Fußball

Der untrainierbare HSV Der Dino frisst den nächsten Coach

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Der Dino will zurück in die Bundesliga, aber ...

(Foto: imago images/Philipp Szyza)

Die Liste der Trainer, die es nicht geschafft haben, den Hamburger SV zurück in die 1. Fußball-Bundesliga zu führen, wird um den nächsten Namen ergänzt. Neben Hannes Wolf und Dieter Hecking steht da jetzt auch Daniel Thioune. Ob er der letzte bleibt?

Das Wort Aufstieg erwähnte Horst Hrubesch nicht. Aber natürlich ging es in seinem ersten Statement als neuer Trainer des Hamburger SV um genau jene Sache, gegen die der Verein eine chronische Phobie entwickelt hat. Im nun dritten Anlauf drohen die stolzen Hanseaten nämlich erneut die Rückkehr in die 1. Fußball-Bundesliga zu verpassen. Zwar sieht die Lage in der derzeit coronaschiefen Tabelle noch nicht dramatisch aus, dort stehen die Hamburger auf Rang drei, was das Erreichen der Relegation bedeuten würde.

Immerhin, so muss man es sagen. Auf die direkten Aufstiegsränge beträgt der Rückstand bereits fünf Punkte. Und sollte Holstein Kiel, das wegen Quarantäne drei Spiele weniger hat, alle gewinnen oder zwei Siege und ein Remis holen, dann wären es für den HSV fünf Zähler Rückstand auf die Relegation.

Dem ehemaligen Bundesliga-Dino würde das dritte "Deppen-Déjà-vu" in Serie drohen. Der Betriebsunfall (Abstieg) würde zum Regelfall (Stammgast in Liga zwei). Nun, noch gibt es Möglichkeit gegenzusteuern, wenn auch nur noch mit Unterstützung der anderen, vor allem eben Kiel. Um sich dann allerdings nicht der Peinlichkeit hingeben zu müssen, einen Patzer des Konkurrenten auch noch zu verbocken, erklärt Hrubesch, der den zuletzt ratlosen wirkenden Daniel Thioune für die letzten drei Spiele ersetzt, seinen Spielern in Abwesenheit nochmal die Dringlichkeit der Situation: "Wir müssen alles daransetzen, den Mist, den wir verbockt haben, wieder geradezurücken." Die Möglichkeiten dazu gibt es gegen den 1. FC Nürnberg (12.), gegen Eintracht Braunschweig (16.) und den VfL Osnabrück (17.).

Vor dem Aufstieg kommt die Panik

Es ist schon erstaunlich, wie sehr sich die Hamburger Jahre in Liga zwei gleichen. Je näher es dem Aufstieg entgegengeht, desto panischer geht es auf dem Rasen zu. All die Qualitäten, die die Mannschaft in jedem Jahr hat, plötzlich weg. Einfach weg. Unerklärlich. Nie aber war es so dramatisch, wie am 28. Juni des vergangenen Jahres, als der Klub daheim mit 1:5 (!) vom SV Sandhausen gedemütigt wurde. Und von Ex-Spieler Dennis Diekmeier, der jahrelang als ungefährlichster Spieler im Profifußball verspottet worden war, und an diesem so legendären Nachmittag, in der 93. Minute einen spektakulären Treffer, den zweiten seiner Profikarriere, erzielt hatte. Mehr Depp war der Hamburger SV nie. Nun, Hrubesch wird dieses Label sicher nicht angeheftet. Egal, wie es für ihn ausgeht. Die Zeit ist kurz, die Lage kompliziert. Zudem ist er eine Legende im Klub. Und niemand wird diese Legende angreifen.

Bei einem erneuten Scheitern dürfte es dagegen vielmehr für Sportvorstand Jonas Boldt eng werden. Der begründet die Entscheidung vom Montagvormittag übrigens so: "Wir haben es als zwingend angesehen, eine größere Justierung vorzunehmen. Zuletzt war bei Daniel die Führungskraft nicht mehr in diesem Maße vorhanden. Zuletzt war die Überzeugung nicht mehr da, dass das Konstrukt mit Mannschaft und Trainer noch funktioniert."

