Redelings Nachspielzeit

Horst Hrubesch wird 70 Das "Ungeheuer", das Neuer schwärmen ließ

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Horst Hrubesch, nicht nur beim HSV ein Idol.

(Foto: imago images/Sven Simon)

Heute feiert Horst Hrubesch seinen 70. Geburtstag. Der dreifache deutsche Meister, Europapokalsieger und Europameister von 1980 hat in seiner Karriere viele Menschen für sich begeistert. Um einen jedoch musste Hrubesch fast ein Leben lang kämpfen!

"Dieser Trainer war wie ein Freund, er hat uns angeschnauzt und sofort wieder aus dem Dreck gezogen. So habe ich das noch nie erlebt." Manuel Neuer schwärmte nach den erfolgreichen Wochen 2009 in Schweden und dem Europameisterschaftsgewinn mit der U21 in den höchsten Tönen von seinem Coach Horst Hrubesch. Mit seinem Lob ist der deutsche Nationaltorwart natürlich bei weitem nicht der einzige. Doch überraschenderweise gibt es jemanden, der sehr lange an Hrubesch zweifelte. Wer das ist? Dazu später mehr.

Bayern Münchens ehemaliger Keeper Sepp Maier ist es auf jeden Fall nicht. Denn der meinte einmal ehrfurchtsvoll über die herausragenden Fähigkeiten des in Hamm geborenen Stürmers: "Der Hrubesch wird der erste Spieler in der Bundesliga sein, dem es gelingt, einen Freistoß aus 30 Metern mit dem Kopf zu verwandeln." Und sein ehemaliger Mannschaftskamerad bei Rot-Weiss Essen, der legendäre Manfred Burgsmüller, ist es auch nicht gewesen - denn der sagte einst: "Der Hrubesch konnte gar nicht geradeaus laufen, aber Flanken hat der mit dem Kopf aus zwanzig Metern reingehauen".

"Das lange Ungeheuer"

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Dass es der gelernte Dachdecker jemals soweit als Fußballprofi bringen würde, hätte lange Zeit niemand gedacht. Nach Probeeinheiten beim BVB in Dortmund und beim VfL in Bochum war "Hotte" als ungeeignet weggeschickt worden. Doch Rot-Weiss Essen griff schließlich zu - und sollte dies nie bereuen.

Denn nach seinem Wechsel zu RWE zur Saison 1975/76 schoss "das lange Ungeheuer", wie er damals genannt wurde, gleich zwei Treffer in seinem allerersten Bundesligaspiel überhaupt. Damals gegen Bayer Uerdingen kamen noch ein Abseitstreffer, ein Lattenkopfball und viele weitere tolle Chancen hinzu. Nach der Begegnung meinte Hrubesch bescheiden: "Mir genügt es bereits, wenn ich im ersten Dutzend der Torjäger zu finden bin. Schließlich habe ich gerade erst vier Klassen übersprungen. Ich hoffe nur, dass ich nicht urplötzlich aus diesem schönen Traum erwache!" Doch davon konnte keine Rede sein. Von nun an lief es bei ihm.

Wie groß die Anerkennung in der Liga tatsächlich schnell war, zeigt ein kurioses Beispiel aus dieser Zeit. Denn als sein Stürmer Dieter Müller eine kleine Schwächephase durchlebte, bat Kölns legendärer Trainer Hennes Weisweiler einen Journalisten höflich darum, zu schreiben, dass er in Essen auf der Tribüne gesehen worden sei. Der Journalist schaute Weisweiler ob des eigenartigen Vorschlags irritiert an. Doch der Kölner Coach lächelte nur spitzbübisch und erklärte: "Wenn das der Dieter Müller liest, denkt er an den Horst Hrubesch und läuft wieder ein paar Schritte schneller!" Ein größeres Lob hätte der Essener Stürmer nach nur wenigen Monaten in der Bundesliga nicht bekommen können.

