jahre ist es her, da hingen die Spieler von Borussia Mönchengladbach in einem menschenleeren Stadion in Madrid über einem Tablet und schauten die letzten Minuten der Champions-League-Partie Inter Mailand gegen Schachtar Donezk. Beim Abpfiff - das Spiel ging 0:0 aus - gab es bei den Gladbachern kein Halten mehr. Durch das Unentschieden im Parallelspiel hatte die Borussia trotz eigener 0:2-Niederlage gegen Real Madrid den Einzug ins Achtelfinale der Fußball-Königsklasse perfekt gemacht. Borussia Mönchengladbach unter den besten 16 Teams in Europa. Das klingt keine zwei Jahre später noch surrealer als damals.

Ende Oktober 2022 ist vom damaligen Glanz nichts mehr übrig, und noch weniger von den Machern des damaligen Erfolgs. Trainer Marco Rose? Verkündete im Februar 2021 seinen Wechsel zu Borussia Dortmund, um dort eine von vielen mehr oder weniger bedeutungslosen Vize-Meisterschaften einzufahren. Manager Max Eberl? Trat im Januar 2022 wegen Erschöpfung von seinem Posten zurück, um acht Monate später bei RB Leipzig anzuheuern.

"Aus dem Stadion geschraubt"

Zuallererst: Nicht alles hat sich bei Borussia Mönchengladbach in den vergangenen knapp zwei Jahren zum Schlechten entwickelt. Marco Rose wurde über den Umweg Adi Hütter mit Daniel Farke ersetzt, der bei Verantwortlichen und Fans in Gladbach extrem gut ankommt und schon nach 13 Pflichtspielen ein hohes Ansehen genießt. Und nach drei Derby-Niederlagen in Folge, wurde der 1. FC Köln Anfang Oktober mit 5:2 "aus dem Stadion geschraubt", wie Farke treffend formulierte.

Die Lage der Borussia war im ersten Corona-Winter jedoch trotz Pandemie und leerer Stadien eine deutlich bessere als jetzt zwei Jahre später. In der Liga auf Europapokal-Kurs, im DFB-Pokal im Viertelfinale und für das Champions-League-Achtelfinale wurde Manchester City als Gegner zugelost. Goldene Zeiten, die mittlerweile ergraut sind.

Das Unheil begann mit der Wechsel-Ankündigung von Marco Rose, der daraufhin den Rückhalt der Fans und von Teilen der Mannschaft verliert und mit eben dieser auf Platz acht abstürzt. Auch, weil Max Eberl damals verbohrt am Trainer festhält. Auch die nächste Trainer-Entscheidung des lange Zeit unantastbaren Eberl wird zum Rohrkrepierer. Mit Adi Hütter auf der Trainerbank gerät eine mit internationalen Top-Akteuren gespickte Borussia in der Saison 2021/2022 sogar kurzzeitig in Abstiegsgefahr.

Als Borussia die Saison am Ende zumindest versöhnlich beendet, ist Eberl schon nicht mehr da. Sein Nachfolger Roland Virkus, zuvor Nachwuchs-Chef, hat zunächst einen schweren Stand, kann sich aber im Sommer 2022 freischwimmen. Auf die Last-Minute-Absage von Trainerkandidat Lucien Favre reagiert Virkus mit Daniel Farke, der schon in seiner Antrittspressekonferenz einen vor sich hin darbenden Verein wachrüttelt.

Wie schnell sportliche Nahtoderfahrung und wahnwitzige Huldigung im Fußball mitunter beisammen liegen, bekommt Manager Virkus gegen Ende der Sommer-Transferperiode zu spüren, als es ihm überraschend gelingt, die auslaufenden Verträge von Nationalspieler Jonas Hofmann und Alassane Pléa zu verlängern und Julian Weigl von Benfica Lissabon auszuleihen. Virkus wird in Teilen der Gladbacher Fanschaft von der hart kritisierten "dritten Wahl" auf dem Managerposten zu "Don Rollo".