Auf jeden Fall ist die Freistellung des Trainers Thioune nun auch für den Sportvorstand die letzte Chance, den dringend benötigten Stimmungswechsel herbeizuführen. Eigentlich wollte der 39-Jährige in Hamburg endlich für Ruhe und Kontinuität sorgen und dem als Entwickler geholten Thioune die Zeit zum Aufbau eines Teams mit starker Perspektive geben. Diese wurde in der Rückrunde indes immer trister. Zwar zeigte die Mannschaft immer wieder ihr Potenzial, sie zeigte aber auch, dass sie dem (Aufstiegs)Druck mental einfach nicht gewachsen war. In Zahlen drückt sich das so aus: In bislang 14 Spielen der Rückrunde holte der HSV nur drei Siege (!) und 16 Punkte.

An diesem sensiblen Punkt will Hrubesch seine Arbeit nun ansetzen: "Zunächst einmal geht es darum, die Köpfe der Spieler freizubekommen. Zuletzt hat die Mannschaft leider oft unter Wert gespielt." Die Mannschaft verfüge "über eine andere Qualität, die wir jetzt in den verbleibenden Spielen auf den Platz bringen müssen. Ich werde viele Gespräche führen, reinhören und versuchen, ein paar Akzente zu setzen."

Ungeachtet vom Ausgang der Saison: Der Klub wird in den nächsten Wochen eine schwierige Frage beantworten müssen. Wer kann diesen HSV eigentlich erfolgreich trainieren? Hrubesch wird es nicht sein. Er wird sich nach dem 34. Spieltag wieder ins Nachwuchsleistungszentrum zurückziehen. Dort ist er der Direktor. Und wird das bleiben. Das hat er so unmissverständlich erklärt, wie einst Jupp Heynckes seinen Abgang beim FC Bayern. Die Hamburger tun also gut daran, sich auf das Wort des 70-Jährigen zu verlassen.

Wer soll es richten?

Nun, wer soll es machen? Und wie? In den vergangenen drei Jahren sind drei völlig unterschiedlich Ansätze gescheitert: der mit dem talentierten Hannes Wolf, der mit dem erfahrenen Dieter Hecking und nun eben jener mit dem innovativen Thioune. Der hatte seine Trennung selbst forciert, als er vergangene Woche nach dem Remis beim Karlsruher SC Sätze sagte, die ihm als Kapitulation ausgelegt wurden.

Nun reihen sich diese drei in eine jämmerliche Bilanz des Hamburger SV ein. Seit Mai 2011, also seit zehn Jahren, haben sich 17 (!) Trainer mehr oder weniger verzweifelt daran versucht, den Verein zu stabilisieren (die Interimslösungen sind eingerechnet). Was nie nachhaltig gelang. Trotz teurer und bisweilen auch stark aufgestellter Mannschaften. Klar, es kann am Karma des Klubs liegen. Ist allerdings natürlich Quatsch. Aber dass die Last der großen Vergangenheit, der immense Druck des Umfelds, der Spott des Scheiterns (von Fans anderer Klubs), was mit den Spielern macht, sie nicht nur motiviert und antreibt, ist irgendwie auch klar.

Wie sehr Fußballer an den immensen Erwartungen, an der Verzweiflung des ausbleibenden Erfolgs brechen können, zeigt das Beispiel FC Schalke 04. Dort ist der Kader sicher nicht gut zusammengestellt gewesen, die Qualität des Aufgebots um einen Nationalspieler wie Suat Serdar oder den hoch begabten Amine Harit hätte dennoch mindestens mal für den souveränen Klassenerhalt reichen können. Nein, sie hätte reichen müssen. Nun teilt der Klub eben das Schicksal der Hamburger. Und kann dort sehr genau beobachten, was passiert, wenn Ruhe und Kontinuität durch die Nervosität des Umfelds torpediert werden. Übrigens gibt es in Hamburg wohl schon einen Kandidaten für die neue Saison: Steffen Baumgart. So berichtet es der "Kicker". Der umworbene Malocher. Wieder ein anderer Ansatz. Und wieder die Hoffnung, dass er endlich funktioniert.

Quelle: ntv.de

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