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Die Fußball-Funktionäre quer durchs ganze Land waren also auf Horst Hrubesch aufmerksam geworden - doch dann ging es mit Rot-Weiss runter in die Zweite Liga und der Essener rutschte kurzfristig aus dem Fokus der Öffentlichkeit. Allerdings nicht lange, denn Hrubesch sorgte in der Spielzeit 1977/78 für einen Fabelrekord: 42 Tore erzielte er in nur einer Saison. Hamburgs neuer Manager Günter Netzer setzte alle Hebel in Bewegung, Hrubesch für den HSV zu verpflichten. Und es gelang. Und wie!

Denn die Zeit beim Hamburger SV war von Erfolgen geprägt. Eine tolle Truppe holte Titel um Titel. Man verstand sich auf und abseits des Platzes. Otto Rehhagel, der den Torjäger selbst so gerne zuvor für den BVB verpflichtet hätte, nannte die HSV-Spieler Hrubesch und Jürgen Milewski (1,71 m) "Ein Pärchen wie Pit und Klärchen". Die beiden nahmen das Größengefälle mit Humor. Wenn Milewski mal wieder seine Leibspeise Kartoffelpuffer mit Apfelmus aß, schüttelte Hrubesch nur den Kopf und sagte: "Jürgen, hau dir lieber ein paar Steaks in den Magen, dann wächst du vielleicht noch. Du bist ja fast ein Liliputaner." Das ließ sich Milewski natürlich nicht unwidersprochen sagen und konterte: "Langer, wenn ich noch wachse, bist du vielleicht deinen Posten los - und das möchte ich nicht!"

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Eine Meisterfeier mit dem HSV wird Hrubesch in seinem Leben nie vergessen. 1982 erwies sich der englische Doppeldeckerbus, mit dem man durch die Stadt fahren wollte, als altersschwach. Er wollte einfach nicht anspringen. Als er dann endlich fuhr, warf ihn gleich die erste Anhöhe aus der Bahn. Das Team dachte: Hilft ja alles nichts, also, alle HSV-Profis raus, das Gefährt anschieben. Doch nach wenigen Metern war klar, hier ging nichts mehr. Ein Traktor tuckerte zur Hilfe und zog den Bus durch die Straßen.

Und als dann auch noch die Ampeln plötzlich zu tief hingen und ein besorgter Polizist die Profis warnte, meinte Horst Hrubesch nur: "Keine Angst, die köpf ich alle weg!" Da störte es am Ende auch nicht mehr, dass einige Jacketts nach einem Eier-Bewurf von Punkern geopfert werden mussten. Eines der Eier bekam Hrubesch auch noch direkt vor die Stirn. Seine Mannschaftskollegen grinsten: "Mensch, Horst, jetzt ist aber auch mal gut. Du musst doch nicht alles mit dem Kopf nehmen."

Auch mit der Nationalmannschaft verbindet der Torjäger gute Erinnerungen. 1980 holte er mit dem Team in Italien den Titel des Europameisters. Doch für Hrubesch war eine Sache fast noch wichtiger. Vor dem Endspiel in Rom war er in Begleitung aufgebrochen, um in die Stadt zu gehen. Er hatte sich zuvor bei seinem Trainer Jupp Derwall die Erlaubnis für diesen Trip geholt. Genau eine Stunde durfte er sich aus dem Mannschaftshotel entfernen. Derwall konnte sich später sehr gut an diesen Tag erinnern: "Obwohl ich mir nicht sicher war, dass dies irgendeinen Sinn haben könnte, stand ich schon nach einer halben Stunde da, um auf den Spieler zu warten. Dann kam er, pünktlich und locker, mit einem Lächeln, das mich neugierig machte. Schon von weitem rief er: 'Trainer, ich habe ihn gesehen! Ich habe ihn gesehen, den Papst, Trainer! Den Papst, wirklich, ganz aus der Nähe habe ich ihn gesehen.' Horst sah glücklich aus, zufrieden und voller Dankbarkeit."

"Wäre der Bundestrainer nur Sekunden später gekommen ..."

Nachdem er seine Spielerkarriere 1986 in Diensten von Borussia Dortmund beendet hatte, wechselte Hrubesch an die Seitenlinie. Doch nach einigen Anfangserfolgen hakte es plötzlich in der Karriere des ehemaligen Starstürmers. "Kicker"-Herausgeber Rainer Holzschuh erinnerte einmal daran, dass es eines Zufalls bedurfte, damit Hrubesch schließlich beim DFB landete.