Der Saisonstart gelingt der Borussia ebenfalls. 12 Punkte nach sieben Spielen. Doch dann erlebt die Mannschaft bei Werder Bremen einen Rückfall in vergessen geglaubte Hütter-Zeiten. Gladbach lässt sich im Weserstadion mit 1:5 vermöbeln. Nur um eine Woche später die Fans mit einem Derbysieg zu besänftigen: 5:2 gegen den ungeliebten Rivalen aus Köln. Doch Konstanz bekommt Gladbach nicht in seine Leistungen. Es folgen ein glückliches Remis in Wolfsburg, das Pokal-Aus in Darmstadt und eine 1:3-Heimpleite gegen Frankfurt.

Kaum Grautöne am Niederrhein

Nach elf Spieltagen ist die Borussia Neunter. Kein Grund zur Sorge, aber auch kein Grund für überbordende Euphorie. Während manche Fans mit etlichen verschlafenen Anfangsphasen hadern oder Mentalitätsprobleme bei einem Teil des Teams kritisieren, fühlen sich andere von Farkes Ballbesitz-Fußball eingeschläfert. Wiederum andere sehen im Gladbacher Coach bereits nach elf Spielen einen Ära prägenden Weltklasse-Trainer, der den ganzen Verein wachküsst. Regelrecht geschwärmt wird vom "Farke-Ball", der sich vom körperbetonten Umschaltfußball der meisten Bundesliga-Konkurrenten absetzt. Grautöne? Selbst am oftmals tristen Niederrhein derzeit kaum vorhanden.

Dabei sind die Chancen, über einen möglichst langen Zeitraum ruhig und konzentriert etwas aufzubauen, wohl bei keinem anderen Bundesliga-Traditionsverein so gut wie in Mönchengladbach. Die Vereinsführung ist nicht dafür bekannt, per Schnellverfahren Trainer oder Sportdirektor auszutauschen. Das mediale Umfeld ist im Vergleich zu Standorten wie Köln, Hamburg oder München fast schon paradiesisch entspannt, weil größtenteils fair und selten populistisch.

Mönchengladbach ist so ziemlich das Gegenteil eines pulsierenden Schmelztiegels. Das kann, negativ betrachtet, auch schnell provinziell und bieder wirken. Das Präsidium arbeitet so geräuschlos, dass man es kaum merkt. Im Liga-Vergleich hat Borussia als Resultat der erfolgreichen Ära in den 1970er Jahren die im Schnitt ältesten Fans, die Gladbach zwar zahlreich, aber abseits der deutlich jüngeren Ultra-Bewegung mitunter nicht so lautstark wie andere Fanszenen hinterher reisen. Zudem haftet Sportdirektor Virkus immer noch der Ruf an, mitunter unprofessionell und hölzern aus der Haut zu fahren, wenn ihm eine (eigentlich unspektakuläre) Frage nicht gefällt. Ein Kommunikationsprofi ist Virkus jedenfalls nicht. Manch einer vermutet, dass der 55-Jährige auch deshalb anders als Vorgänger Eberl nicht an jeder Pressekonferenz teilnimmt.

Lange Verletztenliste

So wie in dieser Woche in der Medienrunde vor Borussias Auswärtsspiel bei Union Berlin (15:30 Uhr / DAZN und im Liveticker auf ntv.de). Fester Bestandteil Gladbacher Pressekonferenzen ist Woche für Woche das Vortragen einer ellenlangen Verletztenliste: Mit Ko Itakura, Florian Neuhaus, Jonas Hofmann und Torwart Yann Sommer fallen Schlüsselspieler teils monatelang aus. Die Bank von Borussia Mönchengladbach sieht mitunter aus wie die Startelf der Zweiten Mannschaft in der Regionalliga West gegen Straelen, Düren oder Kaan-Marienborn.

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Ramy Bensebaini und Marcus Thuram können Gladbach im nächsten Sommer ablösefrei verlassen.

