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Rückzug beim FC Bayern Das war's für Hoeneß - aber warum?

Uli Hoeneß. Foto: Matthias Balk/Archivbild

Uli Hoeneß zieht sich am 15. November aus der Spitze des FC Bayern zurück.

(Foto: Matthias Balk/dpa)

Bis zum 15. November führt Uli Hoeneß noch den FC Bayern - dann sagt er "Servus". Zwei Ämter stellt er bei der Jahreshauptversammlung zur Verfügung. An Einfluss verliert der 67-Jährige aber nicht. Was ihn zu seiner Entscheidung bewogen hat, das erklärt der Präsident am Mittag.

Die ganze Wahrheit über das zu schreiben, was er alles erlebt hat, würde ihn zum Auswandern nach Australien zwingen. Das hat Uli Hoeneß vor zehn Jahren gesagt. Eine Autobiografie werde es daher nicht geben. Ohnehin würde der Platz in einem Buch gar nicht ausreichen, für alle jene Geschichten, die ihm in knapp 50 Jahren beim FC Bayern passiert sind. Zehn Bände, vermutete er damals, bräuchte es schon. Eine Zahl, die er vermutlich mittlerweile deutlich nach oben korrigieren würde, jetzt, da das Ende seines Machertums nach sehr aufwühlenden Jahren inklusive Haftstrafe definiert ist.

Bei der Jahreshauptversammlung des Fußball-Bundesligisten am 15. November wird der 67 Jahre alte Hoeneß nicht mehr als Präsident kandidieren. Parallel wird er sich vom Vorsitz des Aufsichtsrates zurückziehen. Eine Überraschung war die Mitteilung der Münchener vom Donnerstagabend nicht mehr. Bereits Ende Juli hatte die "Bild"-Zeitung von den Plänen berichtet. Ohne eine Stimme des Patriarchen. Ausgerechnet die "Bild", zu der Hoeneß ja bekanntlich eine ausgeprägte Hassliebe pflegt, die zwischen Kronzeugentum und Frontalattacke pendelt.

Warum er sich zurückzieht, das hat Hoeneß bislang nicht verraten. Und eben das ist es, was seinen Abgang so spannend macht. Sind es die "Zwistigkeiten" mit Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge, die ihn amtsmüde gemacht haben? Sind es die unüberhörbaren Buhrufe, die "Not-my-president-Plakate" bei der letzten Jahreshauptversammlung sowie die teilweise heftige Kritik eines Mitglieds an ihm? Sind es die Veränderungen im Weltfußball, in dem immer mehr Oligarchen oder Konzerne den Markt mit enthemmten Summe eskalieren lassen? Oder ist es bloß der Wunsch nach mehr Zeit mit der Familie? Vieles wurde angedeutet, vor allem von seinem Weggefährten Edmund Stoiber. Nun wird sich Hoeneß erklären (ab 12.30 Uhr live bei n-tv und im Ticker bei n-tv.de).

"Wer Bayern München angreifen will, muss erst an mir vorbei"

Ob er über die vermuteten Zerwürfnisse mit Rummenigge spricht? Fans, Medien und Experten wundern sich seit Monaten über die gespaltene Zunge, mit der beim FC Bayern gesprochen wird. In der Trainerfrage vor allem. Während der Präsident den permanent angezählten Niko Kovac verteidigte, versuchte sich Rummenigge am "Mobbing unter Besserverdienenden". So schrieb es die "Süddeutsche Zeitung". Kovac war die Wunschlösung von Hoeneß, nachdem die "Bleib-doch"-Bitten an Nothelfer Jupp Heynckes abgeprallt waren. Rummenigge hatte einen anderen Plan, er wollte den fachlich herausragenden Thomas Tuchel. Auch bei der Wahl des Sportdirektors gab's Dissens.

Hoeneß wollte Max Eberl - Rummenigge wollte nicht. Der Kompromiss hieß Hasan Salihamidzic. Rummenigge wollte Philipp Lahm im Vorstand - Hoeneß nicht. Im Gespräch mit n-tv erklärte Philipp Köster, Chefredakteur des Magazins "11 Freunde" nach den ersten Rücktrittsgerüchten: "Es wäre durchaus verständlich, wenn er sich zurückziehen würde. Die Querelen mit Rummenigge, die Kritik an ihm auf der Mitgliederversammlung, das fortgeschrittene Alter. Es würde Sinn machen. Zugleich aber würde die Bundesliga einen streitbaren Kopf verlieren. Einen, der natürlich auch immer mal wieder Themen gesetzt hat, ganz wichtige."

