Fußball

Was ist denn da eigentlich los? Der FC Bayern stiftet kalkulierte Verwirrung

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Verfolgen Sie einen gemeinsamen Kaderplan?

(Foto: imago images/Jan Huebner)

Ein europäisches Top-Talent und einen internationalen Star möchte Sportdirektor Hasan Salihamidzic zum FC Bayern holen. Das hat er Ende April angekündigt. Fix ist aber nix. Und womöglich bleibt dieser Status unverändert. Das deutet Oliver Kahn an. Ja, was denn nun?

Hansi Flick ist derzeit sehr zufrieden. Und dafür gibt es gute Gründe. Der Beste: Seine Mannschaft spielt beeindruckend gut Fußball. Und das in allen Zonen des Spielfelds. Gegen Borussia Dortmund verteidigte der FC Bayern sensationell gut und (vor)entschied die Meisterschaft dank einer genialen Erinnerung von Joshua Kimmich. Gegen eine absolut überforderte Fortuna aus Düsseldorf pressten und passten sich die Münchner in einen wilden Offensiv-Rausch, der in einem spektakulären 5:0 endete. Probleme? Kleine bis keine. Dass sich das Leiden von Rekordmann Lucas Hernández fortsetzt, es ist persönlich bitter, sportlich aber verkraftbar. Weil sich Hernández bislang wegen seiner Misere nicht aufdrängen konnte - und weil es in der Viererkette auch niemanden zu verdrängen gibt. Aber: Immer gut einen Weltmeister zu haben.

In München haben sie sogar gleich drei von denen. Zwei im Wartestand - auch Corentin Tolisso ist derzeit verletzt - und einen in bester Form: Rechtsverteidiger Benjamin Pavard. Das klingt nach stabilem Luxus. Und der Opulenz-Eindruck, den der Kader des Rekordmeisters ausstrahlt, der wird ja nicht kleiner, wenn man sich Philippe Coutinho und Thiago (der erstere ebenfalls verletzt, der andere trainiert gerade erst wieder) noch herbeidenkt. Dringender Handlungsbedarf - eher nicht. Der in der Winterpause kurzzeitig über die Medien ausgetragene Kader-Dissens zwischen Flick und Sportdirektor Hasan Salihamidzic verkommt angesichts der fußballerischen Hoch-Kultur, die die Mannschaft wieder zum Standard gemacht hat, zu einer Lappalie.

Was ist da eigentlich los?

Allerdings droht ihr ausgerechnet nun, wo sich der FC Bayern zum Favoriten auf das erste Triple seit 2013 gespielt hat, ein Comeback. Einer der beiden möglichen Dissens-Protagonisten: Salihamdizic. Der andere: Oliver Kahn. Der eine, Salihamidzic, kündigte Ende April für ein Toptalent und einen internationalen Star an, der andere, Kahn, erklärte nun, dass auch ein Sommer ohne Transfers eine "Option" sei. Und weil der immer noch wirkende Patron Uli Hoeneß am Wochenende Sätze sagte, die einen Transfer von Leroy Sané als ziemlich wahrscheinlich wirken ließen, stellt sich nun die Frage: Was ist eigentlich los beim FC Bayern?

Womöglich gar nichts. Zumindest nichts, was Zerwürfnisse in der Alpha-Etage hervorruft. Womöglich hat Kahn mit seiner Zurückhaltung nur einordnen wollen, was Salihamidzic' sehr forsche Ankündigung ungewollt losgetreten hat: nämlich die zwingende Notwendigkeit von Transfers. Die haben sie in München nämlich tatsächlich nicht, ungeachtet dessen, ob die Leihspieler Coutinho und Ivan Perisic gehen, bleiben, nochmals ausgeliehen oder fest verpflichtet (bei Coutinho auszuschließen) werden. Und was aus Álvaro Odriozola, dem winterlichen Dissens-Kompromiss, wird, das ist für den kommenden Kader völlig belanglos. Gebraucht wurde er nie.

Gebraucht wird auch sonst niemand. Zumindest nicht, um den Erfolg der Münchner abzusichern. Auch dieses Zeichen sendet Kahn mit seinen Sätzen aus. Die Vernunft, sie soll die Transferstrategie bestimmen. Ein Ansatz, den sich der FC Bayern leisten kann. Dank Flick. Der hat aus Spielern wie Jérôme Boateng oder aber Thomas Müller, deren fußballerische Wertlosigkeit für den Rekordmeister schon lautstark besungen wurde, wieder zu Unverzichtbaren gemacht. Er führt Talente heran, die bereits wichtige Momente hatten, wie Stürmer Joshua Zirkzee. Und selbst der nicht immer frei von Eskapaden gebliebene Mickaël Cuisance darf sich mehr und mehr Hoffnungen auf Spielzeit machen. Und über Alphonso Davies, das spektakulärste Talent der Münchner, staunt mittlerweile die komplette internationale Fußball-Elite.

Vorsicht statt Risiko

Alles, was beim FC Bayern jetzt kommt (oder kommen könnte), ist Luxus. Gern genommen, vor allem Manchester Citys Leroy Sané, aber eben auch seriös kalkuliert. "Wir haben durch den Ausbruch dieser Krise gesehen, wie verletzlich dieses System Profifußball ist", hatte Kahn im Fußball-Talk "Sky 90" gesagt. "Ich glaube, dass sich viele Vereine, auch viele europäische Vereine, sehr viele Gedanken machen. Wie geht das Ganze nach Corona weiter? Und was bedeutet das finanziell?"

Bei den gehandelten Sané und dem Leverkusener Kai Havertz antwortete Kahn grundsätzlich: "Da wäre ich ganz vorsichtig, jetzt über irgendwelche Transfers nachzudenken im größeren Millionenbereich, weil im Moment sind erstmal ganz andere Dinge zu bewältigen, bevor dieser Markt - wenn überhaupt - wieder anspringen wird und da überhaupt Größeres passiert. Im Moment bin ich da eher skeptisch." Der Verein sei "sehr gut beraten, da eine gewisse Vorsicht walten zu lassen, bevor man da zu arg ins Risiko geht", sagte der Chef in Ausbildung. Es ist ein Luxus, den sich die Münchner leisten können. Es ist ein Luxus, der indes auch den Druck auf die Konkurrenz erhöht. Zum Beispiel auf Manchester City. Denn plötzlich kann der FC Bayern den Preis für Sané bestimmen - oder warten, dass er im Sommer 2021 ablösefrei wechselt.

Quelle: ntv.de