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Herbstmeister - und nun? Der BVB-Höhenflug nimmt kein Ende

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Dortmunds Paco Alcacer trifft zum 1:0.

(Foto: imago/Kirchner-Media)

Borussia Dortmund sichert sich frühzeitig die Herbstmeisterschaft, feiert Nuri Sahin und bastelt weiter am neunten Bundesliga-Titelgewinn seiner Vereinsgeschichte. Doch Trainer Favre ist nicht nach Feiern zumute. Er bleibt sich selbst treu und übt sich in Bescheidenheit und Demut.

Neun Tage vor dem heiligen Abend wurde es im Dortmunder Stadion richtig heimelig. Zuerst gaben die Sonnenkinder aus Selm vor der Südtribüne ihren obligatorischen adventlichen Gesangsauftritt, kurz vor dem Anpfiff war dann endgültig die Zeit für große Gefühle gekommen: Auf dem Rasen wurde Nuri Sahin verabschiedet, der im Alter von zwölf Jahren vom RSV Meinerzhagen im Sauerland zum BVB gekommen war, inzwischen aber nach Bremen weitergezogen ist, weil er im runderneuerten Erfolgskader der Borussia keine Aussicht auf eine Hauptrolle mehr hatte.

Der 30-Jährige wirkte gelöst, scherzte mit den BVB-Granden Hans-Joachim Watzke und Michael Zorc und lief dann zur Gelben Wand, wo er mit "Nuri, Nuri"-Sprechchören gefeiert wurde. Es war also alles angerichtet für einen stimmungsvollen Abend vor mit 81.365 Zuschauern ausverkauftem Haus, und tatsächlich wurde es ein Festakt: 2:1-Sieg gegen Werder Bremen, Herbstmeisterschaft bereits am 15. Spieltag, und das mit einer Bilanz, die nicht einmal Jürgen Klopp in den fulminanten Meisterjahren 2011 und 2012 mit dem BVB herauszuspielen vermochte: Zwölf Siege, drei Unentschieden - diese glanzvolle Serie summiert sich auf 39 Punkte und mithin neun Zähler Vorsprung auf die Verfolger aus Mönchengladbach und München.

Der Protagonist des Höhenflugs heißt Lucien Favre, der Schweizer glänzt im Revier weiter mit Demut und Bescheidenheit. Die frühe Herbstmeisterschaft "bedeutet mir nicht viel", betonte der 61-Jährige, der unbeirrbar bei seiner Marschroute bleibt, nur mit seiner Mannschaft auf dem Rasen, nicht jedoch am Mikrofon zu glänzen. Auch nach dem Sieg gegen Werder sagte Favre Sätze wie diesen: "Es ist wie immer: Das nächste Spiel ist das wichtigste." Oder auch: "Spiel für Spiel, wir können nicht unsere Philosophie ändern."

Seine Spieler folgen ihrem Meister bedingungslos. Marco Reus mochte nicht über die imposante Serie von sechs Siegen in Folge in der Bundesliga sprechen, sondern lieber über die zweite Halbzeit gegen Bremen: "Da haben wir kein gutes Spiel gemacht", monierte der Kapitän, "wir hätten früh das dritte Tor machen müssen. So hat es enorm viel Kraft gekostet." Seinem sportlichen Vorgesetzten zaubern solche Sätze ein Lächeln auf das Gesicht: "Das ist die Wahrheit", betonte Favre, als er mit den Aussagen seines Lieblingsschülers konfrontiert wurde.

Der Arbeitsauftrag lautet Kaderverschlankung

Während Favre weiterhin gebetsmühlenartig betont, immer nur die kommende Pflichtaufgabe in den Fokus zu nehmen - also in diesem Fall das Auswärtsspiel am Dienstag beim Aufsteiger aus Düsseldorf - arbeitet die sportliche Führung bereits daran, das börsennotierte Fußballunternehmen Borussia Dortmund für die Ende Januar beginnende Rückrunde noch besser aufzustellen, als das ohnehin schon der Fall ist. Der Arbeitsauftrag lautet Kaderverschlankung. Favre hat bereits während der Saisonvorbereitung im Sommer mehrfach den Wunsch geäußert, lieber mit weniger Profis zu arbeiten. Tatsächlich mutet es erstaunlich an, dass es angesichts von 26 Feldspielern im aufgeblähten Kader bislang nicht zu mehr Reibereien und Unmutsäußerungen gekommen ist.

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Lucien Favre hat eigentlich Grund zur Freude. Dennoch gibt er sich demütig.

(Foto: imago/Jan Huebner)

Auch das spricht für Favres Menschenführung, mit der er seine kickende Belegschaft durch seine besonnenen Art bislang hervorragend erreicht hat. Dennoch sieht es die sportliche Führung des BVB als ratsam an, in der Winterpause den einen oder anderen Angestellten loszuwerden, weil er ohnehin keine Rolle spielt. Auf der Liste der Profis, für die neue Betätigungsfelder gesucht werden, stehen Namen wie Alexander Isak, Shinji Kagawa, Sebastian Rode, Jeremy Toljan und Dzenis Burnic. Mit Shinji Kagawa ist nur ein Härtefall darunter, der Japaner wird in Dortmund als verdienter Spieler geschätzt. Doch was nutzt das auf Dauer, wenn es in vielen Spielen - zuletzt in Monaco und gegen Bremen - nicht einmal reicht, Aufnahme in den Kader zu finden?

Ähnliche Erfahrungen wie der Kollege aus Fernost hat auch Nuri Sahin gemacht, dessen Wunsch, wieder mehr Spielanteile zu bekommen, letztlich schwerer wog, als die Liebe zu schwarz-gelb. Sahin hinterlässt in Bremen einen zufriedenen und ausgeglichenen Eindruck, ähnlich wird es Kagawa ergehen, wenn er im Winter einen neuen Arbeitgeber in Spanien findet, wohin es ihn nach eigenem Bekunden zieht. Nach Lage der Dinge wird es eine Lösung geben, Michael Zorc hat bereits angedeutet, Kagawa keine Steine in den Weg legen zu wollen: "Wir werden nach der Hinrunde ein Gespräch mit ihm führen", sagte der Sportdirektor unlängst: "Seine Unzufriedenheit ist nachvollziehbar."

Dass die Existenz als Profi auch dann gedeihlich weitergehen kann, wenn man nicht mehr auf der Gehaltsliste von Borussia Dortmund steht, zeigt das Beispiel Nuri Sahin. Der tauschte nach dem Abpfiff mit seinem alten Kumpel Marco Reus das Trikot, schritt zur Südtribüne und rang bei den neuerlichen Ovationen sichtlich um Fassung. Als Hinführung zum dritten Advent war das ein würdiges Zeremoniell für einen, der in Dortmund den ganzen Weg vom Balljungen zum Idol gegangen ist. Der Gang zur Gelben Wand sei "schwer, aber trotzdem schön", gewesen, sagte der Routinier: "Es gibt definitiv schlimmere Empfänge." Damit hat Nuri Sahin definitiv recht. 

Quelle: n-tv.de

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