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Nicht immer einer Meinung.

(Foto: imago/Revierfoto)

Generationen von Spielern, Trainern und Journalisten hat Hoeneß begleitet. Er hat mit ihnen gefeiert. Er hat sie gefeuert. Und er hat sie attackiert. Wer sich mit dem FC Bayern anlegte, der legte sich mit Hoeneß an. "Wer Bayern München angreifen will, muss erst an mir vorbei." Diese Wortreihe war nicht bloß ein Satz, sie war Gesetz. Nirgends im deutschen Fußball stehen oder standen Verein und Chef so symbiotisch zusammen wie in München. Und das mit einer sportlichen Erfolgsbilanz, die jeden kleinsten Zweifel an der Tauglichkeit des Wirkens, der Kraft seiner Arbeit wegwischt: 21 Mal wurde er Deutscher Meister, zwölf Mal Pokalsieger, zwei Triumphe in der Champions League gab's und einen Weltpokal. Nun gab es in den vergangenen zwölf Monaten mehr und mehr Indizien, dass diese unerschöpfliche Kraft schwindet. Sätze von Hoeneß waren plötzlich nicht mehr unumstößlich. Das "Gesetz vom Tegernsee", wie die "Süddeutsche Zeitung" im Herbst 2018 über Hoeneß' Wortmeldungen schrieb, galt und gilt nicht mehr uneingeschränkt.

Die Zugänge stellen andere vor

Während die skurrile Pressekonferenz in der Herbstkrise dem Machttriumvirat aus Hoeneß, Rummenigge und Sportdirektor Hasan Salihamidzic im Kollektiv schadete, kratzten die folgenlose Transferoffensive-Ankündigung und die Wechsel-Empfehlung für Weltmeister Jérôme Boateng an der Allmacht des 67-Jährigen. Der danach laut in die Öffentlichkeit getragene Hinweis des Freund-Feindes Rummenigge, sich in Zukunft mit allzu lauten (und inhaltsleeren?) Ansagen bitte zurückzuhalten, rüttelte umso heftiger am Hoeneß-Denkmal.

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Sehr teuer: Philippe Coutinho.

(Foto: imago images / eu-images)

Überhaupt hat sich Hoeneß in seiner mächtigen Funktion beim Rekordmeister sehr zurückgezogen: Die medienwirksamen Präsentationen der Zugänge Lucas Hernandez, Benjamin Pavard, Fiete Arp, Ivan Perisic, Mickaël Cuisance und Philippe Coutinho übernahmen mal Rummenigge, mal Salihamidzic und mal Kovac. Nur einmal war Hoeneß zu sehen, als stiller Beobachter der Coutinho-Vorstellung in der ersten Reihe. Ausgerechnet bei jenem Spieler, der nach seiner Leihe für 120 Millionen Euro vom FC Barcelona zu haben sein soll. Eine Summe, die Hoeneß für den FC Bayern ausgeschlossen hatte.

Ob ein Rückzug des Patrons dem FC Bayern helfen wird, sich gut aufzustellen oder ob dem Klub Herz und Seele wegbrechen? Wer weiß das schon. Zumindest seinen Einfluss auf die Entwicklung in den kommenden Jahren hat sich der 67-Jährige gesichert. Als einfaches Mitglied im Aufsichtsrat wird Hoeneß dem Verein bis 2023 bleiben. Die beiden ab November vakanten Spitzenämter soll der langjährige Adidas-Chef Herbert Hainer übernehmen. Ein sehr enger Freund (und ein weiterer Einflusssicherer?) des 67-Jährigen, ein sehr erfahrener Manager und als stellvertretender Vorsitzender - vom 14. März bis zum 8. September 2014 interimsweise sogar Vorsitzender-  ein Mann mit Erfahrung im Aufsichtsrat des Klubs.

Im Vereinsmagazin "51" wurde Hoeneß im März noch so zitiert: "Ich habe einmal gesagt: 'Das war's noch nicht!' Aber der Tag ist nicht mehr fern, an dem ich sage: 'Das war's!' Und zwar, weil ich a) loslassen kann und b) der Zeitpunkt bald passen wird." Was nun nur noch fehlt, ist das "Warum".

Quelle: n-tv.de

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