Fußball

Großes Ballyhoo um Nichts? Der FC Bayern liefert ein reifes Stück Fußball

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Lewandowski und Süle bedanken sich für die Unterstützung durch die Fans.

(Foto: picture alliance/dpa)

Wer hätte das gedacht? Der FC Bayern geht an der Anfield Road beim Favoriten FC Liverpool im Achtelfinale der Champions League nicht nur nicht unter, sondern ertrotzt sich nach Art eines Außenseiters eine gute Position für das Rückspiel. Trainer Kovac kann allerdings nicht genau erklären, warum.

Eines steht fest: Ein Tippspielkönig wird aus Niko Kovac so schnell nicht mehr. Er könne sich nicht vorstellen, dass dieses Fußballspiel 0:0 ausgehe, hatte der Trainer des FC Bayern gesagt. Immerhin war er mit seiner Einschätzung nicht alleine. Doch an diesem Dienstagabend geschah das, womit wohl die wenigsten ernsthaft gerechnet hatten. Die Münchner ertrotzten sich im Achtelfinalhinspiel der Champions League mit einer ebenso meisterhaften wie unerwarteten Defensivleistung und einem überschaubar bemessenen Quantum Glück ein torloses Unentschieden beim FC Liverpool. Sie taten das vor 52.250 Zuschauern im ausverkauften Anfield Stadium nach Art eines ambitionierten Außenseiters, allerdings auf einem sehr hohen Niveau und vor allem über 94 lange Minuten.

FC Liverpool - FC Bayern München 0:0

Liverpool: Becker - Alexander-Arnold, Matip, Fabinho, Robertson - Wijnaldum, Henderson, Keita (76. Milner) - Salah, Firmino (76. Origi), Mané. Trainer: Klopp
München: Neuer - Kimmich, Süle, Hummels, Alaba - Martínez, Thiago - Gnabry (90.+1 Rafinha), James (88. Sanches), Coman (81. Ribéry) - Lewandowski. Trainer: Kovac
Schiedsrichter: Rocchi (Italien)
Gelbe Karten: Henderson (55.) - Kimmich (28.)
Zuschauer: 52.250

Sie rannten sehr viel und störten den Favoriten, wo sie nur konnten. Funktionierte das, waren sie erst einmal zufrieden. Und wenn sie den Ball hatten, und den hatten sie zu fast exakt der Hälfte der Zeit, ließen sie sich nicht in die Konterfalle locken oder dazu verleiten, lange Pässe zu spielen, sondern bauten das Spiel so ruhig auf, wie es eben ging, gerne auch erst einmal in der eigenen Hälfte. Kovac jedenfalls durfte unwidersprochen konstatieren: "Wir haben unser Ziel erreicht." Seine Zufriedenheit dürfte sich dabei nicht nur aus einer sehr konzentrierten Leistung seiner Mannschaft gespeist haben, sondern auch daraus, dass das Erwartungsmanagement des FC Bayern perfekt gegriffen hat. Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge und Klubpräsident Uli Hoeneß hatten vorher betont, dass ein Remis ein prima Ergebnis sei. Alles andere sei vermessen.

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Kovac: "Wir haben unser Ziel erreicht."

(Foto: picture alliance/dpa)

Der Clou an der Sache ist, dass das stimmt. Wenn eine Fußballmannschaft, deren prägendes Problem die defensive Anfälligkeit ist, auf einen Gegner trifft, bei dem mit Roberto Firmino, Sadio Mané und Mohamed Salah drei der besten Angreifer dieses Planeten spielen, dann wäre es - bei allem Mia san mia - schlichtweg dumm gewesen, die Klappe zu weit aufzureißen. Nun gelte es, sagte Kovac, im Rückspiel am 13. März "zu Hause den Sack zuzumachen". Wichtig war dem Trainer aber vor allem: "Wir haben hier heute eine richtig klasse Leistung gebracht gegen einen Top-Gegner. Das muss man auch mal herausheben."