(Foto: picture alliance / Laci Perenyi)

Die "Fohlen" könnten in Bestbesetzung eine der besten Mannschaften der Bundesliga aufbieten, doch schon einige wenige Ausfälle (bei Union fehlt außerdem Koné gelbgesperrt) sorgen für ein eklatantes Kadertiefen-Problem. Während Vereine wie Union Berlin, Mainz 05 oder auch der SC Freiburg ihre Kader so weit harmonisiert haben, dass jedes Spiel problemlos 18 Akteure für einen Startelfeinsatz in Frage kommen, kann Gladbach größtenteils nur auf Jugendspieler setzen, die "froh sein können, irgendwann Zweitliga-Profi zu sein", wie die "Rheinische Post" zuletzt hart, aber treffend analysierte.

Dieser Umstand führt dazu, dass Daniel Farke im Vergleich zu seinen Trainerkollegen statistisch gesehen am spätesten wechselt. Vereinslegende Patrick Herrmann bringt in dieser Saison in seiner Rolle als Rekord-Einwechselspieler das Kunststück fertig, 35 Einsatzminuten auf neun (!) Spiele zu verteilen.

Das 37-Millionen-Euro-Problem

Die nicht vorhandene Kadertiefe führt dazu, dass die Winter-Weltmeisterschaft den Gladbachern in die Karten spielt. Akteure wie Itakura, Neuhaus oder Wolf rechnen sich gute Chancen aus, zur Wiederaufnahme des Ligabetriebs in 2023 wieder an Bord zu sein. Manager Virkus wird die lange spielfreie Zeit im Winter auch nutzen müssen, um in Abstimmung mit Scouting-Chef Steffen Korell die richtigen Weichenstellungen für die Kader-Ausrichtung im nächsten Jahr zu treffen.

Nötig wäre es in Voraussicht auf einen erneut komplizierten Transfer-Sommer. Die Verträge der Leistungsträger Sommer, Bensebaini, Thuram, Stindl und Kramer laufen im Sommer 2023 aus. Während Stindl noch etwas zögert, ob er seine Karriere fortsetzen möchte, sind die Gespräche mit Kramer laut eigener Aussage "auf der Zielgeraden". Bei Sommer ist man seit Monaten optimistisch, eine Vollzugsmeldung steht aber aus. Gut möglich, dass der Schweizer Nationalkeeper die WM abwartet und noch auf ein Angebot eines europäischen Topvereins schielt. Bensebaini und Thuram stehen dagegen vor dem Absprung im Sommer. Ein Winter-Wechsel ist laut Farke kein Thema. "Die Jungs haben gültige Verträge. Wir sind froh, dass die Spieler diese definitiv erfüllen werden."

Dabei können die Borussen aus wirtschaftlicher Sicht nicht in allen Fällen "Nein" sagen. Landet für die Akteure nach der WM ein unmoralisches Angebot im Postfach, wird sich Gladbach damit beschäftigen müssen, um das "Ginter-Szenario" zu vermeiden: ein ablösefreier Wechsel im Sommer.

Blickt man auf die Marktwerte der Wechselkandidaten, droht Gladbach nämlich ein finanzielles Fiasko: Verlassen Bensebaini und Thuram im Sommer den Verein, worauf alles hindeutet, gehen der Borussia schätzungsweise 37 Millionen Euro Marktwert (Quelle: transfermarkt.de) flöten. Addiert man die 18 Millionen Marktwertverlust durch den Wechsel von Matthias Ginter im Sommer dieses Jahres hinzu, unterstreicht das die komplizierte Lage.

Die Vereinsführung von Borussia Mönchengladbach bezeichnet die aktuelle Saison als Übergangssaison. Zwischen den Zeilen hört man aber forschere Ziele heraus: Die Mannschaft hat sich intern die Rückkehr ins internationale Geschäft vorgenommen. Darauf hat unter anderem Florian Neuhaus zuletzt im "Sky"-Interview indirekt hingewiesen. Fährt die Borussia in den letzten vier Spielen des Jahres noch zwei Siege ein und nutzt die Winter-WM in Katar, um den Kader in der Breite zu stärken, dann könnte eine Übergangssaison im Optimalfall sogar nach Europa führen.

Quelle: ntv.de

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