Langweilig Liga, langweilig Der FC Bayern holt einen Titel, der ab Mittwoch nicht mehr zählt
Borussia Dortmund rollt den roten Teppich aus und der FC Bayern flaniert souverän ins Ziel. Nach dem Sieg gegen den VfB Stuttgart sind die Münchner erneut Meister. Die Reise der Mannschaft von Vincent Kompany ist aber noch nicht zu Ende.
Der FC Bayern ist zum 35. Mal Deutscher Fußball-Meister. Nach nur 30 Spieltagen nutzen die Münchner gegen den VfB Stuttgart die Steilvorlage von Borussia Dortmund - die 1:2-Niederlage bei der TSG Hoffenheim am Samstag- und holen sich die gerade erweiterte Meisterschale. Weil sie nach all den Jahren, nach all den Gravuren zu klein geworden war, hatte sie vergangene Woche einen neuen Außenring bekommen. Und kein Team hätte es mehr verdient, dort als erstes verewigt zu werden als der FC Bayern. Als dieser FC Bayern, der unter Trainer Vincent Kompany unschlagbar daherkommt. Was in Zahlen indes nicht ganz stimmt, dazu gleich mehr.
Der VfB Stuttgart, immerhin Tabellendritter und auf der Jagd nach wichtigen Punkten für die Champions League, durfte bei der Krönungsmesse kurz nerven und ging sogar nach 21 Minuten durch Chris Führich in Führung. Doch dann gab der Meister Gas, drehte den Rückstand durch Raphael Guerreiro, Nicolas Jackson und Alphonso Davies binnen sechs Minuten zum 3:1. Die Party war eröffnet, das Traumtor von Stuttgarts Chema kurz vor Schluss zum 4:2-Endstand für die Bayern war da noch ein Extra-Leckerbissen, der nach Harry Kanes zwischenzeitlichem 4:1 auch niemanden mehr störte. "Es ist extrem speziell. Gerade diese Saison spielen wir eine sehr gute Bundesliga-Saison", sagte Joshua Kimmich bei DAZN. "Es ist nicht selbstverständlich, nach den Madrid-Spielen so ein Spiel gegen den Dritten zu machen. Die Art und Weise ist das Besondere."
Ja, sie feierten die Meisterschaft, wie sie halt Meisterschaften feiern. Mit Bierduschen und reichlich Glückseligkeit. Aber sie feierten nicht ausufernd. Die Schale ist nur Zwischenstation zu etwas Größerem. Die Liga ist dem Klub längst zu klein geworden. Wenn die Münchner sie so seriös bespielen wie in dieser Saison, wird mindestens ein Klassenunterschied deutlich. Da wirkte der einzige Verfolger BVB auf den letzten Saisonmetern so ausgelaugt wie Radsportstar Jonas Vingegaard am Berg nach langer, aussichtsloser Verfolgung des allesfressenden Giganten Tadej Pogacar. Jetzt wollen die Dortmunder nur noch vor den Verfolgern ins Ziel, aber die Kraft geht aus, siehe Hoffenheim. Und die Bayern, die jagen weiter wie der unermüdliche Pogacar einfach alles.
Die Liga bleibt für die Bayern zu klein
Dass sich daran was ändert, ist bis zum Horizont nicht in Sicht. Und so wird der gerne bemühte Verweis auf die so große Bedeutung der Schale vor allem dann herangezogen, wenn es sonst nicht viel zu feiern gibt. Er dient dann der Aufwertung eines Titels, der für die Münchner an Wert verloren hat. In diesem Jahr ist alles anders. Bis jetzt.
Die ewig titelhungrigen Münchner schielen auf das Triple. Das ist die Mission. Im DFB-Pokal bekommen sie es im Halbfinale mit der wankelmütigen Werkself aus Leverkusen zu tun, in der Champions League wartet der Titelverteidiger Paris St. Germain, und das in bester Verfassung. Es sind noch schwere Aufgaben zu lösen. Aber wenn eine Mannschaft in der Lage ist, das zu stemmen, dann die des Rekordmeisters. In dieser Rekordsaison.
Ihren eigenen Torrekord aus der Saison 1971/72, als Gerd Müller, Uli Hoeneß und Co. auf 101 Treffer kamen, hatten die Bayern schon vor der Krönung pulverisiert. Nun können sie auch noch den eigenen Sieg-Rekord aus den Spielzeiten 2012/13 und 2013/14, als die Münchner jeweils 29 Siege holten, noch knacken. Aktuell stehen sie bei 25, sie müssten ab sofort also alle Spiele gewinnen. Nicht mehr sehr wahrscheinlich ist hingegen, dass Harry Kane noch an Robert Lewandowski vorbeizieht und sich den Rekord für die meisten Saisontore schnappt. Der frühere Bayern-Stürmer traf 41-mal in der Saison 2020/21, Kane steht jetzt bei 32 Toren.
