Fußball

Wo bleibt die Solidarität? Das verheerende Missverständnis des Joshua Kimmich

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Wird sich Joshua Kimmich bald doch noch impfen lassen?

(Foto: Peter Schatz / Pool)

Die Sorgen von Ungeimpften wie Joshua Kimmich müssen ernst genommen werden, doch der Bayern-Star lässt sich wohl mehr von seinen Emotionen leiten als von der Suche nach Aufklärung. Er stolpert über mehrere Missverständnisse, anstatt als Vorbild voranzugehen.

So viel gleich vorweg: Jeder Mensch sollte über seinen eigenen Körper selbst bestimmen dürfen. Das Persönlichkeitsrecht sowie das Recht auf die Integrität von Leib und Leben sind hohe Rechtsgüter. Das ist klar, das darf nicht angetastet werden. Bei einer Impfung gegen das Coronavirus darf die Überlegung aber nicht an dieser Stelle enden. Hier schützt die Impfung nicht nur die eigene Gesundheit, sondern die der Gesellschaft. Wenn also Bayern-Profi Joshua Kimmich sagt, er möchte sich (noch) nicht impfen lassen, bringt er mit seinem ungeimpften Körper nicht nur sich, sondern auch andere Menschen in Gefahr. Und lässt vor allem Solidarität vermissen.

Ungeimpfte können eine höhere Viruslast mit sich tragen und damit Mitmenschen, auch vollständig geimpfte, leichter infizieren als Geimpfte. Inzwischen ist der Impfstoff - zumindest im privilegierten Deutschland - nicht mehr knapp. Kimmich möchte sich trotzdem nicht impfen lassen. "Das stimmt", bestätigte der 26-Jährige am Samstagabend entsprechende Medienberichte. Aller Wahrscheinlichkeit nach ist er nicht der einzige ungeimpfte Bundesliga-Profi, aber eben der prominenteste. Kimmich gilt immerhin als künftiger Mannschaftskapitän, nicht nur beim FC Bayern, sondern auch in der deutschen Nationalmannschaft. Ist in beiden Teams längst Leistungsträger. Führungsspieler. Einer, der vorangeht. Normalerweise nicht nur sportlich.

Bei der Pandemie-Bekämpfung, gerne als gesamtgesellschaftliche Aufgabe beschrieben, lehnt Kimmich diese Rolle ab, wenn er sich nicht impfen lässt. "Gerade was Langzeitstudien angeht", habe er "persönliche Bedenken", sagte er nach dem 4:0 (2:0)-Erfolg gegen die TSG Hoffenheim. Damit folgt er einem weit verbreiteten Missverständnis. Denn bei Impfstoffen treten die meisten Nebenwirkungen innerhalb weniger Stunden, Tage oder auch mal nach Wochen auf. Aber so etwas wie "Langzeit-Nebenwirkungen", die erst nach Jahren auftreten, gibt es schlichtweg nicht. Der Impfstoff selbst ist nach wenigen Stunden schon nicht mehr im Körper nachweisbar, die Immunreaktion hält in den allermeisten Fällen nicht länger als wenige Tage an. Auch die von Impfgegnern oft angeführten seltenen Fälle von Narkolepsie bei der Schweinegrippeimpfung traten kurzfristig auf und wurden nur langfristig in Studien festgehalten, weil es so wenig Fälle gab.

Fakten-Check: Impfen wirkt

Impfskeptiker sind keine Impfgegner, auch das soll festgehalten werden. Kimmich gehört seinen Aussagen nach der ersten Gruppe an, er sage nicht kategorisch, dass er sich "überhaupt nicht impfen lasse". Es sei "auch sehr gut möglich, dass ich mich in Zukunft impfen lasse", betonte der Bayern-Profi. Skepsis ist vom Prinzip her ja erst einmal eine gute Sache. Das heißt, der Mittelfeldspieler will sein Weltbild möglicherweise mit zusätzlichen, evidenzbasierten Informationen aktualisieren und sucht hoffentlich nicht nur Informationen, die die eigene Sichtweise bestätigen.

Allerdings gibt es viele wie Kimmich, die abwarten und sich "noch mehr informieren" wollen. Dabei gibt es überzeugende, weil empirisch belegte und wissenschaftlich überprüfte Informationen über die Effektivität und die Sicherheit der Corona-Impfstoffe bereits länger. Und dass er im Gegensatz zur Alternative, zum Nichtimpfen, die bessere Wahl ist, dem dürfen Impfskeptiker wie Kimmich sich nicht weiter verschließen. "Wie die Verläufe sind, wenn man nicht geimpft ist, kann man in den Kliniken gerne erfragen", sagte sein Trainer Julian Nagelsmann aus der Quarantäne, in die er nach seiner Ansteckung musste. Mit einem milden Verlauf, nach doppelter Impfung.

Da mehr als sechs Milliarden Impfdosen erfolgreich verabreicht wurden ohne diese Nebenwirkungen, darf die Skepsis von Kimmich und Co. langsam den überprüfbaren Fakten weichen. Beziehungsweise es muss dann eben eine persönlich, ehrliche Recherche stattfinden und kein "Abwarten". Denn: Impfen wirkt. Historisch hat fast keine medizinische Errungenschaft mehr Menschenleben gerettet und so stark zur Gesundheitsvorsorge beigetragen wie die Schutzimpfung. Schwerste Krankheiten wurden damit ausgerottet.