Ben Redelings

Ben Redelings ist ein leidenschaftlicher "Chronist des Fußballwahnsinns" (Manni Breuckmann) und Anhänger des ruhmreichen VfL Bochum. Der Autor, Filmemacher und Komödiant lebt im Ruhrgebiet und pflegt sein Schatzkästchen mit Anekdoten. Für ntv.de schreibt er dienstags und samstags die spannendsten und lustigsten Geschichten auf. Weitere Informationen zu Ben Redelings, seinen aktuellen Terminen und Projekten gibt es auf seiner Seite www.scudetto.de.

So saßen Holzschuh und Hrubesch im Jahr 1998 abfahrbereit in einem Taxi, als in letzter Sekunde die Tür aufgerissen wurde und Berti Vogts zu den beiden dazu hechtete. Der "Kicker"-Herausgeber ist sich sicher: "Wäre der damalige Bundestrainer nur Sekunden später gekommen, das Leben von Horst hätte eine andere Bahn genommen." Doch so erkundigte sich Vogts nach Hrubesch Befinden und dieser ergriff die Initiative und fragte den Bundestrainer nach einem Ausweg aus seiner Auszeit. Vogts machte ihm damals noch im Taxi Mut und schon kurze Zeit später war Hrubesch Angestellter beim DFB.

Anfangs jedoch mit medialem Gegenwind. Teamchef Erich Ribbeck fand schließlich deutliche Worte, als die Kritik an seinem Assistenten immer lauter wurde: "Es ist für mich nicht wichtig, ob einer gelernter Dachdecker oder Anstreicher ist. Wichtig ist, ob er mit Spielern umgehen kann." Und dass er das konnte, bewies er schließlich nicht zuletzt im Jahr 2009, als er die U-21 zum Europameistertitel führte.

Damals setzte Hrubesch seine Idee vom Fußball mit viel Geduld und Einsatz um. Er wollte schnellen Fußball sehen. Die Europameister erinnern sich im Rückblick an keine einzige Einheit, in der Hrubesch nicht laut "patsch, patsch, patsch" über den Platz rief. Der Ausruf sollte die Spieler dazu animieren, den Ball mit wenigen Kontakten laufen zu lassen.

"Jetzt glaube ich auch selbst, dass ich wirklich so gut bin"

Und wenn es im Training einmal nicht so gut klappte, ging Hrubesch eben wie früher selbst in den Strafraum. Nachdem sich die Stürmer beschwert hatten, dass die Außen die Flanken zu ungenau schlagen würden, stellte sich der Ex-Torjäger an die Fünfmeterlinie und netzte 9 von 10 Bällen kurzerhand ein. Hinterher ging er zu seinen Stürmern und meinte locker-lächelnd: "Ich weiß gar nicht, was ihr habt. Sind doch in Ordnung die Flanken!"

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Als Horst Hrubesch vor zweieinhalb Jahren in Nürnberg den "Walther-Bensemann-Preis" der "Deutschen Akademie für Fußballkultur", den vor ihm schon Persönlichkeiten wie Alfredo di Stefano, Cesar Luis Menotti oder Alex Ferguson erhielten, verliehen bekam, hielt der Mann, den so viele Fußballfreunde für seine Arbeit als Spieler und Trainer und als Menschen lobpreisen, kurz inne. Und dann sagte Horst Hrubesch etwas ganz Erstaunliches: "Wenn man so einen Preis gewinnt, dann muss man doch vieles richtig gemacht haben. Ich habe in meinem Leben immer versucht, mich selbst unter den Scheffel zu stellen. Ich habe mich oft hinterfragt: Bist du wirklich so gut, kannst du das oder kannst du es nicht? Aber ich denke, und jetzt glaube ich es langsam auch selbst, dass ich wirklich so gut bin!" Und damit hat Horst Hrubesch selbstverständlich Recht.

Heute feiert der Mann, der dem Fußball aktuell immer noch als Nachwuchsdirektor im Nachwuchsleistungszentrum des Hamburger SV erhalten geblieben ist, seinen 70. Geburtstag. Alles Gute und Glück auf, lieber Horst Hrubesch!

Quelle: ntv.de

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