Diaz erzählt die bemerkenswerteste Geschichte
Die Geschichte um Harry Kane erzählt viel über die Münchner in dieser Spielzeit. Der Engländer war lange auf Rekordpfaden unterwegs, ehe ihn eine kleine Verletzung ausbremste, ehe er kürzertreten musste. Der eigentlich Unverzichtbare. Die Mannschaft von Kompany nahm das hin. Wie so viel anderes hingenommen hatten. Klaglos. Mit radikaler Akzeptanz. In dem Vertrauen darauf, dass sie aus der eigenen Kraft Lösungen entwickeln. Und was waren das für Lösungen seit dem wilden Transfermarkt im Sommer 2025, als die Bayern im Werben um Florian Wirtz und Nick Woltemade unterlegen waren. Als sie Luis Diaz bekamen und sich dann anhören durften, dass sie nicht mehr interessant sind für die dickste Fische im Teich der Aufbruchwilligen.
Der Kolumbianer hatte sie alle verstummen lassen. Seine Kritiker, die Spötter, die Heldenverehrer von Wirtz und Woltemade. In 42 Spielen hat er 44 Scorerpunkte aufgelegt, hat den FC Bayern unter der Woche ins Halbfinale der Champions League geschossen und sich gemeinsam mit Michael Olise, seinem Pendant auf der rechten Seite, zum neuen "Robbery" aufgeschwungen.
So viele Spieler in diesem Kader haben große Geschichten zu erzählen. Lennart Karl etwa, dessen sportliche Entwicklung sogar seinen gewagten Pink-Look aus der Champions League in den Schatten stellt. Oder der unverwüstliche Leon Goretzka, der den Verein verlassen muss, aber sich niemals aufgibt. Oder Konrad Laimer, der Österreicher, der alles gnadenlos wegverteidigt.
Sie alle werden angeführt von Kapitän Joshua Kimmich, der bereits 23 Titel mit dem Rekordmeister gewonnen hat, und immer mehr will. Wie diese Mannschaft, die sich mit nichts weniger zufrieden gibt als dem Sieg. Kimmich ist "mia san mia", er reproduziert die Sieger-DNA in diesen Kader. Der alle Widerstände wegspielt, einreißt, um am Ende zu jubeln.
Dreimal gelang das in dieser Saison nicht. In der Vorrunde der Champions League war der FC Arsenal einmal zu stark, die Münchner lernten daraus und rafften sich nochmal bei Standards. In der Liga wurden sie in der eigenen Arena vom FC Augsburg erwischt. Das war eine kleine Sensation. Die Münchner schärften nochmal den Fokus. Dank Kompany, der in seinem zweiten Jahr in München zum neuen Supertrainer in Fußball-Europa emporsteigt. Er steht damit nah in bester Tradition mit dem ungeschlagenen Xabi Alonso und dem Quadruple-Macher Hansi Flick. Mit dem Triple würde der Belgier sie erreichen.
Kompany macht alles ganz anders als Tuchel
Kompany geht den Weg nach oben mit einer Bierruhe. Er strahlt auch in gestressten Momenten den größtmöglichen Respekt, die größtmögliche Sympathie aus. Ja, er kann auch anders. Dass er mit seiner Meinung nicht hinterm Berg hält, hat ihm so viele Gelbe Karten eingebracht, dass er das Champions-League-Hinspiel gesperrt verpasst.
Kompany hat die alte Bestie FC Bayern unersättlich gemacht, weil er eigene Überzeugungen auch mal anpassen konnte. Anders als sein Vorgänger Thomas Tuchel, dem Vereinspatron Uli Hoeneß bis in den heutigen Tag hinein regelmäßig schwere Vorwürfe macht.
Tuchel hat in München offenbar eine große Wunde erzeugt, eine größere, als man gedacht hat, eine, die nur schwer ausheilen will. Das beste Mittel dagegen: Kompany. Der klagt nicht, der macht. Der bietet Lösungen statt Forderungen. Auch in den bittersten Momenten. Und den gab's direkt zum Saisonstart.
Begonnen hatte alles mit der folgenschweren Niederlage im Viertelfinale der Klub-WM. Paris St. Germain war im Sommer 2025 zu stark und Jamal Musiala nach diesem Spiel schwerst verletzt. Torwart Gianluigi Donnarumma hatte ihn böse am Fuß erwischt. Bis in dieses Frühjahr hinein kämpft der Spielmacher um seine Form. Für die Münchner war er als Unterschiedsspieler fast nicht greifbar, zuletzt mehrten sich die Momente aber wieder.
Gnabry-Verletzung als bittere Note
Musiala bekam alle Zeit der Welt, um sich von den Rückschlägen auf dem Weg zur Genesung in Ruhe zu erholen. Um nichts zu überstürzen. Dabei war er doch so wichtig. So gut. Das Gesicht des neuen FC Bayern. Und der spielte die Dinge weg, als hätte es den Schock nie gegeben. Was wäre wohl mit Musiala noch mehr möglich gewesen?
Müßig, den andere wuchsen in die Rolle hinein oder wieder hinein. Karl etwa. Oder Serge Gnabry, dessen Formhoch ihm den x-ten Karriere-Frühling bescherte. Dass er sich nun verletzt hat, womöglich schwer und wohl die WM verpasst, trübt die Party. Gnabry fehle "extrem", sagte Kapitän Joshua Kimmich im Jubel über den Titel. "Als Spieler und als Mensch". Es ist die einzig bittere Note an diesem Meisterschafts-Wochenende, dem 35. des FC Bayern in der Geschichte der Fußball-Bundesliga