Martínez avanciert zum Zweikampfmonster

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Sein Kollege Jürgen Klopp war da weniger zufrieden. Dabei hatte der Abend für ihn und seine Mannschaft erwartet stimmungsvoll begonnen. Erst sangen Liverpools Fans ihr Europapokallied "Allez, Allez, Allez", das sie in der vergangenen Saison bis ins Finale begleitet hatte. Dann stimmten sie die unvermeidliche Hymne "You'll never walk alone" so hingebungsvoll an, dass sich der Münchner Mats Hummels ein Lächeln nicht verkneifen konnte. Schade nur, dass die Uefa über die Lautsprecher des Stadions die Hymne der Champions League dudeln ließ, bevor sie damit fertig waren. Es waren aus Sicht der Gastgeber nicht die einzigen Misstöne. Je länger das Spiel dauerte, desto verzweifelter schienen sie. "Wir haben denen zu viele Bälle in die Füße gespielt", beschwerte sich Klopp. "Die Fehler im Umschaltspiel taten uns weh."

Und überhaupt ließen die Bayern die Liverpooler partout nicht das machen, was sie am besten können: nach Ballgewinn überfallartig anzugreifen. "In der ersten Halbzeit haben wir uns noch Chancen erspielt, in der zweiten Halbzeit nicht mehr." Dennoch war Klopp bemüht, das Ganze nicht zu negativ zu interpretieren. "Wir wollten ein Ergebnis erzielen, mit dem wir arbeiten können. Und wir können mit diesem Ergebnis arbeiten." Aber dann räumte er doch ein: "Es ist nicht das Ergebnis oder das Spiel, von dem wir geträumt haben. In Deutschland sagen wir, es ist wie das Hornberger Schießen: ein großes Ballyhoo vor dem Spiel - und dann passiert nicht viel." Nullzunull halt.

"Kann das auch nicht so richtig erklären"

In der Tat war an diesem windigen und kühlen Abend im Dauerregen in der Merseyside schnell klar, dass da eine Mannschaft des FC Bayern auf dem Platz stand, die sich Respekt verschaffen wollte, was ihr auch gelang. Klar, wenn die Liverpooler ins Rollen kamen, dann wurden sie gefährlich. Aber die Münchner hielten dagegen, ruhig und leidenschaftlich zugleich, enorm passsicher und abgeklärt. Weil Leon Goretzka kurzfristig verletzt absagte, kam Javier Martínez ins Team. Und als habe er nur auf diese Chance gewartet, avancierte er auf der Doppelsechs im defensiven Mittelfeld mit seiner Zweikampfstärke neben dem ebenfalls sehr guten Thiago Alcántara zum überragenden Spieler seiner Mannschaft. Und weil er in jüngster Zeit bisweilen arg in der Kritik stand, sei kurz erwähnt, dass Hummels an der Seite von Niklas Süle in der Innenverteidigung eine souveräne Leistung bot.

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Ein Auswärts-"0:0" ist kein Ergebnis, auf dem sich die Bayern ausruhen können.

(Foto: picture alliance/dpa)

Wenig bis nichts war zu sehen von der Defensivschwäche, da die Außenverteidiger Joshua Kimmich, der nach seiner Gelben Karte im Rückspiel fehlt, und David Alaba sich offensiv zurückhielten und ihrem Kerngeschäft widmeten. Und weil selbst Spielmacher James Rodríguez defensiv mitarbeitete und Torhüter Manuel Neuer hielt, was es zu halten gab, konnte eigentlich nichts mehr schiefgehen. Allerdings wusste Kovac nicht genau, warum seine Mannschaft plötzlich so gut verteidigte. "Ich kann das auch nicht so richtig erklären." Vielleicht, mutmaßte der Trainer, habe es ja dran gelegen, dass seine Spieler in einem wichtigen Königsklassespiel noch ein wenig fokussierter seien. "Bundesliga ist Bundesliga und Champions League ist Champions League."

Nicht wenige hatten prognostiziert, dass der FC Bayern untergehen könnte. Kovac hatte den Spielern mit auf den Weg gegeben, dass es darum gehe, den Liverpooler Sturmlauf zu Beginn zu überstehen. Das gelang ihnen und am Ende noch viel mehr. Immer wieder versuchten die schnellen Außenstürmer Serge Gnabry und der leicht angeschlagene Kingsley Coman, sich Torchancen zu erspielen und ihren Mittelstürmer Robert Lewandowski zu bedienen. Das am Ende auch im vierten Anlauf in Anfield kein Treffer heraussprang, dürften sie erst einmal verschmerzen. Hätten die Münchner als erste deutsche Mannschaft im Europapokal in Liverpool gewonnen, es wäre dann doch des Guten ein wenig zu viel gewesen. Aber es war auch so eine reife Leistung. Was die letztlich wert ist, wird sich dann am 13. März zeigen. Wir dürfen gespannt sein, was Niko Kovac tippt.

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Quelle: n-tv.de

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