Und Kimmich dürfte das wissen. Er wirkt meist wie ein junger Mann, der Dinge reflektiert. Der es ernst meint mit seinen Hilfeleistungen mit Initiativen wie "We kick Corona". Der als Fußballprofi auch enorm von der Medizin, ihren Mitteln, Tabletten, Spritzen und Impfungen profitiert. Acht verschiedene Impfungen empfiehlt das Tropeninstitut beispielsweise allein für eine Reise nach Katar, wo der FC Bayern seit Jahren sein Wintertrainingslager abhält und wo in gut einem Jahr die Fußball-Weltmeisterschaft stattfindet.

Gespräch mit Lauterbach?

Kimmich wird bei der Frage nach der Corona-Impfung also vermutlich nicht von der Rationalität oder einer Nutzen-Risiko-Abwägung in seinem Denken geleitet. Denn alle Fakten beweisen, dass es schlichtweg unvernünftig ist, eine Corona-Impfung abzulehnen. Aber Aufklärung und Fakten sind natürlich abstrakter als Geschichten über Einzelschicksale mit Impfkomplikationen oder persönliche Ängste. Kimmich lässt sich also womöglich eher von seinen Emotionen leiten als tatsächlich von der Suche nach weiteren Informationen. Das ist menschlich. Und Sorgen und Ängste von Menschen müssen natürlich grundsätzlich ernst genommen werden. Es darf nicht vorschnell über sie geurteilt werden.

Möglicherweise kennt der Mittelfeldspieler keine Infizierten, die mit schlimmen Verläufen zu kämpfen hatten oder starben. Die Gesellschaft darf nicht zu viel Druck aufbauen. Impfen lassen sollte man sich aus Überzeugung. Vielleicht sollte sich Kimmich mal ehrlich mit Medizinern zusammensetzen, eine solche Sprechstunde gab es für die Profis beim FC Bayern sogar schon. Als privilegierter Fußballer kann er sich auch mit unabhängigen renommierten Ärzten und Experten in Verbindung setzen und in einem Gespräch von den evidenzbasierten Informationen überzeugt werden.

SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach sagte nun bereits, dass eine Impfung Kimmichs eine "Symbolwirkung" haben könnte - und wäre sicherlich zu einem Gespräch bereit. Dann wird sich Kimmich vielleicht auch seiner Privilegien noch bewusster, an jedem Wochenende Fußball spielen zu dürfen, während etwa Kulturschaffende, Friseurinnen und Friseure oder Hotelangestellte um ihre Existenz bangen mussten und Kinder nicht in die Schule gehen konnten, als er selbst längst wieder auf dem Feld stand.

Bei dieser Impfung geht es um alle

Kimmich sagte auch, man solle das Nichtimpfen "respektieren, vor allem, solange man sich an die Maßnahmen hält". Ein weiteres Missverständnis. Natürlich blickt jeder Mensch bei einer Impfung zunächst auf sich selbst. So auch Joshua Kimmich. Aber es geht bei dieser Impfung eben auch um andere Menschen, und es ist wissenschaftlich bewiesen, dass das Immunsystem älterer Personen generell weniger auf Impfungen anspricht. Bei Covid-19 ist diese Gruppe bekanntlich besonders gefährdet und könnte am besten geschützt werden, wenn sich alle impfen lassen, die sich impfen lassen können.

Deshalb darf man hier die Frage stellen: Wie steht es um die Solidarität des Bayern-Profis und der anderen Impfskeptiker? Vor allem Solidarität gegenüber medizinischem Personal. Das Robert-Koch-Institut erklärte im Juli, dass erst mit einer Impfquote von 85 bis 90 Prozent aller Berechtigten die Lage in den Notaufnahmen und Intensivstationen wieder dauerhaft stabil bleiben würde. Auch wirtschaftlich wäre eine Impfung Kimmichs und weiterer Impfskeptiker und -gegner wertvoll. Kultureinrichtungen, Geschäfte und Hotels leiden noch immer unter der Pandemie.

Kimmich schadet mit seiner Entscheidung der Gemeinschaft. Seine Sätze auf der Homepage seiner Initiative "We kick Corona" wirken angesichts dessen wenig glaubwürdig. "Jeder Einzelne von uns kann dafür sorgen, dass sich das Coronavirus nicht weiter ausbreitet", heißt es dort, "aber nur gemeinsam können wir unseren Teil zur Gesundung der Gesellschaft beitragen." Als der Deutsche Fußball Botschafter e.V. seinen letztjährigen Ehrenpreis an ihn verlieh, sagte der ungeimpfte Mittelfeldspieler: "Weil die Gesundheit über allem steht, ist jetzt Solidarität im Kleinen wie im Großen notwendig. Jeder kann helfen." Nun ja.

Wann geht Kimmich voran?

Im Idealfall hätten sogar alle zukünftigen Generationen etwas von der Impfung - wie etwa bei den Pocken. Dann nämlich, wenn die Corona-Pandemie damit wirklich ein Ende findet. Und einer wie Kimmich, möglicherweise der nächste DFB-Kapitän, könnte als Vorbild vorangehen und seinen privilegierten Rollen in der Gesellschaft gerecht werden.

Kimmichs Bedenken und Ängste sind durchaus menschlich. Aber es ist an der Zeit, Verantwortung zu übernehmen und Solidarität zu zeigen. Seine Bedenken zu überprüfen, im Fall des Bayern-Profis also ehrlich zu schauen: Wie gut halten meine Bedenken einer Überprüfung stand? Viele in Deutschland haben das bereits verstanden, einige werden noch folgen. Hoffentlich bald auch Joshua Kimmich. Vielleicht dann ja sogar mit Symbolwirkung.

Quelle: ntv.de

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